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  • Buchmesse Frankfurt/M.

Eine Rüstung aus Zorn

Vigdis Hjorth analysiert erschreckend genau ein Familiengeheimnis

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 4 Min.

Ein machtvolles Buch, denn es stürzt in Zweifel. Die norwegische Autorin Vigdis Hjorth zieht uns an die Seite ihrer Ich-Erzählerin, die uns ihren Seelenzustand offenbart. Wir wissen mehr über sie als Mutter und Schwestern, denen sie sich so trotzig entgegenstellt und die wir, wenn wir wollen, auch irgendwie verstehen können. Was Bergljot indes unerträglich fände. Auch wenn sie »nur« eine literarische Gestalt ist, sie fordert eine Entscheidung vom Leser. - Dadurch bringt sie uns dazu, dass wir uns selbst erkennen müssen.

Vigdis Hjorth: Bergljots Familie. Roman.
A. d. Norw. v. Gabriele Haefs. Osburg Verlag, 385 S., geb., 20 €

Dabei beginnt es so banal wie nur irgendwas. Vier Geschwister: Die beiden jüngeren, Åsa und Astrid, kümmern sich liebevoll um die alten Eltern und halten die zwei Hütten am Oslofjord instand. Logisch, dass sie ihnen schon mal überschrieben werden? Den beiden älteren, Bård und Bergljot, ist im Erbfall ein finanzieller Ausgleich versprochen. Bård ist ärgerlich, dass der Wert der Hütten zu gering veranschlagt wurde. Und Bergljot ist überhaupt voller Zorn, dass die beiden jüngeren Schwestern ihr vorgezogen wurden.

Verdammte Hütten, denkt man da. Bård möchte, dass jeder die Hälfte einer Hütte bekäme, wenigstens für die Kinder. Åsa und Astrid gehen auf den Vorschlag nicht ein. Sie wollen gern einen höheren Ausgleich zahlen, aber Ruhe und Frieden haben. Mit Bård hätten sie immer Unmut im Haus, weil er ungerechte Behandlung in der Kindheit nicht vergisst.

Bergljot wäre gar nicht dorthin gefahren; sie war schon ewig nicht bei den Eltern, reagiert nicht auf Anrufe und Briefe. Als der Vater stirbt, verlässt sie die Trauergesellschaft sofort nach dem Begräbnis. Wenn Astrid ihr sagt, dass es der Mutter schlecht geht, fühlt sie sich bloß unter Druck gesetzt. Dass sie eine Psychopathin sei, wird gewispert. Beim Notartermin macht sie reinen Tisch und verliest eine Anklage, deren Inhalt man schon ahnte.

Wer sie jetzt begütigend in den Arm nehmen wollte, würde zurückgestoßen. Astrid, die ihr noch ein wenig näher als Åsa steht, begreift nicht, was Berg-ljot eigentlich will. Gleichbehandlung? Nein, sie hat ein viel größeres Recht auf Wiedergutmachung durch die Eltern. Geld? Das kann ihr keine Genugtuung geben.

Dass man ihre Verletztheit wenigstens anerkennt, wäre das Mindeste. Dabei weiß sie genau, was das für die alte, hinterbliebene Mutter bedeuten würde und auch für die beiden jüngeren Schwestern, die von ihrem Glauben Abschied nehmen müssten, in einer harmonischen Familie gelebt zu haben.

Jeder schützt seine Welt. Deshalb sind manche Konflikte unlösbar. Deshalb ist Gerechtigkeit letztlich unmöglich, weil jede Strafe auch Unschuldige mit trifft und weil der allein Anzuklagende vielleicht das Ausmaß seiner Schuld überhaupt nicht erkennt. Jedes Wort der Erklärung würde ihm zusätzlich zur Last gelegt. Immerhin gibt es vor Gericht noch Rechtsanwälte und Sozialarbeiter in den Gefängnissen. Und nach einer Verjährungsfrist sind Täter vor Bestrafung sicher.

Dass die Zeit alle Wunden heile, so heißt es, es kann aber auch zu Wundbrand kommen. Als Begljot, schon erwachsen, einen Zusammenbruch erlebte, war die medizinische Indikation für staatlich bezahlte Psychotherapie gegeben. Viermal pro Woche ging sie zum Therapeuten, der offenbar ganz auf Seite seiner Patientin stand und sich nicht als Vermittler sah.

Wie genau sie sich ergründet hat, was sie an entsprechender Literatur las, spiegelt sich im Roman wider. Die Autorin lässt uns miterleben, wie Bergljot in ihren Erlebnissen und Empfindungen gräbt. Sie ist eine kluge Frau, als Mitarbeiterin einer Theaterzeitschrift geübt im Psychologisieren und Formulieren. Sie betrachtet sich in ihrer Versehrtheit und kann irgendwann sogar auch die anderen als Verletzte erkennen. Aber die Freundin, der es ebenfalls nicht gut geht, stachelt sie an zu Mitleidlosigkeit.

Die Psychoanalyse hat Bergljot offenbart, in welchen tiefsten Wünschen sie betrogen worden ist: nämlich eine ganz besonders liebenswerte Person zu sein. Nun hat sie aller Freundlichkeit abgeschworen. Es geht ihr gut im Gedanken, dass sie eine Kriegerin ist in einer Rüstung aus Zorn.

In mir aber strebte beim Lesen alles nach Frieden. Darin liegt die Kraft des Buches, dass die von der Autorin so hellsichtig gestellten Fragen einen wohl nie mehr loslassen werden. Was ist Gerechtigkeit? Was ist Genugtuung? Worin liegt der Sinn der Rache? Altes Testament gegen Neues Testament.

Da weiten sich die Gedanken vom Persönlichen ins Politische. Angesichts der unzähligen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, wie kann da Wiedergutmachung gelingen? Sollte man die Büchse der Pandora nicht lieber geschlossen halten? Oder wird das Gemisch darin dadurch nur noch explosiver?

Hört auf mit eurem Moralisieren, würde Bergljot sagen. »Man wird durch Leiden nicht gütig. In der Regel wird man durch Leiden gemein.«

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