»Wir kommen, um euch Weinsteins zu holen!«

Medien, Staatsanwaltschaft und Polizei waren seit langem über Vorwürfe gegen Hollywood-Mogul informiert. Nun vernetzen sich Frauen im Kampf gegen Macho-Strukturen

»Kill Bill«: Das Frauenbild in Weinsteins Filmen scheint etwas moderner als sein eigenes.
»Kill Bill«: Das Frauenbild in Weinsteins Filmen scheint etwas moderner als sein eigenes.

Stell dir vor, da vergewaltigt ein Mann über 30 Jahre lang eine Frau nach der nächsten, alle wissen es, und keiner sagt was. Kaum zu glauben? Das ist Alltag, überall auf der Welt, wo jede siebte Frau im Laufe ihres Lebens einmal vergewaltigt wird, jede Dritte sexuelle Gewalt erlebt.

Und so geschieht es auch in Hollywood. Seit 13 Jahren waren verschiedene Medien, seit zwei Jahren auch Staatsanwaltschaft und Polizei über die Vorwürfe gegen den Hollywood-Mogul Harvey Weinstein informiert. Die Hollywood-Kolumnistin der »New York Times«, Sharon Waxman, hat bereits 2004 an einer Enthüllungsgeschichte über Vorwürfe der sexuellen Gewalt gearbeitet. Doch erst am 5. Oktober (2017!) veröffentlichte die »New York Times« einen Artikel über den Fall. Darin berichten insgesamt 13 Frauen, zwischen den 1990er Jahren und 2015 von Weinstein belästigt oder Opfer eines sexuellen Übergriffs geworden zu sein. Im »New Yorker« behauptet Weinstein zunächst noch immer, der Sex mit den Frauen, die Vorwürfe erheben, sei einvernehmlich gewesen. Und überhaupt: Zu Zeiten seiner Erziehung in den 1960er- und 1970er Jahren sei ein ganz anderer Umgang normal gewesen.

30 Jahre lang schaffte es Weinstein durch seine Stellung in Hollywood, seine mutmaßlichen Vergewaltigungen zu decken. In mindestens acht Fällen erkaufte er sich das Schweigen seiner Opfer. Durch Drohungen machte er mehrere Medien zu Komplizen: Als Waxman 2004 an der Enthüllungsgeschichte arbeitete, sei Weinstein in die Redaktion der »New York Times« gekommen, um sich zu beschweren. Die Filmstars Matt Damon und Russell Crowe, natürlich gute Freunde des Filmproduzenten, hätten bei Waxman persönlich interveniert, berichtet die Journalistin – übrigens derselbe Matt Damon, der nun heuchelte: »Solche Sachen dürfen nicht passieren. Heute Morgen war mir absolut schlecht.« Als es Damon noch um seine Karriere bei dem Produzenten von »Good Will Hunting« ging, hielt sich sein Magen wohl zurück. Die Interventionen Weinsteins und seiner Handlanger bedeuteten das Ende des ersten Enthüllungsversuchs.

Nun machte sich der Journalist Ronan Farrow an die Geschichte. Basis für die Story ist diesmal eine Tonaufnahme. Weinstein ist bei dem Versuch zu hören, das Model Ambra Battilana Gutierrez in sein Hotelzimmer zu locken, nachdem er sie tags zuvor begrapscht hatte. »Warum hast du gestern meine Brust angefasst?«, fragt Gutierrez. »Oh bitte, es tut mir leid, komm einfach rein. Ich bin das so gewohnt«, sagt Weinstein. »Du bist das so gewohnt?«, fragt das damals 22-jährige Model. »Ja, komm rein«, sagt Weinstein.

Farrow hat zudem Kontakt zu einem Dutzend weiterer Frauen, die bereit sind auszusagen, dass der Produzent sie vergewaltigte oder sexuell belästigte. Dennoch wurde seine Geschichte vom Sender NBC im August abgelehnt. Er ging damit schließlich zum »New Yorker«, der die Recherchen kurz nach der »New York Times« veröffentlichte. Warum NBC die Story ablehnte? Es könnte damit zu tun haben, dass Weinstein mehrere lukrative Produktionsverträge mit NBC Universal am Laufen hat.

Nicht einmal die Staatsanwaltschaft traute sich, Klage gegen den Hollywood-Mogul zu erheben, als ihr die Tonaufnahme 2015 zugespielt wurde. Doch der New Yorker Bezirksstaatsanwalt Cyrus Vance wäscht seine Hände in Unschuld. »Wenn wir Harvey Weinstein für dessen Verhalten im Jahr 2015 hätten anklagen können, hätten wir das getan«, teilte die Staatsanwaltschaft laut BBC in einer Stellungnahme mit. Vance beschuldigte die New Yorker Polizei, nicht ausreichend Beweismittel geliefert zu haben. Hollywood-Stars, Medien, Staatsanwaltschaft, Polizei: Sie alle deckten jahrelang einen mutmaßlichen Serienvergewaltiger.

Natürlich wimmelt es in Hollywood von Vergewaltigern und Belästigern – wie es auf der ganzen Welt von ihnen wimmelt. Wenn jede dritte Frau sexuelle Gewalt erfährt, muss es dazu eben entsprechend viele Täter geben. Auch wenn es in Hollywood mitunter 30 Jahre dauert, bis sich jemand traut, öffentlich einen Frauenbelästiger anzuprangern, hat das Showbusiness doch etwas Gutes: Wenn es herauskommt, weiß die ganze Welt Bescheid. Das ist in Familien, wo Vergewaltigungen in großer Mehrzahl stattfinden, nicht der Fall.

Gleichzeitig ist die Filmindustrie in Hollywood eine besonders gute Brutstätte für Vergewaltiger. Die Abhängigkeit der Schauspielerinnen und Assistentinnen von Männern wie Weinstein ist enorm. Es gibt fast keine Frauen, die in dieser Domäne etwas zu sagen haben. Laut einer Studie des Sundance-Filmfestivals liegt das Verhältnis zwischen Regisseuren und Regisseurinnen bei den erfolgreichen US-Filmen bei 23 zu eins. Die zehn wichtigsten Filmproduzenten sind allesamt männlich.

Weinstein konnte deshalb so erfolgreich vergewaltigen, weil er tatsächlich die Macht hatte, die Karriere einer Frau – oder eines Mannes, der sie gegen Weinstein unterstützt – mit einem Fingerschnipsen zu beenden. Die Macht von Hollywood-Produzenten und -Regisseuren ist groß – ebenso die Abhängigkeit der Frauen von diesen Männern. Weinstein habe ihr versprochen, sie »groß« zu machen, wenn sie seine Geliebte würde, berichtet die französische Schauspielerin Florence Darel im »Guardian«. Das berichten ebenso Gwyneth Paltrow, Angelina Jolie, Léa Seydoux und Cara Delevingne.

Immerhin sind inzwischen einige solcher Fälle öffentlich geworden. Dass ausgerechnet Farrow, der Sohn des Regisseurs Woody Allen, an der aktuellen Enthüllung teilhat, ist kein Zufall. Farrow warf seinem Vater 2014 öffentlich den sexuellen Missbrauch seiner Adoptivschwester Dylan vor. Seitdem beschuldigt er die US-Medien, nicht genügend über den Fall zu berichten – Farrow spricht von einem »Kartell des Schweigens«. Die Redaktionsleitung der »Los Angeles Times« habe einen Offenen Brief seiner Schwester gestoppt, in dem sie den Missbrauch beschrieb. Und die »New York Times«? Habe Woody Allen doppelt so viel Platz eingerichtet wie den Berichten über die Missbrauchsvorwürfe.

Auch der Regisseur Roman Polanski ist auf freiem Fuß. Erst Ende September erhob eine weitere Frau Vorwürfe: Die deutsche Schauspielerin Renate Langer gab gegenüber der Schweizer Polizei an, sie sei 1972 im Alter von 15 Jahren in Gstaad von Polanski vergewaltigt worden. Bereits 1977 wurde er in Los Angeles wegen Vergewaltigung der damals 13 Jahre alten Samantha Jane Gailey angeklagt und saß auch kurz im Gefängnis, floh aber nach Europa, bevor das Verfahren weitergehen konnte. Mehrere Auslieferungsanträge der USA wurden abgelehnt. Polanski lebt unbehelligt in Polen.

»Weinstein ist nicht der einzige coole Demokrat, der in den Hotels der Filmfestivals lauert, darauf wartend, einen lustigen Masturbationsstreich zu spielen«, stellt die US-amerikanische Komikerin Samantha Bee in ihrer Show fest. Dann sagt sie etwas, das tatsächlich eine neue Entwicklung darstellen könnte. Dass nicht nur die Macho-Grapscher-Welt in Hollywood, sondern auch die patriarchal verseuchte Welt da draußen ändern könnte: Es sei 2017. Frauen sprächen miteinander. Ok, das sei vielleicht nicht neu. Neu sei: Frauen seien jetzt wichtige Journalistinnen. Wenn wir miteinander sprächen, dann erfahre es die ganze Welt. Frauen haben die »New York Times« auf Schnellwahl. Also »hört zu, Widerlinge von Hollywood«, Bee senkt ihr Stimme, »wir wissen, wer ihr seid!« Und: »Wir kommen, um euch zu holen!«

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