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Poesie und Liebe in Zeiten des Verrats

Riikka Pelo hat einen großartigen Roman über Marina Zwetajewa und ihre Tochter Ariadna verfasst

  • Von Monika Melchert
  • Lesedauer: 4 Min.

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Ihre großen Erwartungen an das Leben waren selten auf dasselbe gerichtet: Marina wünschte sich Freiheit, um ihre Verse aus ihrem Inneren herausschälen zu können. Ariadna wollte das Gefühl des wirklichen Gebrauchtwerdens, wollte eine vollwertige Bürgerin ihrer sowjetischen Heimat sein, die ihr durch die Flucht ihrer Eltern lange entfremdet war. Während ihres Exils - 1922 Berlin, 1923 Prag, ab 1925 Paris - bemühen sie sich, den Makel wiedergutzumachen, dass Marinas Ehemann Sergej Jakowlewitsch Efron in seiner Jugend für die Weißen, die Armee Wrangels, gekämpft hat.

Von zwei verschiedenen zeitlichen Ebenen aus, 1923 in einem Dorf bei Prag und 1939 in Moskau, wird das Leben der Marina Zwetajewa und ihrer Familie erzählt. Sie war eine bedeutendsten russischen Dichterinnen des 20. Jahrhunderts, doch ohne die Geschichte der Sowjetunion zu kennen und zu verstehen, kann man ihre Literatur nicht begreifen. Im Grunde hatte sie bereits mit der Trennung von Russland ihr Lebensthema verloren.

Im Mittelpunkt steht die schwierige Mutter-Tochter-Beziehung, dargestellt in unterschiedlicher Erzählform. Während Ariadna Efron (1912 - 1975) ihre Erlebnisse in Ich-Form vorträgt, erfahren wir alles über Marina Zwetajewa (1892 - 1941) in der dritten Person. Beide Ebenen wirken gleichermaßen authentisch und verweben sich schließlich zu einem stimmigen Ganzen.

Die finnische Schriftstellerin Riikka Pelo erspürt in ihrem kraftvollen Erzählen voller Poesie die Tonlage der russischen Literatur, die sie durch und durch kennt. Bemerkenswert, wie sich die Autorin in die komplizierte Geschichte dieser extremen Epoche vertieft und deren unlösbare Konflikte verständlich macht.

Der Titel »Unser tägliches Leben« umfasst das alles: das gefährliche und das gewöhnliche Leben, das Dahinleben und das Überleben. Marina verliebt sich in jeden Mann, dessen Verse ihr gefallen - in Rilke, in Blok, in Pasternak. Ariadna will die eine große Liebe ihres Lebens auskosten, mit Mulja leben und ihr Kind großziehen. Doch genau dieser Mann wird es sein, der die Familie bespitzelt und der Tscheka ausliefert. Im Spätsommer 1939 wird Ariadna verhaftet, in die Lubjanka gebracht, gefoltert, vergewaltigt. Man zwingt sie, gegen ihren Vater auszusagen, sie alle seien Spione für den französischen Geheimdienst. Sie verliert ihr Kind und kommt ins Lager nach Workuta.

Von klein auf wird Ariadna von ihrer Mutter dazu angehalten, Gedichte zu schreiben. Dagegen sie: »Ich will ein normales Kind sein.« Das fragile Gleichgewicht zwischen Mutter und Tochter gerät immer wieder in Gefahr. In Paris, zwischen 1925 und 1939, beginnt sich das Mädchen von der Mutter abzunabeln. Während Marina ihre Ablehnung des Sowjetstaates nie aufgibt, wird ihre Tochter zu dessen überzeugter Anhängerin.

Die Verbrechen der Stalin-Zeit, das Misstrauen allem und jedem gegenüber vergiften das Leben im Moskau der 1930er Jahre. Allgegenwärtig das Bild Stalins, »Vater Sonne«, doch die Menschen können nicht mehr frei atmen. Der Hitler-Stalin-Pakt, an dessen Realität zuerst kaum einer glauben kann, legt sich wie ein Krake über das tägliche Leben.

Grausamkeiten werden hier ebenso wenig ausgespart wie die Zärtlichkeit, die Menschen verbindet. Gerade die Beziehungen in der Familie zwischen Vater, Mutter und Tochter - Bild geworden in ihren Kosenamen Löwe, Luchs und Hippo - machen das Besondere dieser russischen Tradition des Zusammenhalts sichtbar. 1925 kommt der kleine Georgi hinzu.

Im heißen August 1939 auf der Datscha in Bolschewo bei Moskau spitzen sich die Konflikte zu. Marina ist aus Paris zurückgekehrt, wo Mann und Tochter schon einige Zeit leben und glauben, Fuß fassen zu können im neuen, erwünschten Leben. Die Dichterin Zwetajewa allerdings wird öffentlich geschnitten, ihr Name und ihre Bücher totgeschwiegen. Boris Pasternak tröstet Ariadna: »Deine Mutter ist eine Dichterin der Zukunft.«

Das Trügerische, die Unsicherheit sind immer anwesend. Am Ende wird die Familie zerstört, ihr Mann Sergej Efron erschossen, die Tochter in die Verbannung verschleppt und sie selbst mit ihrem Sohn Georgi ins tatarische Jelabuga evakuiert, wo sie sich 1941 das Leben nimmt.

Riikka Pelo: Unser tägliches Leben. Roman. Aus dem Finnischen von Stefan Moster. C. H. Beck, 494 S., geb., 26,95 €.

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