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Erstaunen, Entsetzen, Verdrängen

Christoph Ruf sieht eine Einigkeit zwischen Ost und West: Schuld sind immer die anderen. Im Fußball wie in der Politik.

  • Von Christoph Ruf
  • Lesedauer: 4 Min.

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Am Wahlergebnis hat mich vor allem eines gewundert: Dass es Menschen gibt, die sich darüber wunderten. Wer nicht von Taubheit geschlagen ist, musste doch eigentlich froh sein, dass es bei 12,6 Prozent AfD-Anteil geblieben ist - vorausgesetzt, er bewegt sich auch mal außerhalb der eigenen Kreise, geht in Einkaufszentren, öffentliche Verkehrsmittel, zu Fußballspielen und Kinoabenden. Ich habe allerdings schon länger den Verdacht, dass all das schon No-Go-Areas sind, am wohlsten fühlt man sich in der eigenen Echokammer. Das gilt für ressentimentgeleitete Hundekrawattenträger offenbar ebenso wie für manchen Journalisten.

Drei Wochen vor der Bundestagswahl gab es im Übrigen ein ähnliches Aha-Erlebnis. Das allerdings beim Fußball, als sich in Prag ein Pulk gewalt- und prollaffiner junger und mittelalter Männer abseits des offiziellen DFB-Jubelpulks positionierte und Naziparolen von sich gab. Die Reaktionen folgten damals einer ähnlichen Systematik wie später bei der Bundestagswahl: Erstaunen - Entsetzen - Verdrängen. Nicht, dass über die Jung-Hools zu wenig palavert worden wäre oder dass der Erfolg der AfD von zu wenigen Seiten aus beleuchtet worden wäre. Aber in beiden Fällen wurde so getan, als wüteten da Außerirdische, die mit dem eigenen Leben nichts zu tun haben. Oder die innerdeutsche Variante des Außerirdischen: der Ossi. 12,6 Prozent, jeder Achte. Schwer vorstellbar, dass dieser Achte nie im eigenen Büro, im eigenen Sportverein, am eigenen Arbeitsplatz lebt.

Spricht man heute, zwei Wochen nach der Bundestagswahl mit einem wahlmündigen Bürger aus den alten Bundesländern, wird er dennoch mit hoher Wahrscheinlichkeit auf Sachsen verweisen, wenn er über die AfD spricht. Und er wird sich fragen, was »bei denen« schiefgelaufen ist. Wirtschaftlich. Vor allem aber: im Kopf. Richtig interessant wird es dann, wenn derjenige dann mit Widerspruch konfrontiert wird. Beispielsweise im Südwesten mit dem Argument, dass die AfD auch im reichen Baden-Württemberg Rekordergebnisse erzielt hat. 18,8 Prozent in Rastatt? Ein besseres Ergebnis als die SPD? In einer prosperierenden 50 000-Einwohner-Gemeinde mit Barockschloss und horrenden 3,5 Prozent Arbeitslosen? Da können es ja nicht die Ossis gewesen sein, das weiß der Wessi auch. Also waren es in diesem Fall (und in allen ähnlichen Fällen im Westen) die »Russlanddeutschen«, die in der Hierarchie der Abwertung für manch Westdeutschen noch vorm Sachsen kommen. Doch auch das ist natürlich Unsinn, denn selbst wenn alle Russlanddeutschen Rastatts die AfD gewählt hätten, hätte das dort nicht zum Überschreiten der Fünf-Prozent-Hürde gereicht. Abgesehen davon, dass es schon interessant ist, wenn in der sich linksliberal gebenden Weltsicht manches Kosmopoliten zurecht Empörung darüber herrscht, dass ein 1965 in Bad Urach geborener Mensch vielen Dumpfmenschen noch heute als »der Türke« gilt, man als aus Russland emigrierter Zuwanderer aber offenbar lebenslänglich Russland-Deutscher bleibt.

Nun denn, zurück zum Fußball: Natürlich waren es mehrheitlich ostdeutsche Schwachmaten, die in Prag das Bild des hässlichen Deutschen wiederaufleben ließen. Doch das liegt auch (!) daran, dass Prag von Leipzig oder Dresden aus einfacher zu erreichen ist als von Mönchengladbach oder Köln. Anders gesagt: Hätte die deutsche Oldschool-Szene im Spätsommer 2017 die Gelegenheit gehabt, in Belgien oder den Niederlanden Wandertag zu spielen, sie hätte es gemacht. Nur dass dann das Phänomen der rechtsextremen Hooligans nicht als nordrhein-westfälisches oder westdeutsches, sondern eben als gesamtdeutsches Phänomen kommentiert worden wäre. Schon komisch, dass im x-ten Oktober seit Gorbatschow, Schabowski und »Deutschland einig Vaterland« nur in einem Punkt wirklich Einigkeit herrscht: Schuld sind immer die anderen. Denn genau diesen Mechanismus, den gibt es umgekehrt, in Ost-West-Richtung ja auch. Dort führt er dazu, dass das Offensichtliche in Abrede gestellt wird: Ja, der Alltagsrassismus ist im Dresdener oder Leipziger Umland größer und tiefsitzender als im Westen. Und, ja, es gibt Ostvereine in der dritten und vierten Liga, die alleine so viele Hools in eine Gästekurve bringen könnten wie in Prag insgesamt am Start waren. Die Vorurteile der Westdeutschen entkräftet man nicht dadurch, dass man den Elefanten im Wohnzimmer nicht sehen will. Schon allein deshalb, weil die viel zu viel damit zu tun haben, dessen Ausscheidungen in der eigenen Wohnung unter den Teppich zu kehren.

Von Christoph Ruf ist dieser Tage ein neues Buch im Werkstattverlag erschienen: »Fieberwahn. Wie der Fußball seine Basis verkauft«. Ruf hat darin mit Fans, Funktionären und Trainern über die die Entwicklung des Volksports Nr. 1 gesprochen: Wird der Fußball zu Tode vermarktet? Rufs Fazit ist eindeutig: Der deutsche Fußball sägt an dem Ast, auf dem er sitzt.

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