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Roboter, die Studenten prüfen

An der Uni Marburg wird mit maschinellen Hilfs-Dozenten experimentiert - Kritiker warnen

  • Von Stefanie Walter, Marburg
  • Lesedauer: 4 Min.
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Naos Augen leuchten himmelblau. Das bedeutet, er ist ansprechbar. »Momentan habe ich Ferien und mache Pause«, sagt er mit seiner blechernen Stimme - auch ein Roboter hat mal frei. Nao sieht aus wie ein Plastik-Superman. »Das ist unser Übungsroboter«, erklärt Jürgen Handke. Der Anglistik-Professor an der Universität Marburg in Hessen experimentiert in seinen Lehrveranstaltungen mit Maschinen wie Nao oder seinem Roboterkollegen Pepper als Unterstützung.

Handke ist einer der Vorreiter der digitalen Lehre an Hochschulen. 2015 erhielt er den Ars-legendi-Preis für Digitales Lehren und Lernen. Er setzt das umstrittene Modell des »Inverted Classroom« ein, des »umgedrehten Unterrichts«: Alle Inhalte stehen seinen Studenten digital zur Verfügung, als Texte, Videos oder Selbsttests, sie nutzen soziale Netzwerke, lesen die Literatur online. Zu einer Präsenzphase kommen sie an die Universität.

»Die Studenten löchern mich dann mit Fragen«, erzählt Handke. Er hat sich Gedanken über eine Unterstützung in den Seminaren gemacht: Nao und Pepper sollen bei Übungen helfen, abfragen, auf Prüfungen vorbereiten. Nao ist etwa 60 Zentimeter groß, er steht heute auf Handkes Schreibtisch. »Sit down«, befiehlt der Wissenschaftler, und der Roboter setzt sich etwas umständlich hin. Nao sieht niedlich aus: großer Kopf, Kulleraugen. In einer ersten Untersuchung wollten die Marburger wissen, wie Menschen auf solche Roboter reagieren: »Positiv, total verliebt«, sagt Handke. Denn das Aussehen entspricht dem Kindchenschema.

Daneben steht Pepper, größer als Nao, weniger menschlich, mit einem Bildschirm vor dem Bauch, er bewegt sich auf Rollen. In diesem Wintersemester will Handke ihn im Kurs »History of English« einsetzen. Pepper soll zum Beispiel als eine Art Quizmaster auftreten. Er kann den Studenten einen Text vorgeben und fragen: »Welches Phänomen ist im ersten Satz zu finden?« Der Student wählt eine Antwort am Bildschirm aus, und Pepper gibt das Feedback: »Toll, das ist korrekt« - oder: »Falsch, dieser Fehler wird oft gemacht.«

Pepper und Nao sind sogenannte humanoide Roboter, die Menschen nachempfunden sind. Sie nehmen ihre Umgebung wahr und reagieren darauf. In einigen Ländern werden sie für Dienstleistungen ausprobiert, zum Beispiel an Rezeptionen oder in Pflegeheimen. Kürzlich sorgte ein Roboter für Aufsehen, der ein Konzert mit Startenor Andrea Bocelli dirigierte.

»Start exam preparation«, verlangt Handke nun - »Beginne mit der Prüfungsvorbereitung.« Mit Pepper können die Studenten zum Beispiel Übungen für eine Prüfung im Kurs »Morphology and syntax« machen. Eine Minute lang läuft die Zeit herunter. »Twenty seconds«, mahnt Pepper nach einer Weile. Studenten dürften jetzt ins Schwitzen kommen. Pepper ist in der Lage, den Lernenden wiederzuerkennen; Handke und sein Team probieren dafür QR-Codes aus. Pepper weiß dann, auf welchem Wissensstand sich der Student befindet, erkennt Lernfortschritte und empfiehlt passende Aufgaben. Handke hat Nao mit Schülern einer elften Klasse ausprobiert. »Sie haben nach drei Tagen ein anderes strukturelles Denken bekommen«, sagt der Professor.

Matthias Burchardt, Bildungsforscher an der Universität Köln, hält den Einsatz von Robotern an Hochschulen hingegen für »pädagogisch abwegig«. Schulen und Hochschulen mangele »es nicht an Geräten, sondern an gut ausgebildeten Lehrenden.«

Burchardt sieht die Gefahr einer »inhumanen Lehre«. Schon das Modell des »umgedrehten Unterrichts« mit der digitalen Vorbereitung allein zu Hause sei eine Reaktion auf den Personalmangel. »Es ist beschämend, dass wir uns in einem so reichen Land keine bessere Betreuungsrelation leisten wollen.« Außerdem gebe es starke ökonomische Interessen von Konzernen, die Digitalisierung an Schulen und Hochschulen voranzutreiben. »Wovon wir aber leben, sind die zutiefst menschlichen Beziehungen.«

Dennoch: Die Digitalisierung der Lehre scheint fortzuschreiten. Es sei »überraschend, wie viele Hochschulen sich auf den Weg gemacht haben«, sagt der Geschäftsführer des Hochschulforums Digitalisierung, Oliver Janoschka. Auf der Ebene der Professoren bilde der Marburger Jürgen Handke aber immer noch eine Ausnahme.

Zwar sei es wichtig, mit Robotern wie Pepper zu experimentieren, sagt Janoschka. Er sieht die Zukunft aber eher in persönlichen Assistenzsystemen für einzelne Studenten oder in Projekten wie der »Hamburg Open Online University«, einem Online-Angebot, das auch die Bürger für ihre Weiterbildung nutzen können.

Pepper rollt in Marburg langsam durch den Flur und erstellt dabei eine Karte seiner Umgebung. »Wir werden mit diesen Maschinen zusammenleben. Die Entwicklung ist nicht aufzuhalten«, davon ist Handkes Mitarbeiter Peter Franke überzeugt. Die Maschinen sollten den Routine-Kram erledigen. »Aber wir wollen nicht den Menschen ersetzen.« epd/nd

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