Gelebt in Duisburg, gestorben für Kobane

Suphi Nejat Ağırnaslı fiel im Kampf gegen den IS - Ismail Küpeli erinnert sich an ihn

Kampf gegen den IS: Gelebt in Duisburg, gestorben für Kobane

Als im September 2014 der sogenannte »Islamische Staat« (IS) den Angriff auf die kleine Grenzstadt Kobanê in Rojava/Nordsyrien begann, nahm hierzulande kaum jemand Notiz davon. Angesichts der vorhergegangenen IS-Siege in Irak und Syrien, in denen Millionenstädte wie Mossul innerhalb weniger Tage erobert wurden, schien die Schlacht um Kobanê keine große Bedeutung zu haben. Kaum ein westlicher Beobachter hätte im Vorfeld erwartet, dass ein paar hundert kurdische KämpferInnen die Stadt Monate halten könnten und der IS hier seine erste große Niederlage einstecken würde.

Anders war es für diejenigen, die geografisch und politisch näher dran waren. Viele Linke in der Türkei - unabhängig von der ethnischen Zuordnung - hat der Kampf um Kobanê dazu bewegt, die Verteidigung der Stadt als die Verteidigung eines linken und emanzipatorischen Projekts gegen Jihadisten anzusehen. Sie haben sich engagiert, sei es durch Spendenkampagnen und Öffentlichkeitsarbeit oder dadurch, dass sie in Kobanê an der Seite der kurdischen YPG/YPJ gekämpft haben.

Auch in Deutschland waren es in den ersten Wochen hauptsächlich kurdische und türkische Linke, die auf Kobanê aufmerksam machen wollten. Ich war einer dieser BeobachterInnen, die versucht haben, zu verstehen, was dort passiert und den Stimmen aus Kobanê Gehör zu verschaffen. Täglich kamen Meldungen über die Angriffe des IS – und täglich kamen die Meldungen über getötete ZivilistInnen und KämpferInnen in Kobanê. Von den meisten Opfern erfuhr man nichts, nur eine Zahl. So-und-so-viele Todesopfer, so-und-so-viele Verletzte. Manchmal kamen Namen dazu, seltener ein Foto. Es waren oft junge Gesichter. Auch wenn sie vertraut schienen, waren sie doch Fremde. Menschen, die man nie getroffen hat – und nie treffen wird. Wer sie waren, was für ein Leben sie hatten, was sie sich erhofft hatten, all das war nicht zugänglich.

Und dann tauchte Anfang Oktober 2014 ein Gesicht auf, das nicht nur vertraut schien. Nein, ich hatte dieses Gesicht schon mal gesehen. Aber wo? Die erste Recherche ergab: Suphi Nejat Ağırnaslı, 1984 in Söke/Türkei geboren und am 5. Oktober 2014 in Kobanê im Kampf gegen den IS getötet. Einer von vielen türkischen Linken, die nach Rojava gegangen waren, um dort zu kämpfen. Aber warum kam er mir so bekannt vor? Eine Fotocollage mit verschiedenen Bildern aus seinem Leben klärt es auf: Suphi Nejat in Kobanê, Suphi Nejat in Istanbul bei politischen Aktion, Suphi Nejat während seiner Jugend in Duisburg. 1990 floh er aus politischen Gründen mit seiner Familie aus der Türkei nach Deutschland und lebte für einige Jahre hier.

Seinen Namen hatte ich bereits vergessen, aber das Gesicht brachte die Erinnerung zurück. Ja, es war dieser Kerl, eine halbe Generation jünger als ich, den man in den Vereinen der türkischen Linken im Duisburger Norden antraf. Meine Familie kam ein Jahr später in Duisburg an, aus den gleichen Gründen aus der Türkei geflohen. Ich hatte schnell mit der türkischen Linken abgeschlossen. Die Antifa schien in Zeiten von Rostock-Lichtenhagen, Mölln und Solingen viel sinnvoller zu sein, als aus Deutschland heraus Türkeipolitik zu machen. Autonome Zentren waren attraktiver als die türkischen Kulturvereine. Als wir uns Mitte der 1990er Jahre begegneten, sah ich mich eher der Antifa zugehörig und ihn nur als jemanden, der im Geiste noch immer in der Türkei und nicht hier angekommen war. Eine Zeit lang diskutierten wir und nach ein paar Jahren verlor sich der Kontakt. Ich machte mir keine Gedanken darüber. Es ist nicht unüblich, dass Jugendliche aus linken Familien irgendwann»aussteigen« und sich für andere Dinge interessieren.

Aber ich lag falsch. Suphi Nejat ging nach der Schulzeit in Duisburg zurück in die Türkei. Er war dort politisch aktiv, hat zahlreiche linke Bücher ins Türkische übersetzt, schrieb Artikel. Er wurde aufgrund seines politischen Aktivismus immer wieder festgenommen. Und schließlich, im August 2014 ging er nach Kobanê – zu einem Zeitpunkt, als der IS immer näher an Kobanê rückte. Er muss gewusst haben, was dieser Entschluss bedeuten könnte, angesichts der militärischen Machtverhältnisse. Aber er ging. Und er starb im Kampf gegen den IS, wie so viele vor ihm und nach ihm. Suphi Nejat Ağırnaslı, getötet am 5. Oktober in Kobane.

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