Bösewicht mit grünem Haar

Salman Rushdie: Sein neuer Roman »Golden House« ist ein ambitioniertes Buch

  • Von Florian Schmid
  • Lesedauer: 4 Min.

Dies ist der 13. Roman des mittlerweile 70-jährigen Salman Rushdie - ein gut 500 Seiten dickes Epos, eine dramaturgisch ebenso komplexe wie stilistisch geniale Erzählung. »Golden House« ist nicht weniger als eine opulent inszenierte Bestandsaufnahme unserer politischen und kulturellen Gegenwart, die mit dem Wahlsieg Barack Obamas beginnt und mit der Amtseinführung von Donald Trump endet. Auch wenn dieser politische Rahmen eher ein hintergründiges Rauschen zur eigentlichen, in der New Yorker Oberschicht angesiedelten Handlung ist, fokussiert in den USA die Literaturkritik, die Rushdies Buch als großen Wurf abfeiert, natürlich primär auf diesen Aspekt.

Denn der in New York lebende Rushdie macht keinen Hehl daraus, was er von Donald Trump hält. Er stilisiert ihn zum comicartigen Bösewicht mit grünem Haar, weißer Haut und einer blutigen Lippe, genauso wie den Joker aus dem Batman-Comic. »Acht Jahre haben wir uns eingebildet, Amerika sei so fortschrittlich geworden … wie es der Präsident verkörperte …, aber die dunkle Seite war auch immer da, und sie brüllte aus ihrem Käfig heraus und verschlang uns«, stellt der Erzähler am Ende des Buches konsterniert fest.

Um einen großen, dramatisch in Szene gesetzten Niedergang - in einer Familie, nicht in einem Land - geht es auch in der Haupthandlung des Romans, der ein unglaublich breites und schillerndes Figurentableau auffächert und die geheime Welthauptstadt New York auf beeindruckende Weise zum Leben erweckt. Im Zentrum steht der Patriarch einer schwerreichen indischen Familie, die 2008 nach dem Terroranschlag in Mumbai, der 174 Menschen das Leben kostete, in die USA übersiedelte und zu einem Immobilienmogul im Big Apple aufstieg.

Mit seinen drei eigenwilligen Söhnen lebt er in einem riesigen Haus in Manhattan. Der älteste Sohn leidet am Asperger-Syndrom und traut sich nicht, das Haus zu verlassen. Im Lauf der Zeit wird der Computerspiel-Nerd zu einem der reichsten Spieleprogrammierer des Landes. Der zweite Sohn ist Künstler und verliert sich in zahlreichen leidenschaftlichen Liaisons, bis er sich schließlich in einen weiblichen Superstar der New Yorker Kunstwelt verliebt und fleißig an seiner Karriere schraubt. Der jüngste Sohn hadert sehr zum Missfallen des altbackenen Patriarchen mit seiner geschlechtlichen Identität und verlässt dann auch bald das Anwesen.

Erzählt wird dieses Drama einer sich langsam entfremdenden und auseinanderbrechenden Familie von einem jungen Filmemacher mit dem klangvollen Namen Rene Unterlinden, der in der Nachbarschaft wohnt und schließlich eine Art assoziiertes Familienmitglied wird.

In der Familiengeschichte der Goldens und ihrer titelgebenden Residenz »Golden House« steckt ein komplexes großstädtisches und gesellschaftspolitisches Panorama. Es geht um die Schönen und Reichen, um die Kunst- und Filmwelt, um Immobilienhaie und Gangster, um Bollywood und um politische Dokumentarfilme in den USA. Salman Rushdie inszeniert das natürlich als ebenso ironisches wie tragisches und an einigen Stellen fast operettenhaftes Drama mit ungeheurer Wucht.

Es wird auf diesen 500 Seiten in einem fort voller Hingabe geliebt, gehasst, geheiratet, gestorben, Leben gezeugt, intrigiert, aufgedeckt, misstraut, immer wieder blutig gerächt und auch regelmäßig die politische Verwirrung des bösen, anderen, neofaschistischen Amerika vorgeführt. Das alles erzählt Rushdie - auch wenn das Buch wegen der Detailverliebtheit immer wieder seine Längen hat - mit einem unglaublich hohen Tempo.

Die messerscharfe Genialität und die popkulturelle Prägnanz seiner früheren Bücher wie »Mitternachtskinder« und »Satanische Verse« erreicht »Golden House« aber leider nicht. Dem großen zeithistorischen Porträt, das Rushdie hier mit vielen Handlungssträngen und einem ausufernden Personal entwirft, fehlt mitunter der rote Faden. »Golden House« greift vielmehr zahlreiche Motive seines Werkes auf wie Religion und Fanatismus, das Künstlersein, großstädtisches multikulturelles Leben, die Bürde eines historischen und kulturellen Erbes und der zum Scheitern verurteilte Versuch, ihm zu entkommen. Das alles wird in einem fast Wagner’schen Epos in die politische Gegenwart hineingeschrieben und ist dennoch in jedem Fall ein beeindruckendes und lesenswertes Stück Weltliteratur.

Salman Rushdie: Golden House. Roman. Aus dem Englischen von Sabine Herting. C. Bertelsmann. 512 S., geb., 25 €.

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