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Der entseelte Marx

Erinnerungen an die »Kapital«-Rezeption vor 50 Jahren in der DDR und in der BRD. Von Dieter Janke

So wie derzeit 150 Jahre »Kapital« gewürdigt wurden und werden, stand auch vor 50 Jahren das 100. Jubiläum der Erstausgabe des Marx’schen Hauptwerkes im Fokus der Geistes- und Sozialwissenschaften. Zwei größere Konferenzen, in Frankfurt am Main und in Leipzig, widmeten sich im September 1967 dem Jahrestag des Erscheinens des ersten Bandes. Beide hatten sich dem gleichen Gegenstand zugewandt. In ihrem konzeptionellen Herangehen unterschieden sie sich indes beträchtlich. Zwischen den Marx- und »Kapital«-Rezeptionen in der Bundesrepublik auf der einen Seite und denen in der DDR auf der anderen lagen nicht nur regional betrachtet Welten.

Maßgeblich initiiert wurde die Tagung an der Frankfurter Goethe-Universität durch den Ordinarius für Politikwissenschaft und Sozialphilosophie Iring Fetscher. Auf der Teilnehmerliste finden sich so klangvolle Namen wie: Wolfgang Abendroth, Ernst Mandel, Peter von Oertzen und andere. Aus der DDR waren Fritz Behrens, Otto Reinhold und Klaus Steinitz angereist. Thema der seinerzeit viel beachteten Konferenz war »Kritik der politischen Ökonomie heute; 100 Jahre ›Kapital‹«. Hauptanliegen der Initiatoren und Teilnehmer war die Diskussion des kritischen Prinzips von Marx als Methode der politökonomischen Theorie im Sinne einer kritischen Analyse der widersprüchlichen sozialökonomischen Realität sowie auch der sie reflektierenden Ideen und Theorien.

In seinem Eröffnungsreferat begrüßte Roman Rosdolsky ausdrücklich, dass die Veranstalter den Untertitel des »Kapital« zum Thema gemacht hatten. Man wollte damit offenbar zweierlei zum Ausdruck bringen: Zum einen, dass es Marx nicht um die Kritik einer konkreten Ökonomenschule gegangen sei, sondern um »die Kritik der politischen Ökonomie in toto. Also auf die Kritik einer Wissenschaft, welche es mit den gesellschaftlichen Produktionsverhältnissen zu tun hat, die ›stets an Dinge gebunden sind und als Dinge erscheinen‹ und welche daher in den Kategorien der ›Verdinglichung‹ befangen bleibt und bleiben muß«. Und zum anderen sollte Marx’ »dialektische Untersuchungsmethode« hervorgehoben werden, die auch nach 100 Jahren aktuell ist. Sie sei, so Rosdolsky, das »wertvollste und das dauerhafteste Stück des ökonomischen Lehrgebäudes von Marx«.

Den wohl nachhaltigsten Diskussionsbeitrag für die Politökonomie in der DDR hielt in Frankfurt Fritz Behrens. Die Folgen seines Auftrittes verliefen allerdings keineswegs in der vom Autor gewünschten Richtung und Form. Im Gegenteil! Dem Frankfurter Auditorium war er kein Unbekannter. Behrens war ein gefragter Referent an westdeutschen Hochschulen speziell auch zu Fragen der Wirtschaftsreformen in der DDR. Politisch wie fachlich wurde jene Vortragstätigkeit von DDR-offizieller Seite jedoch eher beargwöhnt. Hier klangen die Revisionismusvorwürfe nach, denen sich Behrens und andere Ende der 1950er Jahre für ihre Diskussionsangebote zum Verhältnis von Markt und Staat im Sozialismus ausgesetzt gesehen hatten.

Auf der Frankfurter Tagung von 1967 stellte Behrens eine kritische Bestandsaufnahme der »politischen Ökonomie des Sozialismus«, für deren Profilierung er sich seit circa zwei Jahrzehnten selbst eingesetzt hatte, zur Debatte. Sein Fazit: »Eine politische Ökonomie des Sozialismus ist nicht möglich, solange man die historischen Bedingungen der Entstehung des Sozialismus verabsolutiert und die daraus entstandenen Formen als endgültige Formen einer sozialistischen Wirtschaft hinstellt.« Der Sozialismus habe nicht in den entwickeltsten kapitalistischen Ländern das Licht der Welt erblickt, sondern zuerst in den rückständigen. Das hätte die »politische Ökonomie zu einer Apologetik eines bürokratischen Zentralismus degradiert«. Es seien jedoch keine subjektiven Bedingungen, sondern »Schranken im Objekt«, die dazu geführt hätten, so Behrens optimistisch, »daß die Theorie der sozialistischen Ökonomie die Schwelle des Übergangs vom Merkantilismus und Kameralismus zum Physiokratismus überschritten hat und den reifenden Produktionsverhältnissen sich ihrer klassischen Periode nähert«. Das bedeute aber auch, »daß die Periode der kritischen Auseinandersetzung begonnen hat, denn ein theoretisches System der politischen Ökonomie des Sozialismus ist ohne ständige Kritik der Ökonomie selbst und ihrer Widerspiegelung in einem theoretischen System nicht möglich«.

Behrens schätzte den Entwicklungsstand der politischen Ökonomie des Sozialismus demnach als noch vorwissenschaftlich ein. Eine Wissenschaft müsse sie erst noch werden. Im Verständnis von Marx bedeutet das aber auch, sie sei noch nicht zu den entscheidenden sozialökonomischen Fragen des Sozialismus vorgedrungen und bis dato noch in zweitrangigen bzw. oberflächlichen Fragen befangen geblieben. Überwunden werden könne jene Frühphase nur mit permanenter Kritik der sozialökonomischen Realität selbst wie auch ihrer theoretischen Reflexion, so Behrens’ Resümee.

Eine solche Wertung rief natürlich die Repräsentanten der DDR-Offizialwissenschaft auf den Plan, für die die »politische Ökonomie des Sozialismus« quasi per Parteibeschluss als sakrosankt galt - spätestens, als Behrens darüber hinaus die aus seiner Sicht grundlegende Frage nach der »endgültigen Form des gesellschaftlichen Eigentums« aufwarf. Sie sei entscheidend für die Auseinandersetzung zwischen Kapitalismus und Sozialismus und werde bis jetzt, so Behrens, leider kaum diskutiert.

Behrens’ Diskussionsangebot von 1967 war das letzte Mal, dass derart kritisch-selbstkritische Einschätzungen der »politökonomischen Theorie des Sozialismus« öffentlich formuliert wurden - letztmalig und eben nicht auf einem wissenschaftlichen Podium in der DDR, sondern in Frankfurt am Main! Zurückgekehrt in sein Berliner Akademieinstitut sah er sich neuerlichen Vorwürfen des politischen Revisionismus ausgesetzt. Seine Arbeitsgruppe an der Akademie der Wissenschaften wurde aufgelöst und keine weiteren Vortragsreisen in die Bundesrepublik wurden mehr genehmigt. Ein Parteiverfahren und neuerlich öffentliche Demütigungen blieben Behrens vermutlich nur erspart, weil er nicht zuletzt auch aufgrund seines angeschlagenen Gesundheitszustandes bereit war, einer vorzeitigen Pensionierung zuzustimmen. Er durfte seine vierbändige »Geschichte der politischen Ökonomie« vollenden. Sein wissenschaftliches Vermächtnis, die in der inneren Emigration in den 1970er Jahren verfassten Manuskripte zur »Kritik der politischen Ökonomie«, konnten freilich erst nach 1990 erscheinen.

Für die Politökonomie der DDR kam die Stigmatisierung eines ihrer produktivsten und kreativsten Köpfe einer Beerdigung zweiter Klasse gleich. Nicht nur der Diskussionsfaden zur westdeutschen Marxrezeption wurde irreparabel gekappt. Unmissverständlich wurde auch klar gemacht, wie Fachdebatten eingeschätzt und bewertet wurden: nicht nach inhaltlichen Kriterien, sondern letztlich und vor allem nach der politischen Opportunität. Die Politökonomie in der DDR wurde, um im Marx’schen Kontext zu bleiben, zur Apologetik und zur Vulgärökonomie, deren Repräsentanten, »den Punkt (des Archimedes - D. J.) gefunden zu haben glauben, nicht um die Welt aus den Angeln zu heben, sondern um sie stillzusetzen« (Marx).

Es ist nicht überliefert, ob die Initiatoren der Leipziger »Kapital«-Konferenz von 1967 überhaupt in Erwägung gezogen hatten, Fritz Behrens einzuladen. Nach Lage der Dinge kann das ausgeschlossen werden. Die Revisionismusvorwürfe gegen seine Person waren noch nicht aus der Welt. Ein Übriges bewirkte das kulturpolitische Kahlschlagsplenum des ZK der SED vom Dezember 1965, das keineswegs als Stimulus für mehr Kreativität und größere Experimentierfreude weit über den Kreis der unmittelbar Betroffenen hinaus angelegt war.

Bereits die Gästeliste der Leipziger »Kapital«-Konferenz vom 21./22. September 1967 verdeutlicht den Stellenwert, der der Tagung beigemessen wurde. Zum Thema »100 Jahre ›Kapital‹ - Erbe und Verpflichtung« wurden hochkarätige Referenten aus der UdSSR, der VR Polen, Bulgarien, der CSSR, Ungarn, Jugoslawien und Rumänien begrüßt. Mit gleichlautendem Titel erschien im Folgejahr ein Sammelband als gemeinsames Projekt der Leipziger Karl-Marx-Universität sowie der Leningrader Shdanow-Universität. Unter den Herausgebern und Autoren finden sich die maßgeblichen Leipziger Wirtschaftswissenschaftler jener Jahre: Albrecht Heinze, Günter Fabiunke, Horst Richter, Fritz Holzapfel, Sarkis Latchinian, Eva und Gerhard Müller u. a.

Im offiziellen Wissenschaftsverständnis der DDR war die Marx-Rezeption ein Politikum ersten Ranges. Die Leipziger Konferenz sowie der Sammelband zum 100-jährigen »Kapital«-Jubiläum machten dabei keine Ausnahme. Die Zielstellung für Referate wie auch Diskussionen war damit auf politische Koordinaten fixiert, die Spielräume gering. Die sakrosankten Beschlüsse des VII. SED-Parteitages vom April 1967 galten als ultimativ und einzig konsequente Weiterentwicklung der »Lehre von Marx«. So heißt es in einem der Grundsatzreferate, jenes auf dem Parteitag formulierte Ziel, das »entwickelte gesellschaftliche System des Sozialismus« zu schaffen, stelle eine »meisterhafte Anwendung der von Marx im ›Kapital‹ ausgearbeiteten Lehre von der Gesellschaftsformation« dar.

Jedes sachlich-kritische Hinterfragen einer solchen These, jeder Zweifel lief Gefahr, als Revisionismus deklariert und politisch stigmatisiert zu werden. Strukturell politisch vereinnahmt, war Marx »entseelt« und der produktiv-kritische Stachel gezogen worden. Schließlich hatte er im »Kapital« gerade seine Aufgabe darin gesehen, Widersprüchen in der sozialökonomischen Praxis wie auch der Theorie analytisch auf den Grund zu gehen. In Leipzig hingegen war jeder Zweifel an der Theorie wie auch an der Praxis des »Realsozialismus« ausgeschlossen. Hier ging es nicht darum, ob dies oder jenes Theorem wahr sei, sondern ob es der Parteiführung nützlich oder schädlich, bequem oder unbequem war, ob »polizeiwidrig« (Marx) oder nicht. Dieses strukturelle Dilemma der DDR-Politökomie prägte nicht nur die 1967er Tagung in Leipzig. Es war charakteristisch für den offiziellen politökonomischen Diskurs bis 1989/90.

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