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Hurra, wir fahren nach Eierland!

Wilde Klippen und viel Wind bieten die Aran-Inseln vor der Westküste Irlands.

  • Von Geraldine Friedrich
  • Lesedauer: 6 Min.

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Happy Hooker« heißt das blauweiße Boot mit leichter Rostnote, welches rund 50 Touristen nach Inis Mór, der größten der drei Aran-Inseln, bringen wird. »Happy Hooker« lässt sich übersetzen mit »fröhlicher alter Kahn«, wahlweise auch mit »lustige Nutte«. Nun ja. Der achtjährige Sohn, mit dem es auf die Reise geht, spricht kaum Englisch. »Wo fliegen wir hin?«, will der kurz vor Abreise wissen. »Nach Irland«, antwortet der Papa, auf Englisch spreche sich das »Eierländ« aus. Tim: »Was, ›Eierland‹?«

Kaum ein europäisches Land hat so kinderreiche Bewohner wie Irland, die Fertilitätsrate der Irinnen lag 2014 bei 1,94 Kindern pro Frau, nur Französinnen schaffen mehr. Also: Auf nach Eierland! Nach dem Flug nach Dublin und zweieinhalb Stunden Fahrt an die Westküste steht am darauffolgenden Tag ein Tagesausflug auf die Aran-Inseln auf dem Programm. Den muss man sich verdienen, denn zunächst fährt man etwa anderthalb Stunden von Galway nach Doolin auf dem schönen, aber doch recht kurvigen Wild Atlantic Way. Dann geht es nochmal 90 Minuten auf die Fähre. An sich ist gegen längere Bootsfahrten, insbesondere mit Kind, nichts einzuwenden. Doch während der ganzen Seefahrt schaukelt der »fröhliche alte Kahn« wie besoffen von rechts nach links und von links nach rechts, unaufhörlich. Das liegt daran, dass die Wellen den »Happy Hooker« seitlich treffen. Was Babys in den Schlaf wiegt und achtjährige Jungs nicht weiter stört, ist für Erwachsene nicht unbedingt ein Vergnügen.

Etwa alle zwei Minuten begleitet ein Mitarbeiter der Doolin Ferries blasse Insassen am Arm stützend aus dem Inneren der Fähre nach draußen. »Am besten tief atmen und auf den Horizont schauen«, rät der Mann im blauen Shirt. Er heißt Tony und ist der Mann, der immer lächelt, und zwar die ganzen anderthalb Stunden durch. Der 49-Jährige stammt aus Dublin und arbeitet im ersten Jahr auf der Fähre: »Diese Insel ist für mich die schönste«, sagt er und zeigt auf den weiten Sandstrand, den das Boot gerade rechts passiert. Er gehört zur ersten der drei Inseln. »Sie heißt Inis Oirr. Man nennt sie auch die goldene Insel, weil der Sand in der Sonne leuchtet.« Dort fänden sich auch Überreste aus der Bronzezeit, dem frühen Christentum, dem Mittelalter und sogar von Napoleon, erzählt er. Während die »Happy Hooker« an der mit 150 Bewohnern kleinsten der drei Inseln kurz anlegt, entdeckt Tim einen Delfin im Hafenbecken - ganz ohne teure Delfin-Watching-Tour.

Die meisten Besucher zieht es nach Inis Mór, denn die Hauptinsel mit rund 850 Einwohnern beheimatet spektakuläre Sehenswürdigkeiten wie das 3000 Jahre alte Steinfort Dún Aonghasa. Es besteht aus mehreren steinernen Verteidigungsringen und ragt am höchsten Punkt der Insel etwa 90 Meter über Normalnull. Seine halbrunde innere Mauer endet am Abgrund - ein Schritt weiter, und es geht steil hinab in den Atlantik. Ein Geländer gibt es nicht, es würde den mythischen Ort entzaubern. Weniger mythisch ist es, Besucher dabei zu beobachten, wie sie möglichst nah am Abgrund das vermeintlich ideale Selfie schießen.

Die Kargheit der Insel samt der dort in früheren Jahren herrschenden harten Lebensbedingungen erschließt sich erst per Querfeldeinwanderung. Jedes Feld ist von einer per Hand errichteten Trockensteinmauer umgeben. Die Mauern dienen dazu, die Erde aus Sand und Seetang zu halten, sonst würde der Wind sie aufs Nachbargrundstück wehen. Keine Mauer hat jedoch einen Eingang, hinein gelangt nur, wer über die Mauer klettert. So wie Mícheál Ó Domhnaill, der auch noch im fortgeschrittenen Alter seine Kartoffeln hegt und pflegt. Damit das Überqueren der Mauer nicht ganz so schwierig ist, hat er bereits beim Bau längere Steine in die Trockenmauer eingefügt. Sie ragen heraus und bilden damit eine in die Mauer integrierte Treppe. Selbstredend, dass diese Bauwerke auch einem kletterfreudigen Jungen Spaß bereiten.

Ursprünglich existierte auf der Insel kein fruchtbarer Boden, heute reicht die dünne Schicht immerhin für Kartoffeln, Kohl, Karotten, Rote Beete, Spinat und Zucchini. Kein Baum wächst weit oder breit, hier herrschen die nackten Felsen, zwischen denen sich nur überlebensstarke Pflanzen ihren Weg bahnen. Und was macht Frau, wenn sie mal muss? »Ihr setzt euch hinter den Baum. Wir setzen uns hinter die Mauer«, erklärt Fionnuala Ó Flaherty, die aus Galway stammt und ihren Mann Cyril beim Jobben auf den Aran-Inseln kennenlernte. Nun lebt das Paar mit den drei Kindern auch vom Tourismus. »Es ist üblich hier, dass die Leute mehrere Jobs haben«, erklärt die 43-Jährige. So arbeitet die ausgebildete Kunstlehrerin an der lokalen Schule in ihrem Beruf, führt aber auch über die Insel und vermietet mit ihrem Mann ein Ferienhaus an Touristen. Cyril arbeitet zudem als Maler, Landwirt und sogar Teilzeit in der Bodencrew des lokalen Flughafens.

Es geht über Felsen, die Schraffuren und Spalten aufweisen, als wären diese mit dem Lineal gezogen, doch tatsächlich ein Ergebnis des andauernden Windes und der starken Brandung sind. »Bitte nicht so nah an den Klippenrand. Hier rollen immer wieder Monsterwellen an, die euch umreißen und ins Meer spülen können«, ruft Fionnuala Vater und Sohn zu, die fasziniert von der Brandung sich bis auf ein, zwei Meter an den Klippenrand wagen. Beide drehen nach Fionnualas Intervention nur widerwillig ins Landesinnere ab. »Das war für Tim total spannend, so nah an den Klippen«, mosert sein Vater. Am Ende der begehbaren Strecke stehen wir vor einem rechteckigen Pool, der wie ausgesägt vor uns liegt. Er heißt Wurmloch (»The Worm Hole«) und dient einmal im Jahr als Tauchbecken für abenteuerlustige Turmspringer, die sich beim Red Bull Cliff Diving Event in die Tiefe stürzen.

Wieder zu Hause angekommen, schaut sich Tim mit Papa YouTube-Videos an: Eins zeigt die Tauchsportler, wie sie im Juni 2017 per Dreifachsalto ins Wurmloch springen. Das zweite stammt vom April 2015: Es zeigt die Touristin Apu Gupta aus Kalkutta, die auf einem etwa zehn Meter hohen Felsen neben dem Wurmloch steht und filmt. Bis plötzlich eine Riesenwelle auf sie zurollt und direkt vor ihr bricht. Als die junge Frau merkt, dass sie in Gefahr ist und wegrennen will, ist es zu spät: Die Monsterwelle spült sie vom Felsen, sie stürzt in die Tiefe. Mehrere Touristen beobachten den Unfall aus sicherer Entfernung und schaffen es, die 21-Jährige in einer waghalsigen Aktion zu retten. Fazit: Dann doch lieber ein paar Meter tiefer im Inneren »Eierlands« wandern, auch wenn es da vielleicht nicht ganz so zischt und brodelt. Straßennamen wie Wild Atlantic Way haben eben auch ihren Grund.

Touristische Infos zu Irland:

www.ireland.com

www.wildatlanticway.com

Aran-Inseln:

Zu Fuß kostet eine vier- bis fünfstündige geführte Tour etwa 150 Euro

www.aranwalkingtours.com

Literaturtipps:

Petra Dubilski, »Irland«, Dumont Verlag, 24,99 €

Astrid Fieß und Lars Kabel, »Kulturschock Irland/Nordirland«, Verlag Reise Know-how, 14 €

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