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Start-ups für die Hungernden

Das Welternährungsprogramm setzt mit Methoden aus dem Silicon Valley erfolgreich Projekte um

  • Von Marc Engelhardt
  • Lesedauer: 4 Min.

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Manchmal kommt Innovation ganz unscheinbar daher: blau, aus Plastik, eine Art Regentonne mit luftdichtem Deckel. »Jedes Jahr hatte ich aufs neue Angst, dass wir hungern müssen«, erklärt die Uganderin Hasifah Bogere in einem Video. »Aber in diesem Silo können wir die Ernte sicher lagern, und das Essen reicht fürs ganze Jahr.«

Früher verdarb manchmal die Hälfte der Lebensmittel nach der Ernte. Dass der siebenfachen Mutter und 80.000 weiteren Ugandern nun fast nichts mehr verloren geht, verdanken sie auch einem Büro in einem Münchner Hinterhof. Dort sitzt die Denkfabrik des Welternährungsprogramms (WFP).

»Dieses Projekt ist ein gutes Beispiel für unsere Arbeitsweise«, freut sich Bernhard Kowatsch über die blaue Tonne. Er ist Chef des »Innovation Accelerator« (Innovationsbeschleunigers) in München, der neue Ideen im Kampf gegen den Hunger schneller zum Einsatz bringen soll. Hunger ist ein drängendes globales Problem.

Die zündende Idee ist entscheidend. »Über Jahrzehnte haben wir versucht, solche Silos zu verschenken«, erklärt Kowatsch. Doch der Erfolg war mäßig, bis WFP-Mitarbeiter die Idee hatten, aus dem Geschenk ein Produkt zu machen. »Wir stellen diese Silos jetzt lokal her und lassen sie verkaufen, von privaten Unternehmern.« Das Konzept funktionierte, die Verkäufe gingen durch die Decke.

Zeitgleich richtete das WFP seine Schulungen auf das Silo aus, das Kleinbauern auch die Freiheit gibt, ihre Ernte dann zu verkaufen, wenn die Preise hoch sind. »Das Haushaltseinkommen verdoppelt oder verdreifacht sich, der Kauf des Silos rentiert sich nach einer Ernte«, sagt Kowatsch.

Einfach, aber genial und mit großer Durchschlagskraft: Das sind die Ideen, die in München beschleunigt werden sollen. Im Dachgeschoss arbeiten an langen Tischen erfahrene Entwicklungshelfer und Start-up-Gründer zusammen. Mit Sofa-Ecken, einer beschreibbaren Wand und viel Sonnenlicht erinnert das Büro selbst mehr an ein Start-up als an eine Außenstelle der Vereinten Nationen. Das Gleiche gilt für die Arbeitsweise. Kowatsch: »Jeder kann uns über die Website Ideen vorschlagen, wenn wir ein Potenzial sehen, laden wir die Leute von überall her hierhin ein.«

Eine Woche Intensivworkshop reicht, um eine Idee abzuklopfen. Wenn danach noch alle an das Projekt glauben, stellt der Accelerator bis zu 100.000 Euro für die Startphase bereit. WFP-Mitarbeiter werden bis zu sechs Monate freigestellt. Wichtig: Das Modell muss skalierbar sein, also ein Wachstumspotenzial haben, um mindestens 100.000 Menschen nachhaltig vom Hunger befreien zu können.

Viele Ideen werden aus Einblicken geboren, die nur wenige Menschen haben: Der WFP-Buchhalter etwa, der sich über die hohen Bankgebühren bei elektronischen Lebensmittelkarten ärgerte. Inzwischen kaufen 10.000 syrische Flüchtlinge in Jordanien ihre Lebensmittel mit Karten, die über die gebührenfreie Blockchain-Technologie abgerechnet werden. Bald sollen es 100.000 sein, finanziert aus den eingesparten Gebühren.

Oder der Flüchtling in einem Camp im Süden Algeriens, der in der Sahara nach Tierfutter für die Herden der geflohenen Sahauri-Bevölkerung suchte. »Jetzt bauen wir mit Hydrokulturen, die ohne Erde auskommen, Gerstengras an, in einer vertikalen Struktur auf sieben Ebenen«, strahlt Nina Schröder, die in ihrem früheren Start-up Tea-to-go in der Berliner Szene entwickelt hat. Das Tierfutter wurde zum Erfolg: Außer den Hydrokulturfarmen, die die Flüchtlinge in der Wüste bauten, hilft jetzt auch das Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston bei der Optimierung der Anbaumethoden.

Gut 30 Produkte wurden in der Denkfabrik in München in zwei Jahren aus der Taufe gehoben, ermöglicht mit Zuschüssen vom Bund und Bayern. Wenn ein Konzept Erfolg hat, wird zusätzlich Risikokapital von externen Gebern eingeworben. Das WFP sei schon innovativ, bekräftigt Kowatsch. »Aber den Mitarbeitern fehlt oft die Zeit, ihre Ideen zu verwirklichen - da kommen wir ins Spiel.« Das WFP leistet jedes Jahr Ernährungshilfe für mehr als 80 Millionen Menschen, mehr als jede andere Organisation.

Das Geld muss in Form von freiwilligen Beiträgen von Regierungen, Unternehmen und Privatpersonen eingeworben werden. Ganz innovativ können schon heute Smartphone-Besitzer mit einem Klick eine Schulmahlzeit für 40 Cent spenden. »ShareTheMeal« heißt die App aus dem Accelerator, die schon mehr als 16 Millionen Mal benutzt wurde.

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