Schallschutz für Pankow

Startschuss für den Bau von über 5000 Metern Lärmschutzwänden an der Stettiner Bahn

Applaus für eine Attrappe. Gefeiert wird bei schönstem Sonnenschein in der Pankower Dolomitenstraße die Errichtung einer knapp 1,70 Meter hohen Imitation einer Lärmschutzwand. Tatsächlich ist dies der Startschuss für das Großprojekt Lärmsanierung. Der »Wunsch der Menschen nach Gesundheit« sei ein wichtiger Grund für den Bau des Schallschutzes, sagt Alexander Kaczmarek, Konzernbevollmächtigter der Deutschen Bahn für Berlin.

Parallel zur Dolomitenstraße verläuft die »Stettiner Bahn«, eine Schienentrasse, auf der viele schwere Kesselwagenzüge durch den Bezirk fahren. Es ist die Verbindung zur Schwedter PCK-Raffinerie. Diese Strecke soll in den kommenden Jahren stark ausgebaut werden: Zwischen Pankow und Blankenburg soll die Fernbahn ein zweites Gleis erhalten, die Höchstgeschwindigkeit auf 160 Stundenkilometer angehoben werden.

Die Bahn sei »Umweltvorreiter und will es auch bleiben«, so Kaczmarek. Allerdings sei der Streckenausbau wichtig, um die Konkurrenzfähigkeit der Eisenbahn gegenüber dem Transport auf der Straße zu sichern. Das bedeutet zugleich, dass mit dem höheren Verkehrsvolumen ein höherer Lärmpegel für die Anwohner zu erwarten ist.

Das Schallschutzprojekt der Deutschen Bahn ist Teil des vom Bundesverkehrsministerium aufgelegten Programms »Lärmsanierung an bestehenden Schienenwegen des Bundes«. Etwas über fünf Kilometer Lärmschutzwände werden gebaut. Rund acht Millionen Euro soll das kosten. Zusätzlich sollen rund 500 Wohnungen passiven Schallschutz wie dämmende Fenster und Lüfter erhalten. Dafür sind noch einmal rund 170 000 Euro veranschlagt.

Kaczmarek hält das für »recht große Anstrengungen, um den Menschen entgegenzukommen«. Weiterhin werden zur Lärmminderung bis 2020 bestehende Güterwagen auf »Flüsterbremsen« umgerüstet. Das soll eine Halbierung des Lärms bewirken. Solche Bremsen haben statt der früher üblichen Metallklötze Kunststoffsohlen. Die Räder der Güterwagen sind glatter und rollen so wesentlich leiser über die Gleise.

Den »Lärmschutz an der Quelle anzupacken«, so wie es seit einigen Jahren bei den Güterzugbremsen gemacht wird, das sei der richtige Ansatz, sagt Jens Klocksin, Referatsleiter für Lärmschutz im Bundesverkehrsministerium.

Diesen Ansatz hält auch Professor Markus Hecht, Leiter des Fachgebiets Schienenfahrzeuge an der Technische Universität Berlin für richtig. Und zwar mit Hilfe verbesserter Schienen und Kunststoff-Bremssohlen. Lärmschutzwände sieht er jedoch sehr skeptisch. So wird am Ostkreuz eine sechs Meter hohe Schallschutzbarriere geplant. Das hat in diesem Jahr bereits bei Anwohnern Proteste ausgelöst, weil sie auch die freie Sicht enorm einschränken. Als Zugreisender findet übrigens auch Kaczmarek die Schutzwände »ätzend«, wie er erst am Samstag einräumte.

Unter anderem deswegen hält Hecht es für den »falschen Weg, die Mauern zu bauen«. Sie lenkten den Schall sowieso nur um und »ersetzen ein Problem durch ein anderes«. So würden Sichtachsen zerstört, darüber hinaus seien die Bodenvibrationen bei einem hohen Verkehrsaufkommen nach wie vor präsent.

Doch von viel Widerstand in Pankow weiß man bei der Deutschen Bahn nichts. »Im Prinzip ist der Bau akzeptiert worden«, meint Sabine Müller, Projektleiterin der DB für das Vorhaben. Die Situation sei eine andere als am Ostkreuz. An der sogenannten Stettiner Bahn sollen die Wände, je nach Gegebenheit, ungefähr zwei bis maximal drei Meter hoch werden. »Drei Meter ist eine andere Hausnummer als sechs Meter wie am Ostkreuz.« Das Stadtbild sei damit nicht bedroht, so Müller.

Tatsächlich waren es die Anwohner, welche die Lärmsanierung forderten. Die »Bürgerinitiative Berlin Nord/Ost - gesund leben an der Schiene« setzt sich seit vielen Jahren dafür ein, den Krach lauter Güterzüge einzudämmen. Mit der Realisierung werden die Anwohner ihrem Ziel ein wenig näher gekommen sein.

Doch zunächst gibt es keinen Grund zur Entspannung: Die Bauarbeiten samt Baulärm werden laut Planung bis Mai 2018 dauern. Diese werden vor allem in nächtlichen »Sperrzeiten« stattfinden, zu denen der Zugverkehr unterbrochen wird. Dafür bittet Kaczmarek um Verständnis. Die Strecke ist zu wichtig, um sie tagsüber zu sperren. »Aufgrund örtlicher Gegebenheiten«, so Kaczmarek, werden die Wände von den Gleisen aus montiert werden.

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