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Ein starkes Potpourri

Staatsoper Berlin: Brahms, Haydn und Bartok mit den Wiener Philharmoniker unter Zubin Mehta

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Daniel Barenboim, Chefdirigent der Staatskapelle Berlin, ließ es sich nicht nehmen, für die Eröffnungstage der Staatsoper die Musiker aus Wien vorzusehen und seinen Freund Zubin Mehta, unterdes 81 Jahre alt, als Dirigenten zu nominieren. Am Samstag musizierten sie Werke von Brahms, Haydn und Bartok. Der Erfolg war sicher. Das in altem Glanz erstrahlende Haus war bis auf den letzten Platz besetzt. Barenboim saß im ersten Rang, um die Akustik des Großen Saales zu genießen und den Klangkörper zu ehren, den er selbst etliche Male dirigiert hat.

Hinter den Wiener Musikern hat sich, den teils rasanten Epochenwechseln trotzend, viel Tradition aufgestaut, dass die dauerhafte Wiedergabe der Klassiker um Haydn, Mozart, Beethoven, Brahms, Bruckner, Mahler etc. nicht ausreicht, dieselbe zu bestätigen. Daneben geht die Institution immer noch schwanger mit Relikten, über die heutige moderne Hörer nur lachen können. Noch im 20. Jahrhundert verbot Wien dem Orchester, Frauen, Musikerinnen, in seinen Reihen zu haben. Man muss sich das vorstellen: Wien, hochkultureller Ort, wie er lange Zeit nicht höher ragen konnte, Ort, an dem die besten der Komponisten, Musiker, Sänger, Literaten, Maler, Bildhauer, Schauspieler, Regisseure, Männer wie Frauen, den Nährboden fanden, ihre Kunst zur Blüte zu bringen. Wien war aber auch Zentrum ärgster Reaktion, durchsetzt mit beispiellosem Bürokratentum, völkischer Hybris und Deutschtümelei. Wien war Kristallisationspunkt von Revolution und Konterrevolution, Antifaschismus und Jubel für Nazideutschland, das schon vor 1938 in Österreich seine Kreise zog. Schließlich im »Großdeutschen Raum« Niedergang, Zerstörung, bis die Rote Armee in Wien Einzug hielt. Danach ein neues, besseres Österreich? Mit Frauen, den mutigsten, den besten vornan, lächelnd, zugewandt den Männern mit Verstand und Herz?

Die Wiener Philharmoniker - sie hielten sich über all das hinweg wie der Fels in der Brandung und musizierten ihre Programme wie ehedem - haben zwar gelernt, etwa, indem sie Selbstverwaltungsstrukturen aufbauten, aber die Männer dominieren immer noch. Es gibt heute zahllose den Herren ebenbürtige Dirigentinnen in der Welt. Welch Glück! Standen schon mal Frauen mit Taktstock vor den Wienern?

An dem Abend in der Lindenoper musizierten immerhin auch 20 Damen - von insgesamt hundert. Bei Haydn waren es 12 von 40, einsam die Flötistin unter den Bläsern. Die Wiedergabe der dreisätzigen Sinfonia Concertante B-Dur war die überzeugendste des Programms. Haydn, nicht einfach zu spielen, beherrschen die Wiener fabelhaft. Die Noten Haydns geben vier Solisten hinreichend Gelegenheit, sich in die orchestralen Vorgänge zu mischen: Violine, Violoncello, Oboe und Fagott. Fagottistin Sophie Dartigalogue, ohne viel Regung, gleichwohl mit Verve blies sie ihre Einsätze, entsprach innerhalb des Solistenquartetts der Quotierung 1 zu 4. Ging der geniale Wurf von Haydn unter Rubin Mehta klar und federleicht über die Bühne, quälte die Tragische Ouvertüre d-moll von Brahms zuweilen die Wahrnehmung. Das Stück ist keine Trauer, eher eine traurige Musik. Genie läuft nicht immer konform mit Inspiration und Erfindungskraft, Faktoren, die nötig sind, gute Musik zu komponieren. Brahms, dessen 4. Sinfonie e-moll zum Besten gehört, war die Sinfonik hervorgebracht hat, bleibt mit der Tragischen Ouvertüre weit darunter. Die Musik schleppt, ihre Sequenzierungen langweilen mit der Zeit. »Trauer«, was immer das meint, will die allzu fügliche, Akkordik nicht recht bilden. Die Wiener brachten das zu Beginn erklingende Werk so gut es ging über die Runden.

Zum Schluss kam Bartoks Konzert für Orchester. Das Stück gehört wie das gleichnamige Werk Lutoslawskis aus den frühen 50er Jahren zu den finalen Rennern im Weltbetrieb. Bartok schrieb es 1943 für Sergej Kussewitzki, der das mit folkloristischen Elementen harlekinesk umgehende Konzert 1944 mit dem Bostoner Symphonie Orchestra uraufführte. In dem Jahr schon im US-Exil, starb der Komponist einsam, verlassen ein Jahr später, 1945. An seinem Grabe in New York standen, was unvergesslich bleibt, nur wenige, als einziger Musiker Edgar Varese. Den 2. Satz untersetzt der Rhythmus einer kleinen Trommel. Paarige Holzbläser (Klarinetten, Oboen) und groß formierte Blechbläserchoräle wechseln einander rigide ab. Der 3. Satz »Elegia« ist der Trauersatz des Konzerts. Die Wiener strahlten ihn ab mit der größten Wirksamkeit. Streichergruppen konzertieren in mittlerer und tiefer Lage concerto-grosso-förmig. Die acht Bässe geben Schauer von Dunkelheit hinzu. Die Flötengruppe figuriert ihr Material ausgiebig. Übrig bleibt am Schluss lediglich eine Piccolo-Figur.

Heiß gewünscht und geliebt auf den (stockreaktionären) Wiener Opernbällen und den Neujahrskonzerten mindestens in Europa die Walzer von König Johann Strauß. Zubin Mehta und die Wiener fühlten sich bemüßigt, nach ihrer insgesamt starken Leistung auch dem Berliner Publikum, alt und grau, solche als Potpourri vorzusetzen. Die gehören, sollen sie ironisch glänzen, aber von höchsten sieben Leuten gespielt.

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