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Wenn spekuliert, statt produziert wird

Noam Chomsky hat ein »Requiem für den amerikanischen Traum« geschrieben

  • Von Siegfried Schmidtke
  • Lesedauer: 4 Min.

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Vom Tellerwäscher zum Millionär. Das war jahrzehntelang die märchen- und bildhafte Beschreibung des amerikanischen Traums. Etwas nüchterner ausgedrückt: Jeder kann es mit harter Arbeit zu etwas bringen. Wobei das »etwas« nicht unbedingt Millionen Dollar bedeuten musste, aber wohl einen gewissen materiellen Wohlstand immer meinte.

Noam Chomsky: Requiem für den amerikanischen Traum. Die 10 Prinzipien der Konzentration von Reichtum und Macht.
Verlag Antje Kunstmann, 192 S., geb., 20 €.

Noam Chomsky (88) ist eigentlich Linguistik-Professor. Doch der Sprachforscher hat sich sein langes Leben lang auch zur Politik seines Landes geäußert. Er gilt als einer der meistzitierten und einflussreichsten Intellektuellen der Vereinigten Staaten. In der jetzt erschienenen deutschen Ausgabe seines »Requiems für den amerikanischen Traum« analysiert er präzise den aktuellen, desolaten Zustand seines Landes und nennt zehn Punkte (»Prinzipien«), wie es dazu kommen konnte.

Beispiel: Den ersten Schritt zur Konzentration von Macht nennt Chomsky »Demokratie einschränken«. Wer glaubt, dass in den USA mit »Demokratie« die Herrschaft des Volkes gemeint sei, der wird von Chomsky eines Besseren belehrt. Bereits James Madison, maßgeblicher Autor der amerikanischen Verfassung von 1787, bestand darauf, dass die Macht in den Händen der Wohlhabenden bleibe. Denn sie seien verantwortungsvoller als die Armen, weil ihnen »nicht nur ihr eigener Vorteil am Herzen« läge. Dreimal laut gelacht - aber Madison gelang es, dass die Verfassung nicht dem Repräsentantenhaus, vergleichbar dem englischen Unterhaus, sondern dem Senat (Oberhaus) die größte Macht verlieh. Die Mitglieder dieser Kammer des Parlaments wurden bis 1912 aber nicht gewählt, sondern von den Bundesstaaten ernannt. Natürlich aus dem Kreis der Wohlhabenden. Ohne Geld läuft auch heute nichts in der amerikanischen Politik. 2012 gehörte mehr als die Hälfte aller Mitglieder der beiden Parlamentskammern - Repräsentantenhauses und Senat - zur Gruppe der Millionäre. Der Mittelwert der Vermögen aller US-Senatoren betrug 2,7 Millionen und der Mitglieder im Repräsentantenhaus 896 000 Dollar.

Diese Macht- und Geldkonzentration in den Händen weniger wurde, so Chomsky, im Laufe der amerikanischen Geschichte ausgebaut. Etwa durch die »Umgestaltung der Wirtschaft« (3. Prinzip). Damit ist gemeint, dass die von Chomsky als »Herren der Welt« und »Eigentümer der Gesellschaft« bezeichneten Mächtigen den Einfluss der Finanzindustrie ausbauten und gleichzeitig die Realwirtschaft verdrängten. Spekulieren oder »Zocken« statt Produzieren - das beschreibt heute das Betätigungsfeld der amerikanischen Wirtschaft. Im Jahr 2007 entfielen bereits 40 Prozent der Unternehmensgewinne auf die Finanzindustrie. Ein, so Chomsky, »noch nie dagewesener Wert«. Weil der gemeine Amerikaner aber nicht nur sein Geld vermehren will, sondern auch Autos fahren, Handys benutzen und Kleidung tragen, müssen diese realen Gegenstände irgendwie und irgendwo produziert werden. Die Produktion wurde einfach ins Ausland verlagert. Vorzugsweise in Billiglohnländer mit niedrigen Umweltstandards.

Die Produktionsverlagerung führte zu einer Schwächung des US-amerikanischen Arbeitsmarktes und damit der Arbeiterschaft. Hinzu kam - besonders stark unter Ronald Reagan - das Signal an die Wirtschaft: »Wenn ihr auf widerrechtliche Weise Organisationen und Streiks zerschlagen wollt, nur zu!« Doug Fraser, ein Automobilgewerkschafter, beklagte einen »einseitigen Krieg« der Unternehmer gegen die Arbeiterklasse. Ein Krieg, der von der Politik massiv unterstützt wurde und von Chomsky als 8. Prinzip mit »Den Pöbel im Zaum halten« beschrieben wird. Inzwischen seien nur noch sieben Prozent der Arbeitnehmer des privaten Sektors gewerkschaftlich organisiert.

Wer Chomskys zehn Prinzipien der Konzentration von Reichtum und Macht in den USA gelesen hat, versteht, warum die Vereinigten Staaten so geworden sind, wie sie sich derzeit präsentieren: innerlich zerrissen und ziemlich heruntergekommen. Ein bis an die Zähne bewaffneter militärischer Machtapparat, eine mit schwindelerregenden Zahlen agierende, unkontrollierte Finanzindustrie und eine vergangenen Glanz und Glamour vorgaukelnde PR-Agentenschaft halten das Bild der Supermacht USA nach außen mühsam aufrecht. Wie lange noch?

Noam Chomsky bleibt trotz seines düsteren Zustandsberichtes optimistisch. Die Frage »Was können wir tun?« beantwortet er kurz und knapp: »So ungefähr alles, was wir tun wollen.« Und er zitiert seinen konkreter sich äußernden, verstorbenen Freund Howard Zinn: »Worauf es ankommt, sind die zahllosen kleinen Beiträge der unbekannten Menschen, sie legen die Basis für die großen Veränderungen, die dann in die Geschichte eingehen.«

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