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Ärzte-Netze gegen Ärztemangel

Sachsen: Wie man in Niesky versucht, verwaiste Praxen wiederzubeleben

  • Von Harald Lachmann
  • Lesedauer: 3 Min.

Das ostsächsische Niesky ist zwar »Große Kreisstadt«, war bis 2008 sogar Kreissitz und wird von einer Oberbürgermeisterin regiert - doch mit 9600 Einwohnern wirkt es eher ländlich. Trotz des liebenswerten Stadtkerns und trauter Lage zwischen Wald und Seen reizt es nur wenige Jüngere, hier sesshaft zu werden. Und so verschärft sich in dem ohnehin alternden Städtchen in Kürze ein Problem: Ab 2018 stehen in Niesky bereits fünf Arztpraxen leer, weil Mediziner in den Ruhestand gehen, ohne dass ein Nachfolger bereit steht.

Und das ist kein Einzelfall im strukturschwachen sächsischen Osten, den nun die AfD so stark zu dominieren scheint. Laut Kassenärztlicher Vereinigung (KV) war im gesamten Landkreis Görlitz vor Jahresfrist jeder dritte der 174 Hausärzte älter als 60 Jahre. Noch dramatischer ist es bei Fachmedizinern: Allein von den 20 Augenärzten zwischen Weißwasser und Zittau stehen acht kurz vor der Rente. Aber auch Kliniken der Region finden immer schwerer Assistenzärzte.

Um Abhilfe in dieser misslichen Lage bemüht sich ein Ärzte-Netz Ostsachsen. 2014 wurde es durch zwölf Mediziner verschiedener Disziplinen geknüpft, seither wächst es kontinuierlich. Mittlerweile bündeln 25 Haus- und Fachärzte aus den Landkreisen Görlitz und Bautzen sowie vom Medizinischen Versorgungszentrum Rothenburg ihre Kräfte für die »Optimierung einer interdisziplinären, kooperativen medizinischen Betreuung und Versorgung von Patienten«, wie es in ihrer Strategie heißt. Gemeinsam will man die gegenseitige Kommunikation und Kooperation verbessern und zugleich den Nachzug niederlassungswilliger Haus- und Fachärzte befördern.

Verstärkt wird ihr Wirken durch kommunales Engagement. Sowohl der Landkreis Görlitz als auch eine Reihe Städte entlang der Neiße bringen sich aktiv ein - so maßgeblich auch Niesky, wo seit Jahresbeginn bereits eine »Bereitschaftspraxis Niesky« Engpässe in der medizinischen Grundversorgung abmildert. Getragen wird sie von der KV Sachsen, der Diakonissenanstalt Dresden sowie den sächsischen Krankenkassen. Auch die beiden Ärzte Volker Höynck und Rainer Stengel, die den Vorstand der Ärzte-Netz Ostsachsen GbR bilden, praktizieren in Niesky - und mit Hans-Joachim Tauch wechselte zudem der langjährige Hauptamtsleiter der Kleinstadt in ihr Lager. Er agiert nun als professioneller Netzmanager, um das Problem - wie auch die daraus resultierenden Chancen - über das Internet transparent zu machen. So ließ Tauch bei einem Nieskyer Studio einen Imagefilm drehen, um jüngere Mediziner gezielt für die Reize der Region zu begeistern. Zu sehen ist er über YouTube und auf der Homepage des Netzwerkes, die der Rathausprofi zusammen mit einer jungen Görlitzer Kommunikationsberatung zeitgemäß fit machte.

Bei alledem vermeiden die Akteure den Begriff »Mangel«. Lieber spreche man von einem »hohen Ärztebedarf«, so Tauch: »Wir müssen positiv reden, dann kommen die Ärzte.« Und in der Tat meldeten sich im letzten Vierteljahr acht Bewerber bei ihm. Unter ihnen befinden sich zwar nur zwei Deutsche, doch habe man nun plötzlich »mehr Anfragen, als Assistenzstellen zur Verfügung stehen.«

Doch hier offenbart sich bereits die nächste Krux: Ehe ein Jungmediziner eine verwaiste Arztstube übernehmen darf, muss er in Deutschland trotz Studium und Praxisjahren noch zusätzliche Weiterbildungen durchlaufen, etwa in einem Krankenhaus - und die erstrecken sich teils über fünf Jahre. Aber gerade dabei unterstützt das Ärzte-Netz den potenziellen Assistenzarzt, so als Kooperationspartner der Krankenhäuser und als Beratungsstelle für junge Interessenten. Und das mit erstem Erfolg: In Görlitz arbeitet seit Kurzem eine brasilianische Ärztin, in Vierkirchen lässt sich wohl bald eine Ukrainerin als Kinderärztin nieder.

Solche Ärztenetzwerke sind jedoch keine ostsächsische Erfindung. Bundesweit arbeiten bereits Hunderte solcher medizinischen Kooperationen, darunter allein 69 in Bayern und 38 in Nordrhein-Westfalen. Im Osten der Republik etablierten sich mit elf Ärztenetzen die meisten in Mecklenburg-Vorpommern. In Thüringen gibt es dagegen nur zwei, in Sachsen-Anhalt nur eins.

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