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Wenn es im Leben nur noch Wölfe gäbe

Aitmatows »Aug in Auge« von 1957 und 1989

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 6 Min.

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Es war »die erste größere Sache«, die Tschingis Aitmatow 1957 schrieb. Damals studierte er am Moskauer Literaturinstitut. Seine Abschlussarbeit ein Jahr später sollte ihn weltberühmt machen: Wie sich junge Menschen von Konventionen befreiten, davon handelte die Novelle »Dshamila« Dagegen schien »Aug in Auge« auf Disziplinierung aus. »Wer das Volk in der Not im Stich lässt, wird, ob er will oder nicht, zu seinem Feind.« Solch eine pauschale Aussage über »Volk« und »Feind« empfand ich bei der ersten Lektüre Ende der 60er Jahre als erzieherisch übergriffige Phrase.

Bei unserem ersten Gespräch 1977 sprach ich Aitmatow auf »Leb und vergiss nicht«, Valentin Rasputins berühmt gewordene Novelle von 1974, an, die auch von einem Deserteur handelt. Er würde »Aug in Auge« heute anders schreiben, so Aitmatow. 1989 veröffentlichte er tatsächlich eine erweiterte Ausgabe. Im Vorwort nennt er Rasputins Werk das »gelungenere«. Dabei hat er das tragische Schicksal eines Deserteurs und seiner Familie im Krieg ja überhaupt erst in die Sowjetliteratur gebracht!

Die Geschichten ähneln sich auffallend: Sejde aus Kirgisien und Nastjona aus Sibirien kommen in Gewissenskonflikt, als ihre Ehemänner vor ihnen stehen, die eigentlich an der Front sein sollten. Fasste man sie, würde es ihnen schlecht ergehen. Ismail wie auch Andrej verstecken sich im Wald. Die Frauen sorgen selbstlos für sie, müssen aber mit ansehen, wie ihre Männer langsam ihre menschlichen Züge verlieren. Die Übereinstimmung geht so weit, dass Ismail mit einem Wolf verglichen wird und Andrej sich in Wolfsgeheul übt, Ismail eine Kuh stiehlt und Andrej ein Kalb. Es wirkt, als sei Rasputins Novelle als polemische Entgegnung geschrieben. Viele Details gleichen sich, aber die Protagonistinnen verhalten sich unterschiedlich. Nastjona verbirgt ihren Mann bis zuletzt, und als die Verfolger ihr auf der Spur sind, stürzt sie sich in den Fluss. Sejde dagegen steht schließlich mit Soldaten vor dem Versteck Ismails, verurteilt ihn praktisch zum Tode, wie man vermuten kann.

Aitmatow schrieb »Aug in Auge«, als die Kriegserfahrung für ihn noch frisch war. Ich lernte die Novelle unter anderen Bedingungen kennen. Heute hinterließ sie sogar einen noch tieferen Eindruck. »Wer das Volk in der Not im Stich lässt, wird, ob er will oder nicht, zu seinem Feind« - das war doch die Wahrheit jener Zeit.

Stärker fühlte ich mich an Sejdes Seite. Sie war erleichtert, dass ihr Mann von der Front zurück war. Er wollte sein Leben retten. Doch wie lange würde es diese Frau noch durchhalten, nachts für Ismail Korn zu mahlen und Fladen zu backen, sie in seine Höhle zu bringen und selbst hungrig zu sein? In die ständige Furcht mischte sich Scham über das Mitleid der Nachbarn, weil sie von Ismail keine Briefe erhielt. Irgendwann kamen NKWD-Leute in den Ort. Sie verriet ihren Mann nicht, und niemand im Dorf sprach sie auf sein Verschwinden an. Sie wollten sie schonen.

In der Fassung von 1989 hat Aitmatow an der Aussage seiner Novelle nichts geändert. Er hat lediglich einen familiären Hintergrund Ismails hinzugefügt. Seine Mutter hatte ihn allein großziehen müssen, nachdem ihr Mann gestorben war. Die Brüder hätten sie aufgenommen, aber dann war die Verfolgung der Kulaken losgegangen. Die Brüder flohen, wie andere auch, über einen Gebirgspass, der nur im Sommer passierbar ist. Im Tschatkal-Tal bei den Verwandten, glaubte die Mutter nun, würden auch Ismail und Sejde mit ihrem Kleinen Zuflucht finden. Doch die alte Frau wird immer gebrechlicher, was Ismail kaum bewegt, weil er nur noch an sich denkt. Als die Mutter stirbt, kann er nicht bei ihr sein; ihr Begräbnis beobachtet er nur von Ferne. Da hat man noch Mitleid mit ihm. Das ändert sich schlagartig, als die arme Nachbarin Totoi das Verschwinden ihrer einzigen Kuh beklagt und er in der Nacht mit einem Sack Fleisch bei Sejde erscheint. Wir haben gelesen: Totois Mann ist an der Front gefallen. Er ging voran in ein Minenfeld. Sie und ihre kleinen Kinder hungern und warten sehnlichst darauf, dass ihre Kuh kalben und Milch geben würde. Dabei ist die abgehärmte Totoi voller Mitgefühl Sejde gegenüber.

Und mit Ismail geht eine Veränderung vor sich. Die ganze Zeit schon war er grob zu seiner Frau gewesen. Und mit der geschlachteten Kuh zerbricht ihre einstige Liebe ganz. »Schwatz kein dummes Zeug«, knurrt er. »Wenn es im Leben nur noch Wölfe gibt, dann muss man eben selbst ein Wolf sein … Hauptsache man füllt sich den eigenen Bauch. Was kümmern dich die andern? ... Oder stehen dir andere Menschen näher als ich?«

Dass Menschen einander beraubten, sei in der Dorfgemeinschaft damals absolut unüblich gewesen, hat Aitmatow in einem Interview gesagt. Aber im Krieg seien Deserteure eben oft zu gewissenlosen Dieben geworden. In »Goldspur der Garben« (1963) und in »Frühe Kraniche« (1975) gibt es auch solche Szenen. Im Band »Kindheit in Kirgisien« von 1998 findet sich der autobiographische Text »Wie ich jemanden töten wollte«. Aitmatow erinnert sich, wie 1943 die einzige Kuh der Familie gestohlen wurde, die für seine kranke Mutter mit ihren vier Kindern lebenswichtig war. Er erzählt, wie er Suchra vergeblich suchte und dann den Nachbarn um sein Gewehr bat. »Nur noch ein Gedanke zerfraß mich innerlich - um jeden Preis die Diebe zu stellen und auf der Stelle erbarmungslos zu bestrafen.« Dazu kam es nicht, denn, krank vor Zorn, traf er einen alten Mann. »Hör, Bursche, willst du jemanden umbringen?« Der Junge erzählte, was geschehen war. »Schrecklich, schrecklich«, sagte der Alte. »Aber ... Rache verbrennt ... Du sollst einen Menschen nicht einmal in Gedanken töten … Das Leben selbst bestraft jeden, der solches Übel anrichtet … Die Strafe wird ihm ewig auf den Fersen sein … Aber dir wird das Leben Glück bringen, wenn du heimkehrst und aufhörst, an Mord zu denken.«

Mit »Dshamila« hatte Aitmatow die Emanzipation des Ich bejubelt, doch empfand es bis zu seinem Tode als gesellschaftliche Gefahr, »wenn es im Leben nur noch Wölfe gibt« und jeder bloß zusieht, wo er selber bleibt. Später bezog er das auf die gesamte menschliche Gattung.

Ismail hat ein moralisches Gebot übertreten und deshalb Strafe verdient. Was den Schriftsteller später bekümmerte: dass er dem wirklichen Ismail Unrecht widerfahren ließ, indem er den Namen nicht änderte. »Er war ein Hirte, der die Freiheit liebte und leidenschaftlich gern auf guten Pferden ritt ... Im Krieg war er der erste Deserteur, von dem wir wussten.«

Als das Dramatische Theater Kirgisiens mit dem Stück »Aug in Auge« in Scheker gastierte, habe es einen Tumult im Saal gegeben. Die Verwandten des Deserteurs wurden von anderen Dorfbewohnern beschimpft, der Hauptdarsteller indes zerrte die Raufenden auseinander: »Ich bin euer Landsmann Ismail … Niemand muss mich anklagen oder verteidigen! Schuld an allem ist der Krieg!«

Als der echte Ismail später nach zehn Jahren Lagerhaft ins Dorf zurückkam, zeigte er sich Aitmatow gegenüber versöhnlich. Er schickte ihm einen Brief mit den Fotos seiner Söhne in Uniformen der Sowjetarmee.

Tschingis Aitmatow: Aug in Auge. Aus dem Russischen von Hartmut Herboth. Unionsverlag, 112 S., br., 7,90 €.

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