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»Die Buchmesse muss sich bei den Demonstranten entschuldigen«

Der Frankfurter Politiker der »Partei«, Nico Wehnemann, über seine Verletzungen bei Protesten gegen die Neue Rechte auf der Buchmesse

  • Von Nicolai Hagedorn
  • Lesedauer: 4 Min.

Mehrere handgreifliche Auseinandersetzungen um die Neue Rechte auf der Frankfurter Buchmesse sorgten am Wochenende für Empörung. Am Freitag wurde der Verleger des linken Trikont-Musikverlags, Achim Bergmann, von einem Zuhörer der rechtsradikalen Wochenzeitung »Junge Freiheit« geschlagen. Trikont-Chef Achim Bergmann hatte demnach zuvor im Vorbeigehen die Lesung mit einem Kommentar begleitet. Gegenüber »nd« berichtete zudem ein Mitglied der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG), die ebenfalls mit einem Stand vertreten war, von mehreren Provokationen durch Personen, die eindeutig dem rechten Spektrum zuzuordnen seien. Diese hätten regelrecht »patrouilliert« und seien mehrmals an den Stand der DIG gekommen, um zu provozieren und die Aussteller einzuschüchtern.

Auch Aussteller an anderen Ständen beschwerten sich über Pöbeleien. Am Stand der Amadeu-Antonio-Stiftung, der direkt gegenüber des von dem rechten Publizisten Götz Kubitschek im Jahr 2000 gegründeten Antaios-Verlages angesiedelt war, berichtete eine Ausstellerin von aggressiven Antaios-Autoren, die mit ihr hätten diskutieren wollen, aber vor allem aggressiv gewesen seien. Am Stand der Rosa-Luxemburg-Stiftung wurden ähnliche Vorwürfe erhoben.

Am Samstag wurde schließlich der Frankfurter Stadtverordnete der Partei »Die Partei«, Nico Wehnemann, körperlich angegriffen. Das »nd« konnte ihn zu dem Vorfall befragen. Von was für einem Sicherheitsmann Wehnemann überwältigt wurde, bleibt zu diesem Zeitpunkt ungeklärt; die Polizei Frankfurt spricht von einem Sicherheitsbediensteten des Frankfurter Messegeländes.

Herr Wehnemann, was genau ist Ihnen am Samstag auf der Buchmesse passiert?
Wir waren mit mehreren Leuten bei einer Veranstaltung der Neuen Rechten, die in einer etwas ruhigeren Halle stattfand – nicht direkt am Stand des Antaios-Verlages. Dort haben wir Flyer verteilt und Schilder mit Aufschriften wie »Rassismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen« hochgehalten. Uns wurden dann von Besuchern der Veranstaltung die Schilder aus den Händen gerissen. Als die Stimmung immer aggressiver wurde und wir bereits die Messe verlassen wollten, wurde ich von hinten umgerissen und mir wurde von einem Mann, der sich wohl als Security des Antaios-Verlages ausgab, ein Knie in den Rücken und den Nacken gedrückt, so dass ich nicht aufstehen konnte.

Haben Sie Verletzungen davongetragen?
Ich habe einige Prellungen am Rücken und im Nacken.

Wie ging es weiter?
Die anwesende Polizei, die keine Anstalten machte, mich zu schützen, nahm meine Personalien auf und mir wurde, angeblich nach Rücksprache mit der Messeleitung, ein Platzverweis für das Messegelände erteilt. Von dem Angreifer wurden, soweit ich das beobachten konnte, keine Personalien aufgenommen. Ich konnte auch keine Anzeige erstatten, ein Polizeibeamter erklärte mir, man sei gerade überlastet und ich könne das am nächsten Tag noch machen.

Werden Sie gegen den Angreifer vorgehen?
Ja, ich habe mittlerweile Anzeige gegen ihn erstatten können und habe auch die Polizeibeamten, die mir nicht geholfen haben, wegen unterlassener Hilfeleistung angezeigt. Ich möchte, dass der Sache nachgegangen wird.

Wie haben Sie die Stimmung auf der Messe insgesamt empfunden?
Die meisten Besucher haben von alldem natürlich wenig mitbekommen, die Stimmung war also eigentlich gut und entspannt. Allerdings kam es zu mehreren Provokationen durch Besucher, die zum Teil als Anhänger der so genannten »Neuen Rechten« zu erkennen waren oder sich zu erkennen gegeben haben. An mehreren, vor allem linken Ständen, beschwerten sich Aussteller über Pöbeleien und Störungen.

Wie bewerten Sie die Entscheidung des Veranstalters der Messe, neurechte Verlage zuzulassen?
Die Messeleitung war der Meinung, man solle sich mit Rechten inhaltlich auseinandersetzen, das ist aber nicht möglich und ich bin auch der Ansicht, dass Auseinandersetzungen mit Rassisten und Faschisten anders geführt werden müssen.

Ich fordere den Börsenverein (Veranstalter der Messe ist der Börsenverein des dt. Buchhandels) im Übrigen auf, sich bei mir zu entschuldigen und seine Entscheidung, rechte Verlage zuzulassen, für künftige Messen zu überdenken. Es war ja unübersehbar, dass man mit Rechten nicht diskutieren kann. Am Freitag wurde bereits der Verleger Achim Bergemann am Stand der Jungen Freiheit ins Gesicht geschlagen, weil er seinen Unmut bekundet hatte.

Warum sollte sich der Veranstalter entschuldigen?
Ich würde sogar sagen, die Messe muss sich bei allen entschuldigen, die friedlich demonstrieren wollten. Die Messe hat selbst zum Protest aufgerufen, hat aber für die Sicherheit der Demonstranten nicht gesorgt. Wer in diesen Tagen rechte Verlage zulässt, zieht auch das dazu gehörende Publikum an – und das ist aggressiv und körperlich übergriffig. Diese Leute pöbeln an anderen Ständen und vergiften die Stimmung. Eine Buchmesse ist schlicht der falsche Ort, um sich mit Rechtsradikalen auseinanderzusetzen.

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