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Vom Prinz bis zur Königin

Die Sächsische Weinstraße feiert ihr 25-jähriges Bestehen und sich selbst. Von Heidi Diehl

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Ich mag mir gar nicht vorstellen, was passiert wäre, hätte Benno von Meißen gerufen: »Hier sollen Rüben wachsen«, als er energisch seinen Bischofsstab in die Erde stieß! Benno, dem man zahlreiche Wunder nachsagt und der 1523 durch Papst Hadrian VI. sogar heiliggesprochen wurde, aber hat - glaubt man der Legende - glücklicherweise gerufen: »Hier soll Wein wachsen!« Und so kam es, wenngleich mit ein paar Jahren Verzögerung. Denn Benno segnete 1106 das Zeitliche, die erste urkundliche Erwähnung von Weinbau in der Region um Meißen, Dresden und Radebeul stammt hingegen erst aus dem Jahre 1161. Allerdings wird in der urkundlichen Ersterwähnung nicht Benno, sondern Markgraf Otto der Reiche genannt.

Sei’s drum, ob Benno oder Otto, seit über 850 Jahren wächst in der Region Wein, die Sächsische Weinstraße indes gibt es erst seit 25 Jahren. Sie wurde am 29. Mai 1992 eröffnet und erstreckt sich über 55 Kilometer von Pirna über Dresden, Radebeul, Coswig, Meißen bis nach Diesbar-Seußlitz. Wie an einer Perlenschnur reihen sich die Weinberge, viele in terrassenförmigen Steillagen. Wenngleich Sachsen mit nur 490 Hektar eines der kleinsten unter den 13 deutschen Weinanbaugebieten ist und nur 0,2 Prozent der deutschen Weine produziert - verstecken muss es sich keineswegs. Was die rund 2500 Winzer, darunter 35 im Haupterwerb und 39 im Nebenerwerb, produzieren, ist eine Rarität von (zumeist) besonderer Güte.

Wo soll man anfangen, um das zu überprüfen? Am besten doch dort, wo Benno sein Wunderwerk vollbracht haben soll - im Proschwitzer Weinberg, von dem aus man einen fantastischen Blick auf die Meißner Burg hat. Der Weingarten, in dem einst die Meißner Bischöfe, deren Sitz die Burg war, ihren Messwein anbauen ließen, gehört heute zum »Schloss Proschwitz«, dem ältesten privaten Weingut Sachsens. Schon vor über 100 Jahren bauten die Vorfahren des heutigen Besitzers, Georg Prinz zu Lippe, hier Wein an und bewirtschafteten große landwirtschaftliche Flächen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden sie enteignet, die Flächen gingen an eine LPG, die weiter Trauben produzierte und in der Winzervereinigung Meißen verarbeiten ließ. 1990 konnte Prinz zur Lippe das Anwesen und einen Teil der Flächen zurückkaufen. Doch es war ein schwerer Weg voller bürokratischer und persönlicher Widerstände, der sich letztlich aber sowohl für das Weingut wie auch das Land gelohnt hat. 1996 wurde »Schloss Proschwitz« erstes sächsisches Mitglied im Verband Deutscher Prädikatsweingüter. Ein Ritterschlag, den im Anbaugebiet bislang nur noch Klaus Zimmerling, dessen Weingut im Pillnitzer Königlichen Weinberg liegt, bekam. Beide gehören somit zur Crème de la Crème der deutschen Winzer, nur 200 fanden bisher Aufnahme in den Verband.

»Schloss Proschwitz« bewirtschaftet 83 Hektar auf beiden Seiten der Elbe. Gerade hat in Bennos Wunderberg die Weinlese begonnen. Wettergott Petrus und Weingott Bacchus haben in diesem Jahr sehr gut kooperiert - denn die Trauben sind von bester Qualität, prall und gesund. Jacques Du Preez, der 34-jährige Kellermeister, ist sehr zufrieden und sicher nicht der Einzige, der es kaum erwarten kann, den ersten Schluck vom 2017er zu probieren.

Vorerst kosten wir uns durch frühere Jahrgänge, probieren einen fruchtigen Weißburgunder von 2015, einen würzigen Traminersekt von 2014 und die absolute Rarität, einen Goldriesling vom letzten Jahr. Wer ihn trinken will, muss nach Sachsen reisen, denn nirgendwo sonst wird diese Rebsorte, die einen leichten, nach Apfel und Zitrusfrüchten schmeckenden Wein ergibt, angebaut - und auch hier nur von elf Betrieben auf 23 Hektar.

Einer davon ist das Weingut Schuh in Sörnewitz. Es ist zwei Jahre älter als die Sächsische Weinstraße, wenngleich die Familie ebenfalls auf eine lange Familientradition zurückblickt. Walter Schuh kam 1990 von der Mosel, wo schon drei Generationen vor ihm Winzer waren. Es war eine Mischung aus Neugierde, Abenteuerlust und auf einen Neubeginn, was den heute 62-Jährigen ins Sächsische zog. Fünf Hektar bepflanzte er, auf denen zwölf verschiedene Rebsorten wachsen. Letztes Jahr hat Walter das Weingut an die fünfte Generation, seine Kinder Matthias und Katharina übergeben. »Wir sind stolz darauf, dass wir das machen dürfen«, sagt die junge Frau, die sich um den Verkauf kümmert. Matthias treffen wir mit blutroten Händen im Weinkeller. »Ich war gerade mit der Maische des Dunkelfelders beschäftigt«, erklärt er, »ein besonders farbintensiver und gut lagerfähiger Rotwein.«

Den lassen wir uns am Abend von Mutter Martina zum Essen servieren. Sie kümmert sich um das Restaurant und die Gäste der angeschlossenen Pension. Dort verbringen wir auch die Nacht, und wären wir vom vielen und langen Probieren nicht so bettschwer gewesen, hätten wir vielleicht eine morgendliche Weinwanderung mit dem sächsischen Urgestein des Betriebes, Holger Horter, machen können. Dafür allerdings hätten wir uns um drei Uhr aus den Federn quälen müssen. Denn noch vor Tagesbeginn zieht der begeisterte Hobbyornithologe mit vogelstimmenbegeisterten, frühaufstehenden Weinliebhabern in die Steilhänge, die dort mit einem guten Schluck im Glas sehr anschaulich miterleben können, wie die Vogelwelt erwacht. Vielleicht ja beim nächsten Mal!

Unsere Wanderung beginnen wir ein paar Stunden später hoch auf dem »Goldenen Wagen« in Radebeul mit dem Wanderführer und Weinexperten Thomas Teubert. Dieser Weinberg, der einst zum kurfürstlichen Weingut gehörte, ist bekannt für ganz besondere Qualitäten. Diesen verdankt er auch seinen Namen, denn »die Kurfürsten waren der Meinung, dass der Wein, der hier geerntet wird, so viel Wert sei wie ein goldener Wagen«, erzählt Teubert. Mittendrin die Spitzhaustreppe, auch Himmelsleiter genannt. August der Starke hatte sie in Auftrag gegeben, wollte eine Jahrestreppe mit je sieben Stufen auf 52 Absätzen, an deren Ende ein Lustschlösschen stehen sollte. Doch daraus wurde zu seinen Lebzeiten nichts, erst 1750 war sie fertig und hatte statt der geplanten 364 sogar 390 Stufen. Nach der Sanierung 1992 kamen noch sieben dazu. Das Lustschlösschen allerdings wurde nie gebaut, heute endet die Treppe an einem Muschelpavillon, von wo aus man einen wundervollen Blick auf die Weinberge und Radebeul hat. Alljährlich findet hier ein Supermarathonlauf statt, bei dem die steile Treppe 100 Mal hoch und runter gelaufen werden muss, weswegen er von der Fachpresse auch als härtester Treppenlauf der Welt bezeichnet wird.

Kurzweilig und überaus fröhlich geht es auf der zweistündigen Wanderung zu, nicht nur, weil sie mit vier Sorten Wein »geadelt« wird, sondern weil Teubert die Gäste mit Witz und Wissen durch die Geschichte des sächsischen Weinbaus begleitet. Die Tour endet an der Höflößnitz, deren Geschichte bis ins Jahr 1401 zurückreicht. Einst Weingut und ländlicher Rückzugsort der Wettiner, ist sie heute ein Kleinod der sächsischen Weinkulturlandschaft, das erste zertifizierte ökologische Weingut Sachsens und ein beliebter Ort zum Heiraten. In dem kleinen Jagdschloss, das 1650 unter Kurfürst Johann Georg I. errichtet wurde, befindet sich mit dem opulent ausgestatteten Festsaal nicht nur ein kunsthistorisches Kleinod, sondern auch Sachsens einziges Weinbaumuseum. Gleich gegenüber gibt es seit 2016 das Informationszentrum Sächsische Weinstraße, ein Weinschauraum, in dem alle sächsischen Weingüter und Winzer vorgestellt werden sowie eine Vinothek, in der man viele der einheimischen Weine kaufen kann.

Eine besondere Rarität sind auch die Weine von Lutz Müller, deren Reben in zwei exklusiven Lagen reifen - im Pillnitzer Königlichen Weinberg und am Dresdner Elbhang inmitten der Parkanlage von Schloss Albrechtsberg. Es gehört zu den drei nebeneinanderliegenden Schlössern, die jeder bewundert, der mit dem Dampfer von Dresden in Richtung Sächsische Schweiz fährt. Ideal auch für Radwanderer gelegen, führt doch der Elberadweg unterhalb des Schlosses entlang. Eine Treppe durch den Weinberg führt in Müllers Straußwirtschaft, wo man nicht nur die köstlichen Weine probieren kann, sondern auch noch einen fantastischen Blick auf Dresden hat.

Bei einem Prinzen haben wir begonnen, bei einer Königin lassen wir den Bummel durch die Sächsische Weinstraße enden. Anja Bahner-Schumann trug 1997/98 die Krone der Sächsischen Weinkönigin. »Es war eine aufregende und prägende Zeit«, erzählt sie, die eigentlich nur ihr Weinwissen testen wollte, als sie sich auf eine Anzeige hin für die Wahl zur Weinkönigin meldete. Heute führen sie und ihr Mann Armin Schumann, einer der besten Köche Sachsens, ihr eigenes Restaurant »Genusswerkstatt« in Pulsnitz und sorgen dafür, dass die Gäste mit feinster regionaler Küche und sächsischer Gastfreundschaft königlich verwöhnt werden. Na denn Majestät: Erheben wir das Glas auf Benno, die Winzer und all jene, die dafür sorgen, dass die Menschen aus aller Welt stets gern wiederkommen und noch viele andere mitbringen!

Infos

Sächsische Weinstraße:
www.elbland.de/saechsische- weinstraße/

Weinbauverband Sachsen: www.weinbauverband-sachsen.de

Schloss Proschwitz: www.schloss-proschwitz.de

Weingut Schuh: www.weingut-schuh.de

Öko-Weingut Hoflößnitz: www.hofloessnitz.de

Weingut Müller:
Die Straußwirtschaft ist von April bis Oktober an den Wochenenden und feiertags von 11 bis 19 Uhr, im März und November an Sonn- und Feiertagen geöffnet. www.winzer-lutz-mueller.de

Weinbergwanderung mit Thomas Teubert: www.goldenerwagen.de

Tipp: Entlang der Sächsischen Weinstraße führt der Sächsische Weinwanderweg mit insgesamt 92 Kilometern Länge, bei dem man in sechs Tagesetappen auf eine Zeitreise durch 850 Jahre Weinbautradition in Sachsen gehen und auf Winzerhöfen übernachten kann.
www.elbland.de/weinwandern

Schumann’s Genusswerkstatt:
www.schumanns-genusswerkstatt.de

Literatur und Kartenmaterial: Werner Böhme »Die Sächsische Weinstraße – ein Pilgerpfad für Bacchusjünger«, Text-Bild-Band, NOTschriften Verlag, Radebeul, 24,90 €

Kartenmappe »Sächsischer Weinwanderweg«, Sachsen Kartographie, 6,50 €

Wander- und Radwanderkarte »Sächsischer Weinwanderweg«, Verlag Dr. Andreas Barthel, 8,90 €

Allgemeine Infos zum Reiseland Sachsen: www.sachsen-tourismus.de

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