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Sie kamen durch den Tunnel

Horst Bosetzky zieht seine Leser erneut in einen historisch verbrieften Berliner Kriminalfall

Bis auf sein sumpfiges Zentrum erhebt sich Berlin in weiten Teilen auf märkischem Sand - eine Tatsache, die Tunnelgräbern jeglicher Couleur von jeher das Handwerk erleichterte. Die Liste der erfolgreichen Kriminellen, die daraus Gewinn zu ziehen wussten, ist lang. Die ersten und berühmtesten Täter, die sich einem Banktresor aus dem Untergrund näherten, waren die Brüder Sass aus Moabit.

Horst Bosetzky: Die Brüder Sass – geliebte Ganoven. Biografischer Kriminalroman.
Gmeiner Verlag, 220 S., br., 12 €

In der Birkenstraße 57 hauste die sechsköpfige Familie des trunksüchtigen Lohnschneiders Sass im Hinterhaus in Stube und Küche und lebte im Wesentlichen von den kargen Einkünften der Mutter als Wäscherin. Drei der fünf Söhne hatten, vorsichtig ausgedrückt, das Arbeiten nicht erfunden, der Jüngste ging noch zur Schule. Max, Franz und Erich, sämtlich kräftige Kerle Mitte zwanzig, bevorzugten einen höheren Lebensstandard, als er in Moabiter Hinterhäusern wohl noch heute üblich ist. Das Geld dafür beschafften sie sich durch einfallsreiche kriminelle Unternehmungen. Bald genossen Franz und Erich in der gut organisierten Berliner Unterwelt, aber auch bei den gewöhnlichen Berlinern einen zweifelhaften Ruf als erfolgreiche Einbrecherkönige.

Ob die beiden besonders klug waren, scheint zweifelhaft. Der auffallend große Erich wird gar als »leicht degeneriert« beschrieben. Geschickt und gerissen waren sie - zum Ärger der genasführten Polizei - auf jeden Fall. Und ausdauernd noch dazu. Ein Halbdutzend Mal scheiterten sie bei ihren Tresorangriffen buchstäblich in letzter Minute, bevor sie am letzten Wochenende im Januar 1929 in der Depositenkasse am Wittenbergplatz ihren größten Coup landeten. Der Bruch, der tagelang unentdeckt blieb, sicherte ihnen Ruhm und Nachruhm bis in die heutige Zeit. Hundertfünfzigtausend Reichsmark und eine nie geklärte Menge an Gold und Devisen blieben spurlos verschwunden. Den Brüdern Sass war nichts nachzuweisen.

Horst Bosetzky hat über nahezu alle großen Berliner Kriminalfälle des 20. Jahrhunderts geschrieben. »Die Bestie vom Schlesischen Bahnhof«, den »doofen Bruno« aus Köpenick, den S-Bahn-Mörder Ogozow und den kalten Todesengel Elisabeth Kusian hat er psychologisch überzeugend dargestellt. Bei aller Genauigkeit in Atmosphäre und historischem Detail kommt diese Dimension bei den Gebrüdern Sass zu kurz. Die waren offensichtlich nur von Geldgier und Geltungsbedürfnis geprägt, dazu mit erstaunlichem Glück und sturer Beharrlichkeit versehen. Ihr Gegenspieler, der Kriminalsekretär Max Fabich, sah sie schließlich gen Kopenhagen entschwinden. Sie wussten, dass ihnen in Nazi-Deutschland nichts Gutes blühte.

Doch auch in Dänemark verließ sie das Glück. Nach einer vierjährigen Zuchthausstrafe wies man sie im März 1938 nach Deutschland aus, wo sie zwei weitere Jahre unter härtesten Bedingungen in »Untersuchungshaft« verbrachten. Ohne ein Urteil wurden sie am 27. März 1940 in der Sandgrube des KZ Sachsenhausen erschossen. Bosetzkys Buch ist nicht das erste, das daran erinnert.

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