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Im Namen der Völkerverständigung

Bald sollen Regionalligisten gegen Chinas Junioren spielen - den Fans schmeckt das nicht

  • Von Max Zeising, Mainz
  • Lesedauer: 4 Min.

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Sogar eine eigene Fangruppe haben sie schon, zumindest im Internet. Die »China U20 Ultras Südwest« sind bei Facebook und Twitter rege aktiv, haben mehr als 12 000 Likes eingesammelt und machen mit allerlei Meldungen auf sich aufmerksam. So kommentierten sie das schlechte Abschneiden der deutschen Fußballklubs im Europapokal: »Bayern, Dortmund, Sinsheim und Köln verlieren ihre internationalen Spiele. Ab November können das auch die Vereine im Südwesten von sich behaupten.«

Ernst gemeint ist das natürlich nicht, wie auch die ganze Gruppe. Die Aktivitäten der »Ultras« sind ironisch zu verstehen - als Reaktion auf die Entscheidung des DFB, eine chinesische Juniorenauswahl im deutschen Fußball mitspielen zu lassen. Auf Wunsch des Verbandes sollen die Vereine der Regionalliga Südwest künftig an ihren spielfreien Tagen gegen Chinas Junioren antreten. Das beschloss der DFB gemeinsam mit der Mehrheit der Klubs im Juli auf einer Managertagung in Walldorf.

Die Freundschaftsspiele sind Teil einer Kooperation zwischen dem DFB und Chinas Fußballverband. Offiziell soll sich die chinesische Mannschaft in Deutschland auf die Olympischen Spiele 2020 in Tokio vorbereiten. Im Gegenzug werden die Spiele der Regionalligisten live im chinesischen Fernsehen übertragen. 15 000 Euro Aufwandsentschädigung erhalten die Vereine, wenn sie - auf freiwilliger Basis wohlgemerkt - gegen die Chinesen antreten. Ursprünglich sollten die Spiele bereits zur Hinrunde beginnen, doch nach ersten Fanprotesten wurde der Start verschoben.

Drei Teams machen definitiv nicht mit: Waldhof Mannheim, TuS Koblenz und die Stuttgarter Kickers haben aus unterschiedlichen Gründen ihren Boykott angekündigt. Neben fehlendem sportlichen Mehrwert und mangelnder finanzieller Ausbeute kann die Entscheidung der Vereine auch als Reaktion auf den Unmut ihrer Fans gedeutet werden. Allen drei Klubs ist eine lebendige Ultraszene gemein - und mit denen ist nicht zu spaßen, wenn es um den subjektiv wahrgenommenen Bruch zwischen Tradition und Kommerz geht.

Von einem Disput mit den Fans will jedoch zumindest in Mannheim niemand wissen. Markus Kompp, Geschäftsführer des ehemaligen Bundesligisten, führt als Grund für den Boykott zuerst sportliche und wirtschaftliche Gründe ins Feld. »Ein Testspiel gegen die U20 Chinas wäre bei uns in eine englische Woche terminiert und ginge somit auf Kosten der Regeneration und der Vorbereitung auf den nächsten Gegner in der Liga«, sagt Kompp gegenüber »nd«.

Auch die Stuttgarter Kickers reden eher um den heißen Brei herum: »Wir wissen, welche Vereinswerte uns wichtig sind«, sagt der Kaufmännische Leiter, Marc-Nicolai Pfeifer, etwas nebulös. Konflikte mit den Ultras streitet er jedoch ab. Offen über Auseinandersetzungen mit den Fans spricht nur die TuS Koblenz: Laut Vizepräsident Hans-Werner van Heesch seien Vertreter von fünf Fanvereinigungen auf die TuS zugegangen und hätten deutlich ihren Widerwillen gegen das Projekt zum Ausdruck gebracht: »Die Vertreter unserer Fanklubs haben angekündigt, für einen finanziellen Ausgleich zu sorgen«, sagte Heesch der »Rhein-Zeitung«.

Die Fanszenen der drei Vereine dürften zufrieden sein, auch wenn sie die Sache aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Verschiedene Ultragruppen, darunter die aus Mannheim, Stuttgart und Koblenz, wandten sich mit zwei offenen Briefen an den DFB-Vizepräsidenten Ronny Zimmermann. Darin heißt es, die übertriebene Vermarktung des Fußballs müsse gestoppt werden. Außerdem äußerten die Fans »ethische Bedenken« aufgrund der angespannten Menschenrechtslage in China.

Die Auseinandersetzung lässt die Ultraszenen näher zusammenrücken. »Krieg dem DFB« ist in vielen Stadien, auch außerhalb der Regionalliga auf Bannern zu lesen. Befeuert wird der Konflikt noch durch andere Ereignisse, die aus Sicht der Ultras stellvertretend für eine zu große Vermarktung des Fußballs stehen: Beim DFB-Pokalfinale im Mai sang Helene Fischer in der Halbzeitpause - begleitet von einem gellenden Pfeifkonzert. Ebenso scharf wurde der Auftritt von Anastacia in der Halbzeit des Bundesligaspiels zwischen Bayern München und dem SC Freiburg in der vergangenen Saison kritisiert. Vor allem, weil das Bühnenprogramm die Pause künstlich verlängerte, obwohl es für Freiburg an diesem Tag noch um die Qualifikation für die Europa League ging.

Im September riefen die Ultras schließlich zu einem gemeinsamen Aktionsspieltag gegen das China-Projekt auf. Von der Bundesliga bis hinein in untere Spielklassen waren in den Fankurven entsprechende Spruchbänder zu sehen. »Chinesischer Sparringspartner für die Regionalliga Südwest? DFB umboxen!«, stand etwa auf der größten Stehplatztribüne Europas im Dortmunder Westfalenstadion.

Auch der FSV Mainz 05, dessen zweite Mannschaft in der Regionalliga spielt, und der 1. FC Saarbrücken überlegten lange, ob sie den Spielen gegen die U20 zustimmen - wohl auch wegen ihrer Ultras, die jene offenen Briefen mit unterzeichnet hatten. Beide Vereine entschieden sich schließlich zu spielen. »Grundsätzlich sehen wir diese Erweiterung kritisch. Dennoch möchten wir das Testspiel dafür nutzen, den Fußball in unserer Region zu unterstützen«, teilte der Mainzer Sportvorstand Rouven Schröder mit. Die Antrittsprämie werde danach an Mainzer Amateurvereine gespendet.

Der 1. FC Saarbrücken wiederum stellt die Spiele gegen die Chinesen in den Dienst der »Völkerverständigung, des kulturellen Austausches und einer übergeordneten gesellschaftlichen Verantwortung« des Fußballs - worin auch immer die in diesem Fall bestehen soll. In jedem Fall wird sich der Verein damit den Unmut der eigenen Ultras auf sich ziehen.

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