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  • Buchmesse Frankfurt/M.

Kassiber vom anderen Stern

Kurt Bartsch und Wasja Götze: Briefe als Grenzverkehr

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 4 Min.

Welt und Zeit schlagen ihre Bögen: Der Spannungsbogen etwa beherrscht die Kultur der Zerstreuung, der Regenbogen gibt den verseuchten Himmel noch immer nicht auf - aber der alte klassische Briefbogen, der flattert, außerhalb amtlicher Funktionen, langsam ins Vergessen.

Kurt Bartsch/Wasja Götze: »In all dem herrlichen Chaos«. Briefe von 1982 bis 1989.
Hg. von Irene Böhme. Mitteldeutscher Verlag, 320 S., geb., Farbabb., 24,95 €.

Ja, der Brief stirbt. Nein, er lebt, noch. Und wird in Notwehr Buch. Zum Beispiel dies wunderschön lebendige. »In all dem herrlichen Chaos« erzählt von der Freundschaft des Berliner Dichters Kurt Bartsch (1937 - 2010) mit dem Maler und Bildhauer Wasja Götze (Jahrgang 1941) aus Halle. Bartsch war einer der bissigsten, skurrilsten Dichter einer DDR - die er so nicht haben wollte, wie er sie in seinen Versen verdichtete. »brüder, seht die rote fahne/ hängt bei uns zur küche raus. /außen sonne, innen sahne -/ nun sieht marx wie moritz aus.« Er überschritt Frechheitsgrenzen, Grenzen waren ja überhaupt das sensible Gelände, attackierte Anpassungsmuster: »er hätte sich fast beteiligt an der revolution:/ er fluchte schon.«.

Bartsch protestierte gegen die Biermann-Ausbürgerung, 1979 wurde er aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen, ging in den Westen. Auch Götze hatte die Biermann-Petition unterschrieben, blieb aber im Osten; er war stasibeäugter Wandermusikant, erlebte seine Malerei als Verbotsgegenstand, er diente als zynisches Beispiel, wie ein Staat dafür sorgt, dass ein eigenwilliger Könner möglichst resonanzlos bleibt. Bartsch und Götze waren, wie man so sagt, dicke Freunde. Brüder der geistigen Gespräche und Getränke. Von 1982 an schrieben sie einander Briefe. Die letzten stammen vom November 1989. Dann ging man wieder gemeinsam spazieren, reden, trinken. Duale Wiedervereinigung.

Der Dichter erzählt von den Mühen, sich im Westen durchzuschlagen, der Maler von den Mühen, im Osten gegen die Niedergeschlagenheit anzugehen. Ein Austausch von Lebenslust und Lebenslist. Dort die Schreibarbeit für Bühne und Film, die Reisen, das Häuschen im holsteinischen Norden, hier der Alltag im »sozialistischen Mauschelländchen«. Die im Westen, schreibt Bartsch, »haben Angst mit Job, mit Konto, trotz Eigentumswohnung und überhaupt. In solchen Momenten merke ich, dass ich von einem ganz anderen Stern komme.« Regelmäßig berichtet er dem Hallenser, wie es im Westberliner Theater zugeht, herrlicher Kollegentratsch; lauthals bittet er Heiner Müller, der in einer Premiere vor ihm sitzt, um ein Autogramm, gern, sagte der »und schrieb ›Herzlich Peter Hacks‹ in mein Programmheft«.

Götze liest mit Begeisterung Arno Schmidt und versucht, sich beim Blick aufs DDR-Dasein »noch immer ein paar rosa Augen zu bewahren«. Erschrickt fast, wenn er »Anflüge von Hoffnung oder gar Optimismus« bekommt. Betreibt leidenschaftlich seinen Radsport und das Pfeiferauchen, ist begeistert von einem Dorfkonsum, in dem es tatsächlich »richtiges trinkbares Bier« gibt, nennt die Sachsen »loyal bis zur Selbstaufgabe«, fährt winternachts Ski durch Halle. Und 1988, es ist Glasnost-Zeit, schreibt er über seine Wahrnehmungen in der Bevölkerung: »Laut und unverblümt wird gegen den Sozialismus räsoniert ... peinlich wird diese Haltung, wenn sie mit braunen Rudimenten durchsetzt ist, was so selten nicht vorkommt.«

Es berührt, wie da zwei Menschen, zwei Familien Deutschland erzählen. So weltgewandt im Dörflichen des Ostens, so nähetreu in der Weltweite des Westens. Als farbige Faksimiles beigegeben: einige der Briefe Götzes - (typo)grafische Kunstwerke. Herausgeberin Irene Böhme - Dramaturgin, Frau von Kurt Bartsch - steuert eigene Briefe an Wasja Götze bei, ebenfalls ein heiteres Trotzdem, ein mitunter schwermütiges Bekennen von Unerfülltheiten in so glitzernd kapitaler Gegend. Böhme hat ein bezaubernd perlendes Nachwort geschrieben. Die »unbekümmerte Tonart« der Briefe täusche, sie seien »Kassiber ... ihre Botschaft lautet: ›Sei vorsichtig, ich bin es auch!‹«

Der Brief ist wahrlich ein besonderes Hand-Werk, es kostet die Stunde, die der Hast abgerungen werden will. Die Zeit, die man sich schreibend nimmt, sie fordert so ganz, dass man sich einer Ruhe hingibt, die mit ein klein wenig Gewicht gefüllt sein möchte. Bartsch nennt es: »Papiere kreuzen« mit Götze. Eine schöne Art zweier Waffenloser, das unanfechtbare Gemeinsame - klingend, klangvoll auszufechten.

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