• Kultur
  • »Im Herzen der Gewalt«

Seien wir ehrlich, suchen wir die Substanz

In seinem Buch »Im Herzen der Gewalt« rekonstruiert Édouard Louis eine grausame Nacht

  • Von Christian Baron
  • Lesedauer: 4 Min.

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Seinen sozialen Aufstieg verdankt er in erster Linie dem Zufall, aber auch seiner Neugier, seiner Weltoffenheit und dem Ausbruch aus seiner ressentimentgeladenen Familie. Trotzdem hat es nur eine Nacht gedauert, bis Édouard Louis zum Rassisten geworden ist - zu dem, was er in seinem Welterfahrungseifer zuvor zurückgewiesen hatte. Jetzt senkt der 24-Jährige in der Metro den Blick, wenn ein Schwarzer oder Araber einsteigt. Ein Reflex, nicht mehr. Noch dazu einer, der ihn nur beim Anblick von Männern ereilt, auf die er sich in seiner Besessenheit kapriziert.

Louis geht in seinem neuen Buch »Im Herzen der Gewalt« mit der eigenen Angst vor dem vermeintlich Fremden schonungslos ins Gericht, doch sie hat eine Ursache. Und diese Ursache dürfte selbst bei jenen Verständnis wecken, die ansonsten ausnahmslos alle Wähler oder Sympathisanten rechter Parteien in den selben Nazisack stecken und verbal draufloskeilen, anstatt nach deren Motiven zu fragen. Édouard Louis ist kein Alltagsrassist. Er entstammt einem bildungsbürgerfernen Umfeld, er konnte gegen jedes Gesetz der Klassengesellschaft an einer Universität studieren, er ist Freund und Schüler der Geistesgrößen Geoffroy de Lagasnerie und Didier Eribon und er ist gefeierter Autor des Debütromans »Das Ende von Eddy«.

In diesem, seinem zweiten Werk beschreibt er jene grausame Dezembernacht, in der ihn ein Mann namens Reda vergewaltigt hat. Das ist wirklich passiert, und der Autor gibt sich keine Mühe, seinen Bericht zu fiktionalisieren. Die Hauptfigur in »Im Herzen der Gewalt« heißt Édouard, die Freunde heißen Geoffroy und Didier, seine Schwester heißt Clara. Sie erinnert den Protagonisten an seine soziale Herkunft.

Auf der Pariser Place de la République begegnet Édouard dem Unbekannten, sie kommen ins Gespräch und landen schnell in Édouards Bett. Als er bemerkt, dass sein Smartphone und sein Tablet verschwunden sind, verdächtigt er Reda - der ihn anschließend verprügelt und vergewaltigt. Wie es ihm gelingt, Reda aus der Wohnung zu komplimentieren, wie in ihm schlagartig der Fremdenhass wächst und wie ihn beim Erstatten der Anzeige der Rassismus der Polizeibeamten ärgert - all das erzählt Louis in nüchternem Ton, der einer soziologischen Abhandlung angemessen wäre.

Genau da, beim Stil, beginnen die Probleme mit diesem Buch. Wie beim Vorgängerwerk überschlägt sich die deutsche Kritik vor Begeisterung ob dieses tatsächlich so jungen, angeblich so mutigen, scheinbar so radikalen Schriftstellers. Doch seien wir ehrlich: Würde Louis nicht als zum linken Bohemien gewordenes Opfer einer bösen »Unterschicht« vermarktet und hätte er seine Story als fiktiv verkauft, was bliebe von diesem Autor und seinem bisherigen Werk? Kaum mehr als der Versuch eines Akademikers, seine Kunst nicht als Kunst begreift, sondern als verkopftes Vehikel guter Absichten.

Gegen diese Verbindung von Literatur und Engagement allein ist eigentlich wenig einzuwenden. Wäre da nicht Louis’ Drang zur ausufernden Rechtfertigung des im Nachhinein als falsch deklarierten eigenen Handelns. Er vertraut seiner Erzählung offenbar so wenig, dass er die Prosapassagen dauernd unterbricht, um zu theoretisieren, zu reflektieren, zu labern und zu konstatieren, ohne dabei zu kontextualisieren. Das macht dieses Buch bräsig und gefällig. Als Sachtext hätte es viel besser funktioniert. Dann wäre Louis die Künstleraura vorenthalten geblieben, seine Botschaft aber wäre verständlicher in die Welt gekommen.

Jeder, dem Édouard von dem Verbrechen erzählt, bastelt sich seine eigene Version zurecht. So verschachtelt Louis die Geschichte in mehreren Ebenen. Das verknotet das Geflecht so sehr, dass es am Ende niemand mehr entwirren kann. Vor allem im Falle der Schwester wirkt sich das negativ aus. Louis bedenkt sie von der Vorliebe für Billigmöbel über biologischen Rassismus bis zur vulgären Sprache mit einem Klassengeschmack, den Kultureliten gemeinhin der »Unterschicht« zuschreiben.

Der Protagonist steht mit seinen beiden intellektuellen Freunden als Verkörperung des absolut Guten da, derweil der Rassismus der anderen wie ein natürliches Merkmal der »Abgehängten« daherkommt. Unwahrscheinlich, dass Édouard Louis so etwas beabsichtigt hat.

Édouard Louis: Im Herzen der Gewalt. Roman. Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel. S. Fischer, 224 S., geb., 20 €.

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