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Angst vor einem neuen Bürgerkrieg

Bagdads Truppen rücken gegen die Kurden im Landesnorden vor

  • Von Oliver Eberhardt, Erbil
  • Lesedauer: 3 Min.

Als die ersten Berichte vom Einmarsch irakischer Truppen die Runde machten, setzten sich in Tikrit Tausende ins Auto, in den Bus, und machten sich auf den Weg: »Zu viel Gewalt, zu viel Zerstörung«, sagte ein Mann mittleren Alters, der am Montagmittag mit seiner Familie Erbil erreichte, die Hauptstadt der Autonomen Republik Kurdistan. Man hatte erlebt, wie irakische Truppen 2014 einfach abrückten, als der Islamischer Staat (IS) die Macht in Tikrit übernahm. Jetzt wolle er auf Nummer sicher gehen, bei Verwandten unterkommen, bis man sagen könne, wie sich die Lage entwickelt.

Am Montagmorgen sind irakische Truppen und die offiziell unter staatlichem Kommando stehenden, aber tatsächlich weitgehend eigenständigen Volksmobilisierungskräfte (VMK), ein Verbund aus schiitischen Milizen, in die Provinz Kirkuk einmarschiert. Sie liegt außerhalb des Gebiets der Autonomen Region Kurdistan (ARK), ist ölreich, Heimat von Arabern, Kurden, Armeniern, Turkmenen und einigen kleineren Minderheiten. Und sie ist zwischen der Zentralregierung in Bagdad und der ARK-Regierung umstritten. Seit der Vertreibung des IS durch kurdische Peschmerga waren Stadt und Umgebung von Erbil aus verwaltet worden.

Was nun genau in der Provinz geschieht, lässt sich nur sehr schwer sagen; die Versionen widersprechen sich. Die irakische Zentralregierung erklärt, die Peschmerga seien kampflos von einer Militärbasis, dem weitgehend ungenutzten Flughafen und strategisch wichtigen Einfallstraßen abgezogen. »Befreundete Kommandeure der Peschmerga« hätten außerdem die Öl- und Gasfelder unter die Kontrolle des irakischen Militärs gestellt. Die Förderanlagen gehören offiziell einem Staatsunternehmen; die Gewinne flossen allerdings in den vergangenen Jahren vollständig nach Erbil. Die Peschmerga indes teilen mit, die eigenen Kämpfer leisteten »entschiedene Gegenwehr« gegen die »illegale Aggression«. Sprecher der örtlichen Krankenhäuser berichten von mehreren Hundert Verletzten; der Rote Halbmond sprach am Montagnachmittag von 42 Todesopfern.

Offizieller Auslöser der Eskalation war das Unabhängigkeitsreferendum der irakischen Kurden vor gut einem Monat. Auch in Kirkuk war abgestimmt worden, und auch hier sprach sich eine Mehrheit für die Unabhängigkeit aus. Wobei viele Nicht-Kurden nicht an der Abstimmung teilnahmen. In Bagdad wird deshalb kritisiert, die ARK wolle die Provinz »kurdisieren«. Man befürchtet, dass Minderheiten aus der Stadt gedrängt werden sollen. ARK-Regierungschef Necirvan Barzani bestreitet das, fordert Gespräche mit Bagdad über die Zukunft der ARK im Allgemeinen und Tikrit im Besonderen.

Doch die Regierung des irakischen Premierministers Haidar al-Abadi lehnt das ab. Das Parlament in Bagdad verlangt, mit den Stimmen von mehreren kurdischen Abgeordneten, in einer Resolution eine militärische Intervention. Eine Forderung, die auch in der irakischen Öffentlichkeit oft zu hören ist. Während man mit der Existenz der ARK an und für sich leben kann, sieht man Kirkuk als Teil des nicht-kurdischen Irak und die Kurden als Besatzer. Noch in der Vorwoche hatte das Parlament in einer weiteren Resolution eine gemeinsame Verwaltung von Kirkuk angeboten. Die Barzani-Regierung sprach von »großem Interesse«. Doch dann machte am Sonntag plötzlich das Gerücht die Runde, rund um Kirkuk seien »Hunderte« Kämpfer der türkisch-kurdischen PKK eingetroffen; Premier al-Abadi gab daraufhin den Marschbefehl.

In Irakisch-Kurdistan blickt man indes mit großer Sorge auf die Beteiligung der VMK an der Offensive. In einst vom IS kontrollierten Städten verübten VMK-Kämpfer Massaker an Sunniten; in Mossul sprechen VMK-Kommandeure offen davon, dass die Stadt schiitisch werden müsse. Die Kurden befürchten nun, dass die VMK auch eine schiitische Bevölkerungsmehrheit in Tikrit anstreben.

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