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Akutes Insektensterben in Deutschland

Bestand geflügelter Insekten um drei Viertel geschrumpft / Umweltschützer kritisieren Landwirtschaft

  • Lesedauer: 3 Min.

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Hamburg. In einer Studie hat ein Forscherteam einen dramatischen Rückgang der Zahl geflügelter Insekten in Deutschland dokumentiert. In fast 30 Jahren schrumpfte der Bestand um mehr als drei Viertel, wie es in der am Mittwoch in der Online-Fachzeitschrift »Plos One« erschienenen Untersuchung heißt.

Umweltschutzverbände reagierten entsetzt und machten die industrielle Landwirtschaft für das Aussterben der Tiere verantwortlich. »Wir haben es mit einer höchst dramatischen und bedrohlichen Entwicklung zu tun«, erklärte der Präsident des Naturschutzbundes (Nabu), Olaf Tschimpke.

Das internationale Expertenteam hatte zwischen 1989 und 2016 das Insektenaufkommen in 63 Naturschutzgebieten in Deutschland gemessen, indem sie Klebefallen aufstellten und immer wieder die sogenannte Biomasse der darin befindlichen Tiere maßen. Über den Zeitraum von 27 Jahren ergab sich dabei im Schnitt ein Rückgang um 76 Prozent.

Zwar ist schon seit längerem bekannt, dass Schmetterlinge und Bienen in Europa und Nordamerika allmählich verschwinden. Aber die Studie ist die erste, die belegt, dass sämtliche geflügelte Insekten massiv vom Aussterben betroffen sind. Insgesamt sei der Schwund der Insekten »viel schwerwiegender als gedacht«, erklärte der an der Studie beteiligte Caspar Hallmann. Dass der Vorgang in einem solchen Ausmaß und in einem so großen Gebiet stattfinde, mache die Ergebnisse »noch beunruhigender«, ergänzte der Insektenkundler der niederländischen Radboud-Universität.

Insekten spielen als Bestäuber von Pflanzen und als Nahrung etwa für Vögel eine zentrale Rolle im Ökosystem. Die Befunde lassen laut der Studie daher auch den Rückgang der Zahl von Vögeln und Säugetieren in einem völlig anderen Licht erscheinen. Der Nabu veröffentlichte am Donnerstag eine eigene Auswertung, wonach die Zahl der Vogelbrutpaare in Deutschland in den zwölf Jahren zwischen 1998 und 2009 um rund 12,7 Millionen schrumpfte. Das entsprach demnach einem Rückgang von 15 Prozent.

Über die Ursachen für das dramatische Insektensterben äußerten sich die Autoren der Studie selbst nicht. Sie wiesen darauf hin, dass viele Naturschutzgebiete von Agrarflächen umgeben seien und Pestizide dabei eine Rolle spielen könnten.

»Hauptgrund für das dramatische Insektensterben in Deutschland ist die ständige Intensivierung der Landwirtschaft«, erklärte WWF-Experte Jörg-Andreas Krüger. Die neue Bundesregierung müsse »endlich eine tiefgreifende und echte Neuausrichtung der Landwirtschaft in Deutschland auf den Weg bringen«, ergänzte er. Der WWF forderte unter anderem die Senkung des Pestizideinsatzes und ein Verbot hochwirksamer Neonikonitoide. Die umstrittenen Insektenvernichtungsmittel stehen im Verdacht, für Bienensterben mitverantwortlich zu sein. Grünen-Bundestagsfraktionschef Anton Hofreiter erklärte am Donnerstag, Artenschutz müsse »maßgeblicher Teil der künftigen Landwirtschaftspolitik des Bundes werden«.

Der Nabu betonte, die Ergebnisse der Insekten-Studie deckten sich mit eigenen Beobachtungen und Langzeituntersuchungen aus anderen Länder. Es handle sich nicht nur um ein Problem in Deutschland. Da im Umfeld der untersuchten Naturschutzgebiete zu mehr als 90 Prozent konventionelle Agrarnutzung erfolge, liege ein negativer Einfluss der Landwirtschaft nahe, erklärte Nabu-Chef Tschimpke.

In der Regel sei die intensive landwirtschaftliche Nutzung im Rahmen der so genannten guten fachlichen Praxis am Rande von Naturschutzgebieten ohne Einschränkung erlaubt. Viele mit Pestiziden behandelte Flächen befänden sich inmitten von Naturschutzgebieten. »Bis heute muss den Naturschutzbehörden nicht mitgeteilt werden, welche Pestizide in welcher Mischung und Menge auf Ackerflächen innerhalb vieler Schutzgebiete ausgebracht werden«, kritisiert Josef Tumbrinck, Landesvorsitzender des Nabu Nordrhein-Westfalen. Er fordere deshalb die EU- und länderübergreifenden Zulassungsverfahren für derartig toxische Chemikalien dringend zu überarbeiten und dabei zwingend die Wirkungen für typische Ökosysteme realitätsnah in die Prüfverfahren zu integrieren. Agenturen/nd

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