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Der Traum vom Sonnenkönig

Frankreich als Ehrengast der Frankfurter Buchmesse

  • Von Manfred Loimeier
  • Lesedauer: 4 Min.

Der neue französische Präsident Emmanuel Macron hat das Glück, dass Frankreich in diesem Jahr Ehrengast der Frankfurter Buchmesse ist - ein ideales Forum, um mit Hilfe der Literatur die Größe und Bedeutung der französischsprachigen Welt zu zelebrieren. Schließlich soll Frankreich, so Macron, wieder groß werden und international an Einfluss gewinnen. Damit reiht er sich nicht nur in die Riege der Politiker, die ihre Nation vor allen anderen in der Welt sehen wollen, er steht damit auch in einer Jahrhunderte zurückreichenden Tradition.

Macron weiß genau, an welches kollektive Bewusstsein er appelliert, wenn er von einem »stolzen Land« spricht, das wieder eine »große Macht« werden soll. Der Traum eines solchen »Plus Grande France« gehört zum Gründungsmythos Frankreichs, dessen Königshaus sich einst im Zentrum Frankreichs formte, indem es sich auf militärische Macht, aber auch auf Herrschaft durch Sprache stützte. Das Normannische, Bretonische, Aquitanische wurden strengstens verfolgt und das Französische als Sprache der neuen Herrscher derart verfestigt, dass noch heute politischen Einfluss nur gewinnen kann, wer die Tücken der Grammatik bis in Nuancen beherrscht oder das Repertoire der Rhetorik fließend anzuwenden weiß.

So blühte gerade unter dem Mantel der Aufklärung der Traum von der Universalität des Französischen - der französischen Sprache, der Ideale der Vernunft, der demokratischen Werte der Revolution von 1789 -, doch zeigte spätestens die Realität des Kolonialismus, dass hinter diesen Versprechen ein Machtkalkül stand, das nur denjenigen Teilhabe in Aussicht stellte, die sich der Doktrin der Pariser Kolonialregierung unterwarfen und auf Eigenständigkeit verzichteten.

So ist es kein Wunder, dass Macron ausgerechnet jetzt, da sich die USA unter Trump auf einem isolationistischen Kurs bewegen, die Chance der Stunde ergreifen und einen französischen Führungsanspruch anmelden möchte. So, wie Paris unter seinen Vorgängerpräsidenten die Institutionen der Europäischen Union nutzte, um Vorteile für Frankreichs Wirtschaft herauszuschlagen, so will auch Macron Europa nach französischem Vorbild zentralisieren, um die Machtposition von Paris auszubauen und zu festigen. Kultur war dabei immer auch Indoktrination, wie die zahlreichen Kulturinstitute bezeugen, die in Frankreich direkt im Außenministerium angesiedelt sind.

Dabei eignet sich Paris sogar ein Kulturverständnis an, das aus der französischsprachigen Peripherie stammt und mit dem Begriff der Frankophonie die Gemeinschaft an Völkern und Nationen meinte, die mit der französischen Sprache als gemeinsamem Band zu einer kulturellen Einheit verknüpft sind. Eigentlich wollten die Länder der Frankophonie - in Afrika, in der Karibik - damit Mitspracherechte und kulturelle Integration einfordern, doch nun dreht Paris den Spieß gleichsam um und präsentiert die französischsprachigen Literaturen anderer Weltteile als kulturelle Errungenschaften Frankreichs: Monique Ilboudo aus Burkina Faso wird Frankreich auf der Buchmesse vertreten, Alain Mabanckou aus Kongo-Brazzaville, Wlfried N‘Sondé aus Berlin, Lyonel Trouillot aus Haiti, Achille Mbembe aus Kamerun. Dieser internationale kulturelle Machtanspruch ist wichtig für Frankreich, verließ doch beispielsweise Ruanda 2008 noch unter dem Eindruck des Pariser Verhaltens während des Völkermords 1994 das französischsprachige Einflussgebiet und setzt im Bildungswesen seither auf das Englische.

Nun aber hat das Centre National du Livre zusammen mit den Instituts français ein stattliches Übersetzungsprogramm aufgelegt. Damit wurden beispielsweise auch die Übertragung der Bücher von Rachid Benzine, Aya Cissoko, Yasmina Khadra oder Ali Zamir ins Deutsche finanziert. Zudem gehen Autoren auf Lesereise durch Deutschland. Das ist nicht schlecht, wäre aber ehrenhafter, wenn diese Autoren auch dann Unterstützung erhielten, wenn es nicht um Frankreichs Größe geht, sondern um die Vielfalt literarischer Stimmen.

Auch Tahar Ben Jelloun aus Tunesien, Patrick Chamoiseau aus Martinique und Dany Laferrière aus Haiti werden für Frankreich in Frankfurt sein. Das hat der Heidelberger Wunderhorn-Verlag zum Anlass genommen, den 1783 in Berlin gehaltenen Vortrag des französischen Schriftstellers Antoine de Rivarol »Über die Universalität der französischen Sprache« neu herauszugeben und mit einem Vorwort aus der Feder von Laferrière zu versehen. Laferrière formuliert seine Kritik an Rivarol sehr diplomatisch und hebt dennoch selbstbewusst heraus, dass es heute umgekehrt die Französisch sprechenden Millionen in Afrika und der Karibik sind, die der französischen Sprache neues Leben einhauchen. Gerichtet an die Adresse des Élysée-Palasts in Paris, hieße das: Träume nicht von vergangener Größe, sondern bedenke, dass du am Tropf der Welt hängst.

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