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Spielball der Mächte

Das Ausscheiden der USA und Israels aus der UNESCO wirft Licht auf die von vielen Seiten instrumentalisierte Organisation

  • Von Oliver Eberhardt
  • Lesedauer: 5 Min.

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Die Schule hat begonnen. In und um die irakische Großstadt Mossul lernen Kinder und Jugendliche seit Ende September in Zelten und zerschossenen Gebäuden Mathe, Englisch, Physik, das Übliche eben, aber vor allem: »Die junge Generation muss wieder lernen, ohne Gewalt zu leben«, sagt der irakische Bildungsminister Muhammad Iqbal Omar.

In einem Konferenzsaal in Erbil saßen derweil vergangene Woche Pädagogen, Psychologen, Bildungswissenschaftler zusammen, und suchten eine Lösung für »das größte Problem der heutigen Zeit in dieser Region«, so Generalleutnant Stephen Townsend, Befehlshaber der US-Truppen im Irak: »Wie bekämpfen wir die Ideologie von Tod, von Zerstörung, die der Islamische Staat unter dem Deckmantel der Religion in die Köpfe junger Menschen gepflanzt hat?«

Organisiert wurde die Konferenz von der United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization, kurz UNESCO. Sie ist eine der 17 rechtlich eigenständigen Sonderorganisationen der Vereinten Nationen und soll gemäß ihres 1945 unterzeichneten Gründungsvertrags Bildung, Wissenschaft, Kultur, Kommunikation und Information fördern. Und so wie es einst die »geistige und moralische Katastrophe« (Julian Huxley, erster Generalsekretär) war, die zu ihrer Gründung führte, ist es heute die »Wucht der Zerstörung von menschlichem Leben und Menschlichkeit«, die aus Sicht der derzeitigen Generalsekretärin Irina Bokowa die UNESCO zu einem wichtigen Instrument der internationalen Gemeinschaft macht. Während die Öffentlichkeit die Organisation, falls überhaupt, nur wahrnimmt, wenn ein Ort zum Weltkulturerbe erklärt werden soll, arbeiten gut 2100 Mitarbeiter vor allem daran, Experten zusammenzubringen, Konzepte und Richtlinien zu entwickeln und sie letzten Endes auch vor Ort in die Tat umzusetzen. Im Irak ist das willkommen: »Wir stehen, was Bildung angeht, vor einer unfassbar mächtigen Aufgabe, bei deren Bewältigung wir alle Hilfe brauchen«, sagt Bildungsminister Omar. Doch nun haben die USA und Israel ihren Austritt aus der UNESCO bekannt gegeben, gleichzeitig lieferten sich Katar und Ägypten einen harten Kampf um die Nachfolge von Bokowa; die Ereignisse warfen ein Schlaglicht auf eine andere Seite der Organisation: Die UNESCO ist selbst Spielball der internationalen Politik im Match um Macht und Einfluss.

»Tagtäglich ringen Diplomaten um die Deutungshoheit über Bildung, Forschung, Geschichte«, sagt Bokowa; es sei schwer, oft auch unmöglich, dabei neutral zu bleiben. So werfen die USA und Israel der UNESCO vor, »anti-israelisch« zu sein. Denn zunächst akzeptierte man bei der Organisation 2011 die Mitgliedschaft der Palästinensischen Autonomiebehörde, die seit 2012 als »Palästina« bei den Vereinten Nationen als Staat ohne Mitgliedsstatus geführt werden, und damit dort gleichwertig mit dem Vatikan sind. Die USA, die bis damals ein Fünftel des UNESCO-Budgets zahlten, stellten daraufhin ihre Zahlungen ein. Und Israels rechtskonservative Regierung unter Führung von Benjamin Netanjahu beäugte seitdem die Arbeit der Organisation ausgesprochen kritisch: Dass man einen Ort am jordanischen Ufer des Flusses Jordan zum Ort der Taufe von Jesus erklärte, dass Israel in einer Resolution als »Besatzungsmacht« in Jerusalem bezeichnet, in einer anderen Resolution zum Juden und Muslimen gleichermaßen heiligen Tempelberg/Haram al Scharif der jüdische Aspekt mit keinem Wort erwähnt wird und dass Hebron, wo das Juden und Muslimen ebenfalls gleichermaßen heilige Grab der Patriarchen liegt, zum Kulturerbe erklärt wurde, wurde von Israels Regierung heftig kritisiert. Gleichzeitig hatte Netanjahu aber auch immer wieder versucht, die UNESCO als Bühne für die eigene Sicht auf die Geschichte der Region zu nutzen: In einer - später abgesagten - Ausstellung im UNESCO-Hauptsitz in Paris sollte das Westjordanland als aus historischer Sicht integraler Bestandteil des Staates Israel dargestellt werden, während man mehrmals vergeblich versuchte, in Resolutionsanträgen die historische Verbindung der Palästinenser mit der Region kleinzureden.

Sprecher beider Regierungen sagen offen, dass man hoffe, dass die Austritte die Organisation schwächen und ihre Entscheidungen delegitimieren werden. Aussagen, die auch in der US-Regierung mindestens umstritten sind: So warnt das von Rex Tillerson geführte Außenministerium, es gebe auch noch andere Schauplätze, vor allem den Irak, wo verschiedene Akteure gleichermaßen um Deutungshoheit ringen, es aber um sehr viel mehr geht.

Städte wie Mossul und Tikrit haben in den letzten Jahren nicht nur längere Phasen der IS-Herrschaft hinter sich gebracht, sie sind auch Heimat von unter anderem Arabern, Kurden, Turkmenen, Armeniern. Auf diese Städte richten sich auch die Aspirationen verschiedener Regierungen. Kurden, der Iran und die irakische Zentralregierung ringen um die Vorherrschaft in der ölreichen Gegend rund um Tikrit; rund um Mossul mischt zudem die türkische Regierung mit, und stets werden Bildung und Geschichte dafür genutzt, diese Ansprüche zu legitimieren: Je nachdem, welchen Teil der Geschichte man betont und welchen Teil man weglässt oder neu interpretiert, wirken diese Orte plötzlich wie der natürliche Teil dieses oder jenes Landes.

Und das wollen die entsprechenden Akteure nicht nur in Resolutionen festschreiben, sondern auch in die Köpfe zementieren. So kritisiert ein Sprecher der türkischen Regierung, dass die UNESCO vor der Bildungskonferenz in Erbil von der Türkei vorgeschlagene Wissenschaftler nicht berücksichtigt hat; die von der Organisation ausgearbeiteten Bildungsrichtlinien seien »einseitig« und vernachlässigten »die historische Verbindung Mossuls zur Türkei«. Die Regierung der um Unabhängigkeit ringenden Autonomen Region Kurdistan moniert derweil, die UNESCO richte sich ausschließlich nach den Wünschen der Zentralregierung.

Stephen Townsend, der US-Kommandeur im Irak, sieht den Rückzug seiner Regierung deswegen, »aber nicht nur deswegen«, kritisch: »Ich befürchte, dass unsere Regierung nun vollständig auf militärische Erfolge setzt und das, was danach notwendig ist, vernachlässigt. So können wir aber keine Kriege gewinnen.«

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