Der heilige Krieg

Semperoper Dresden: Lydia Steier inszenierte Hector Berlioz’ »Die Trojaner«

Die Trojaner sind so hilfreich wie kriegerisch in dieser Oper. Einmal ausgestoßen aus Troja von den aus einem Hinterhalt operierenden Griechen, flieht das Heer und lässt Volk zurück, Frauen, Kinder, Greise. Natürlich geht es, was die Bühne schwerlich zeigen kann, mit den Schiffen über Wasser durch Wind und Wetter. Und in den Kajüten läuft die Frage schwanger: Was wird werden? Die Route führt nach Afrika. Da Karthago, wo sie anlanden, sich derweil von fremden Heerscharen bedroht sieht, beherbergt es die Trojaner, die helfen würden bei der Abwehr des Feindes. Und sie helfen, wie sie einst selbst geschlagen worden sind, donnernd, mit Gebrüll und Waffengeklirr. Sie fechten, stechen, schießen, nehmen gefangen, exekutieren. Und siegen also, nicht ahnend, dass dem, was vor sich geht, der eigene Niedergang innewohnt.

Aber dabei bleibt es nicht. Krieg ist das grollende Bassfundament in den »Trojanern« von Hector Berlioz. Der Schluss der Aufführung in der Semperoper intoniert mörderisch, dass die Gemetzel niemals enden würden. Als wäre der Krieg, unvermeidbar, gottgegeben, im Blute angelegt, ein Naturereignis mit immer wieder neuen Toten auf der einen und darauf thronenden Helden auf der anderen Seite. Untiere die einen, Menschen die anderen, je nach Blickrichtung.

Das hohe Paar, Énée, Anführer der uniformierten Trojaner (Bryan Register), und Didon, die Herrscherin der Karthager (Christa Meyer), ist hineingerissen in den Tumult der Kämpfe, Akteur und zugleich Opfer am Ende. Aber wo Krieg ist, ist die Feier nicht fern. Endet er siegreich, jauchzt das Volk. Bei Berlioz wird unendlich gefeiert und aus allen Rohren gefeuert. Daraus erwachsen dem Orchester wie dem sonstigen (hohen) Stimmenaufgebot mannigfache Aufgaben. Doch was immer im Einzelnen vorherrscht und sich wechselseitig bricht, die fünfaktige Oper ist eine Tragödie. Der Dolch tötet schließlich nicht die Geliebte oder umgekehrt, wie so häufig in der Gattung, die Tragödie betrifft eine ganze Welt. Regisseurin Lydia Steier legte die Elle vor allem hier an. Und das hat sich ausgezahlt.

Höchst trügerisch die Feier im ersten Akt. In die Jubelgesänge mischt sich die Sage um das Pferd, das herbeizuschaffen sei, um den Freudentaumel zu bekrönen, während allein Cassandra (Jennifer Holloway) vorhersieht, was dem Volke bevorsteht, entsteigen dem Pferde die Geister. Und das geschieht. Deren Stoß trifft Troja, das glaubt, nach Jahren griechischer Belagerung befreit zu sein, ins Herz.

»Die brennende Stadt ist in Blut getaucht.« Das zeigt sinnbildlich die Bühne grell und maßlos (Bühnenbild Stefan Heyne). Énée soll auf Gottes Geheiß mit den überlebenden Trojanern nach Italien flüchten und ein neues Reich gründen. Kein bloßer Vorsatz, sondern Gelöbnis, das ihm, der es nicht antastet, am Ende zum Verhängnis wird.

Nichts ungeheuerlicher in der Oper als der Massensuizid der Frauen im zweiten Akt. Radikal inszeniert, besetzt mit großen Chören, Kinderchor, dramatischem Orchester, heillosen Stimmen, exzessiven Handlungen. Ein Szenario bricht sich Bahn, in dessen Wahnsinn Cassandras tapfer singender Verlobter Chorébe (Christoph Pohl) umkommt. Während die Männer in See stechen, das übrige Volk hinter sich lassend, suchen die Frauen Zuflucht vor der marodierenden Soldateska. Cassandra und ihre Schwester Polyxéne (Roxana Incontrera) sehen keinen Ausweg und rufen mit lädierter Stimme zum gemeinschaftlichen Selbstmord auf. Das Echo, erst einheitlich, ist bald geteilt.

Was geschieht mit den Kindern? Die laufen durcheinander, sammeln sich, kleben ängstlich aneinander und singen um ihr Leben (Kinderchor der Sächsischen Staatsoper Dresden, geleitet von Claudia Sebastian-Bertsch). Cassandra zerschlägt die Geige derart, als zerbrächen die Halswirbel der Weiber schon vorzeitig, während das Orchester noch heftiger als zuvor dem Geschehen sich aussetzt (Sächsische Staatskapelle unter John Fiore). Polyxéne, im Blutrausch, treibt die Weiber in Hochlage und Extremgesten weiter an. Der Irrsinn steigert sich, indem einzelne Frauen mit Gewehren aufeinander schießen. Das Totenfeld vereint Bilder erbittertsten Widerstands und ungeheuerlichsten Grauens.

Volk, chorisch, ist oft genug geteilt. Gruppen scheren aus. Einzelne vokalisieren ihre eigenen Melodien, rufen und schreien individuell. Volk, was immer der Begriff meint, ist ein mächtiger Faktor in der Oper (Sächsischer Staatsopernchor und Sinfoniechor Dresden, Leitung: Jörn Hinnerk Andresen). Es kommentiert nicht chorisch wie die sophokleischen oder Brecht/Eislerschen Chöre, es agiert singend, mit Füßen und Händen, Brust und Stirn, in farbigen Klamotten aus Zeiten der Revolutionen in Frankreich. Jedes einzelne Kostüm ist anders gefärbt und gemustert (Gianluca Falaschi).

Der dritte Akt zeigt Karthago beim Aufbau. Eine Art »Turm zu Babel« entsteht durch fleißige Handwerkerhände. Chöre stimmen rhythmische Lieder an. Didon, die Königin - ihrem ermordeten Mann gegenüber fühlt sie sich verpflichtet, keinen anderen mehr zu lieben -, ist die Bauherrin und reguliert die Dinge von einem Holzpodium in der Mitte aus. Richtfest ist, rote Fähnchen wehen. Ihre Schwester Anna mit Brille und Dutt, Frau mit ebenso einschmeichelnder wie frecher Zunge (Agnieszka Rehlis), will ihr diese Gebundenheit ausreden.

Oper kürzt ab, wo es geht, gleitet rasch über Schwüre hinweg. Die Kunde geht, eine Flotte rücke näher. Schon steht Énée vor ihr. Sie, wie er sofort verliebt, gewährt ihm und seinen Mannen Asyl und zögert nicht, ihn als Mittkämpfer gegen die anrückenden Heere der Numider einzuspannen. Arien, Duette malen die Gefühle der beiden aus. Die Abwehr der Numider erfolgt, wie es übler nicht geht. Auf der Bühne fallen Typen, ausstaffiert wie wilde Afghanen, dem Donner der Geschütze (aus Lautsprechern) zum Opfer. Die übelste ist Didons Schwester, die Bebrillte. Vor den Leichen der Exekutierten treibt sie so lange ihre melodiösen Späße, bis dieselben, auf einen Karren verladen, verschwinden.

Akt vier - die Numider flohen - ist der Akt der Liebe und der Krise. Dido und Énée sind nun ein festes Paar. Bewunderung schlägt ihnen entgegen. Das »Unendliche Entrücktheit«-Duett hebt süßlich an und will nicht enden. Es wird dunkel. Sie besteigen den Turm, der dreht sich und jenes Bett wird sichtbar, das einlädt, den Entzückungen die Krone aufzusetzen. Das ist die kitschigste Szene der Aufführung.

Alsbald herrscht wieder Krieg, kalter Krieg zwischen den Karthagern und den Trojanern, deren Aufenthalt sich ausdehnt. Didon, betäubt von den Liebeswonnen, kümmert sich nicht mehr, während den ungekrönten König, gleichfalls untätig, die göttliche Vorsehung plagt, in Italien ein neues Reich zu gründen. Also für immer weg von der Geliebten zu sein. Der kalte Krieg, der Karthago befällt, drückt sich in Zeitlupe aus. Die Mannen um Énée saufen und huren aus lauter Langeweile, als würde die Zeit stillstehen. Die Frauen der Stadt sind Freiwild, die einen schämen sich und wandeln im Kreise, die anderen lassen sich bezahlen.

Didon, als sie hört, er wolle den Eid ableisten und nach Rom ziehen, reagiert darauf mit größtem Entsetzen, mit Wutausbrüchen, mit Arien, potent, die Welt zu erschüttern und mit ihr jedes Opernherz, Arien, die zu Tränen rühren und zugleich von totaler Weltzerstörung künden. Didon ist wahnsinnig vor Hass, sie klagt ihn an, verflucht ihn, aber sie liebt ihn noch. Ihre Verzweiflungsarie geht fahl und tieftraurig in den Raum. Énées Uniformjacke, die sie mit ihren Händen umklammert, wird ihr entrissen. Denn das Volk klagt mit an und hasst mit ihrer Königin. Er ruft schließlich nach Aufbruch. Bläsersignale ertönen mehrmals. Männerchor: »Auf See - Italia!«

Das Ende ist wahrhaft furchterregend und berührt die Weltkrise unserer Tage. Das Volk der Karthager, aufgewiegelt von der Herrscherin und ihre Flüche über sie hinaustreibend, beschwört den heiligen Krieg, der alles vernichtet.

Nächste Vorstellung am 21. Oktober

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