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In die Welt geworfen

Yasmina Reza entfaltet ein Panorama des französischen Mittelstands

Am Anfang beschreibt Elisabeth, die Erzählerin aus Yasmina Rezas neuem Roman »Babylon«, ein Bild. Ein Bild des amerikanischen Fotografen Robert Frank. Ein Mann steht an einer Wand, irgendwo im Los Angeles der 1950er Jahre. In der Hand hält er die Zeitschrift der Zeugen Jehovas, »Awake« - »Erwachet«.

Yasmina Reza: Babylon. Roman.
A. d. Franz. v. Frank Heibert u. Hinrich Schmidt-Henkel. C. Hanser, 224 S., geb., 22 €.

Für Elisabeth ist dieses Bild Inbegriff der Verlorenheit, der Einsamkeit und Vergeblichkeit. Zu Füßen des Mannes »ahnt man eine Aktentasche (der Griff ist zu sehen), darin die Dutzenden Traktate, die niemand oder so gut wie niemand ihm abnehmen wird«.

Und dann denkt sie an die Vergänglichkeit. »Auch diese in sinnlos hoher Auflage gedruckten Schriften gemahnen an den Tod. Diese Anfälle von Optimismus - zu viele Gläser, zu viele Stühle … -, wir besitzen viel zu viele Dinge und berauben sie gerade dadurch ihres Sinnes.«

Die Gläser, die Stühle - sie bilden den Bezug zu der Geschichte von »Babylon«. Denn Elisabeth und ihr Mann hatten zu einer Frühlingsparty eingeladen. Aber die Biologin, die am Patentamt in Paris arbeitet, ist nicht geübt im Organisieren von Partys. Aus lauter Nervosität kauft sie zu viele Gläser, macht sich zu viel Sorgen, dass die Stühle nicht reichen werden. Sie ist »zu optimistisch«, denn am Ende kommen nur zwei Dutzend Gäste, darunter Elisabeths Sohn und ihre Schwester und - als einzige Nachbarn - das Ehepaar Manoscrivi.

Jean-Lino Manoscrivi arbeitet in einem Elektrofachgeschäft. Manchmal sieht ihn Elisabeth auf dem Balkon rauchen. Kein besonders ansehnlicher Mann, im Gegenteil, aber irgendwie ist er ihr sympathisch, und sie freundet sich mit ihm an. Er erinnert sie an den Zeugen Jehovas auf dem Foto von Robert Frank. Er ist derjenige, von dem sie eigentlich erzählen will.

Im Gegensatz zu Elisabeths Befürchtungen wird die Party ein Erfolg. Nach anfänglich stockenden Gesprächen unterhalten sich die Gäste angeregt und genießen das Essen. Yasmina Reza entfaltet anhand ihrer Figuren ein Panorama des französischen Mittelstands und seiner Misere. Das ist manchmal komisch wie in ihren Theaterstücken, aber immer hintergründig.

Lydie Manoscrivi ist New-Age-Therapeutin und Tierschutzaktivistin. Als Jean-Lino von einem Restaurantbesuch erzählt, bei dem sie den Ober fragt, ob das Huhn aus dem Hähnchengericht auch auf einem Baum sitzen konnte, lacht die ganze Gesellschaft.

Was danach geschieht und die folgenden zwei Drittel des Romans bestimmt, verrät in der deutschen Ausgabe der Klappentext. Das ist ein bisschen schade, weil es dem Leser die Spannung nimmt.

Andererseits liest man trotzdem interessiert weiter. Das liegt an der Vielschichtigkeit des Romans, aber auch an der Schreibweise der Autorin. Eine Schreibweise, die an die Melancholie und den Existenzialismus in Patrick Modianos Büchern erinnert.

Elisabeth ist »in die Welt geworfen«, eine Verlorene. Sie misstraut der Sprache als Mittel des Verstehens und der Verständigung mit dem anderen. »Die Sprache drückt nichts anderes aus als die Unfähigkeit, sich mitzuteilen.« Trotzdem verfällt sie in keinen Zynismus, interessiert sich für den anderen, für Jean-Lino, auch wenn er ihr bis zuletzt ein Rätsel bleibt.

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