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Rund-um-die-Uhr-Assistentin

Philippinische Haushaltskräfte schuften für sehr wenig Geld in Hongkonger Privathaushalten

  • Von Felix Lill, Hongkong
  • Lesedauer: 5 Min.

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Morgens um sechs steht Vee de la Rosa auf und beginnt noch im Schlafanzug zu arbeiten, abends um elf legt sie sich zu Feierabend ins Bett. Sie wohnt im Haus ihres Arbeitgebers in Hongkong, als Mädchen für alles. Die 17 Stunden pro Tag schuftet die gebürtige Filipina für einen gesetzlich festgelegten Lohn von 4310 Hongkong-Dollar (rund 520 Euro). An ihrem Wohnort gehört sie zu den Billiglohnkräften, in ihrem Heimatland zu den Gutverdienern. Nur deshalb ist sie nach Hongkong gekommen.

Gut 320 000 ausländische Haushaltskräfte arbeiten in der Sieben-Millionen-Metropole an der chinesischen Südküste. Hier gibt es auch viele, die sich das leisten können: Rund 15 000 Superreiche mit einem Vermögen von mindestens zehn Millionen US-Dollar leben in Hongkong, mehr als in New York, London oder Moskau. Pro Kopf ist die Wirtschaftsleistung höher als die Deutschlands.

Aber kaum ein Ort ist auch so erfolgreich darin, die überwiegend aus den Philippinen und Indonesien stammenden Haushaltskräfte systematisch auszubeuten. Selbst in einheimischen Medien wurde schon von »moderner Sklaverei« gesprochen. Im »Global Slavery Index« der australischen NGO Walk Free Foundation landete Hongkong im vergangenen Jahr von 167 Ländern und Regionen auf dem für einen so reichen Ort erstaunlich hohen 32. Platz. Die Anzahl »moderner Sklaven« vor allem in der Textilproduktion, auf Bananenplantagen und beim Rohstoffabbau wird weltweit auf 46 Millionen geschätzt. Es gehe, so die Organisation, um Personen, die sich der ihr aufgetragenen Arbeit nicht verweigern können, da sie »durch Androhungen, Gewalt, Zwang, Machtmissbrauch oder Betrug behandelt werden wie Tiere auf einer Farm«. Der Verein Justice Centre Hongkong schätzt die Zahl der Haushaltskräfte, die zu Teilen ihrer Arbeit gezwungen werden, auf 55 000.

Vee de la Rosa kann mit dem Begriff Sklaverei wenig anfangen, aber sie gesteht, dass sie vor zwei Jahren, als sie nach Hongkong kam, keine Ahnung vom Ausmaß ihrer Arbeit hatte. »Mein Job ist anstrengend, aber immerhin ist meine Familie jetzt relativ nett«, sagt die 31-Jährige. Anfangs war de la Rosa, die ihren wahren Namen aus Angst um ihren Job nicht nennen will, bei einer anderen Familie angestellt, die regelmäßig auch mitten in der Nacht Aufgaben für sie fand. »Ich musste rund um die Uhr auf das Baby achten und es beruhigen, wenn es schrie. Ich konnte nie richtig schlafen.« Nach einigen Monaten verließ sie das Haus, fand über eine Bekannte den neuen Arbeitgeber, der ihren Vertrag ablösen konnte. Seitdem arbeitet sie »nur« noch 17 Stunden am Tag, ohne richtige Pause. Sie putzt die Klos, macht Brei für das Baby, die Mahlzeiten für die Familie. Und alles, was sonst noch von ihr verlangt wird. In den Verträgen sind keine genauen Grenzen markiert.

Fühlt sie sich nicht ausgebeutet? »Doch, schon«, sagt sie, »aber hier verdiene ich besser als in den Philippinen.« Dort arbeitete de la Rosa in einer Textilfabrik, konnte vom Lohn so gut wie nichts zurücklegen. Heute schickt sie gut die Hälfte ihres Einkommens an ihre Familie. »Das Gute ist, dass ich nichts für Essen und Unterkunft ausgeben muss.« Aber das ist zugleich das Schlechte: Sie schläft in einer Abstellkammer, die Tür immer einen Spalt auf. Es könnte ja doch sein, dass das Baby mal schreit.

Hongkong lebt vor allem vom Finanzwesen und vom Handel. Als die Wirtschaft der damals britischen Kolonie in den 1970er Jahren zweistellig zu wachsen begann, wurden viele Hongkonger so wohlhabend, dass die Regierung mit der Anwerbung billiger Arbeitskräfte aus ärmeren Ländern begann. Der Deal, dass heimische Familien für umgerechnet ein paar Hundert Euro pro Monat sowie Kost und Logis eine Rund-um-die-Uhr-Assistentin anheuern könnten, wurde über die Jahre immer beliebter. Jeder achte Haushalt hat mittlerweile eine Haushaltskraft, unter Familien mit Kindern ist es jeder dritte. Es sind nicht mehr nur die Superreichen, die sich den Komfort leisten.

Die »domestic helpers«, wie sie offiziell heißen, sind längst die unsichtbaren Motoren, die Hongkongs Lebensalltag erst möglich machen. Der Sozialstaat fördert Familien kaum, und inländische Haushaltskräfte wären nicht annähernd zu solchen Preisen zu kriegen. Es sind diese niedrig entlohnten Helferinnen, die beiden Elternteilen ein Erwerbsleben ermöglichen und so zu höheren Familieneinkommen beitragen.

Dennoch wird ihnen kaum Dankbarkeit entgegengebracht. 2012 bewarb sich eine philippinische Frau, die ein Vierteljahrhundert für Hongkonger Familien gearbeitet hatte, um einen dauerhaften Aufenthaltsstatus - und wurde abgelehnt. Bald formierten sich Einheimische, um gegen die vermessenen Ansprüche der ausländischen Gäste zu demonstrieren. »Mein Arbeitgeber hat mir gesagt, dass ich mich am freien Sonntag ja nicht politisch engagieren solle«, berichtet Vee de la Rosa. Im vergangenen Jahr wurden fünf Todesfälle während der Arbeit dokumentiert, der letzte bei ungesichertem Fensterputzen im 49. Stock. Im April flammte das Thema wieder auf, als eine Filipina verklagt wurde, die heimlich Fleischbällchen aus dem Kühlschrank ihres Arbeitgebers gegessen hatte. Strafe vom Gericht: 800 Hongkong-Dollar, ein knappes Fünftel ihres Lohns.

Trotz allem ist Hongkong unter Filipinas ein beliebtes Ziel, nicht zuletzt, weil dort Englisch gesprochen wird. Die Regierung in Manila fördert die Auswanderung, denn die Bevölkerung wächst schnell, der inländische Arbeitsmarkt hält nicht annähernd mit. Und die zehn Millionen Auslandsarbeiter verdienen oft höhere Löhne und schicken einen Teil zurück in die Heimat. Rund zehn Prozent der Wirtschaftsleistung sind den Geldrücksendungen zu verdanken.

Über die harte Arbeit in Hongkong beschwert sich kaum jemand. Der Arbeitgeber kann mit einmonatiger Frist kündigen. Mit dieser Drohung im Hinterkopf wird die Drecksarbeit verrichtet, oft mehr als vereinbart. Ein Trost bleibt: »Zuhause sind wir ›domestic helpers‹ so etwas wie Heldinnen«, sagt Vee de la Rosa stolz. Sie schmeißen ja nicht nur den Haushalt ihrer Arbeitgeber, sondern finanzieren auch den in der Heimat.

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