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»Wir konzentrieren uns zu sehr auf Fußball«

Peter Zeidler, Trainer des FC Sochaux, über Zeitmangel, globalisierten Sport sowie Niveauvergleiche zwischen Deutschland und Frankreich

  • Von Julien Duez
  • Lesedauer: 7 Min.

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Hat Ihnen wirklich Gernot Rohrs Bruder die Sprache beigebracht?

Nicht genau. Er konnte zwar Französisch, denn Romanistik war eins seiner Studienfächer. Das andere war Sport, und das hat er mich am Gymnasium von Heubach in Baden-Württemberg gelehrt. Wir haben damals aber viel über Gernot geredet, denn er war Profi bei Girondins Bordeaux. Den Spuren des Bruders bin ich später an die Uni Stuttgart gefolgt. Ich glaube, wir sind die zwei einzigen Deutschen, die gleichzeitig Sportwissenschaft und Romanistik studiert haben (lacht).

Woher kommt Ihre Faszination für das Französische?

Meine Leidenschaft wurde von der französischen WM-Mannschaft 1982 inspiriert. Michel Platini, Alain Giresse, Jean Tigana, Marius Trésor, Dominique Rocheteau ... Das waren meine Helden. Danach wollte ich das Land näher kennenlernen. Also habe ich Französischunterricht genommen. Ich las die »L’Equipe« und hörte einen französischen Radiosender auf Langwelle. So konnte ich auch die Spiele der ersten Liga verfolgen. Vor meinem Staatsexamen habe ich noch ein Jahr in Straßburg studiert. Ich kann mich aber immer noch verbessern.

Seien Sie nicht so bescheiden. Sie können sicher problemlos mit Ihren Spielern in Sochaux sprechen.

Ja klar, doch der leichte deutsche Akzent bleibt. Es ist vielleicht eher charmant als ein Problem. Trotzdem geht es um Nuancen, spezielle Worte, die ich meine französischen Kollegen sagen lasse. Die Spieler müssen immer neu motiviert werden. Dafür ist die Sprache enorm wichtig.

1984 begann mit 22 Jahren ihre Trainerkarriere in der Jugendabteilung des VfB Stuttgart. Warum wurden Sie nie Profi?

Ich war ziemlich talentiert und in meinem Heimatdorf Böbingen sowie in Tübingen - damals fünfte Liga - als Spielertrainer aktiv. Irgendwann wurde mir aber klar, dass ich es nie zum Profi schaffe. Also trainierte ich in meiner Studentenzeit viele Jungendteams beim VfB. Ich habe bald gemerkt, dass ich es mochte und dass ich gar nicht so schlecht darin war.

Kann man ein guter Trainer sein, ohne als Profi gespielt zu haben?

Diese Erfahrung kann anfangs helfen, weil man viele Situationen schon erlebt hat. Sie bedingt aber keinen Erfolg. Als ich 2006 die Pro-Lizenz vom europäischen Verband UEFA bekam, hießen meine Jahrgangskollegen Thomas Tuchel, Bruno Labbadia und Marc Wilmots. Der erste war kaum als Profi aktiv, die anderen dagegen sehr lange. Beide Wege können also zu erfolgreichen Karrieren führen. Julian Nagelsmann zeigt das heute auch.

Mit dieser Lizenz standen Sie plötzlich vor einem Dilemma.

In der Tat, ich war ja gleichzeitig Sportlehrer. Seit 1990 lehrte ich an Gymnasien, irgendwann sogar an meiner ehemaligen Schule in Heubach, wo zuvor Gernot Rohrs Bruder mein Lehrer gewesen war. Mit dem Diplom musste ich dann eine Entscheidung treffen: Profitrainer werden oder nicht. 2008 wollte Ralf Rangnick dann, dass ich in Hoffenheim an seiner Seite stand, also beendete ich meine Lehrerkarriere. Keine einfache Entscheidung, denn Beamte verdienen ihr Leben lang gut in Deutschland. Ich bedauere aber nichts, auch wenn ich seitdem drei Mal gefeuert wurde und schwierige Zeiten erlebt habe.

2011 verließen Sie und Rangnick Hoffenheim wegen Differenzen mit Klubboss Dietmar Hopp. Warum gingen Sie nicht mit Ihrem Freund zu Schalke 04?

Ich wollte mal eine Station allein erfahren, möglichst in Frankreich. Ich bekam die Möglichkeit beim Zweitligisten Tours FC. Das war für meine Familie und mich eine riesige Saison: Zum ersten Mal lebten wir im Ausland. Für uns war das intellektuell und kulturell sehr bereichernd. Meine Kinder sind auf französische Schulen gegangen. Ohne Zweifel: die interessanteste Erfahrung meines Lebens.

Wie war Frankreichs zweite Liga für Sie? Sie hatten ja vorher die selbst ernannte »beste zweite Liga der Welt« in Deutschland erlebt?

Da muss ich die Deutschen gleich mal beruhigen. Das Niveau ist in Frankreich genauso gut. Nur die Zuschauerzahlen nicht. Nach Châteauroux, Ajaccio und Tours kommen zusammen so viele Fans wie nach St. Pauli, Braunschweig, Düsseldorf oder Kaiserslautern allein. Ein Schnitt von 10 000 Fans - wie in Sochaux - ist in Frankreich extrem selten.

Bei diesem Klub sind Sie seit dem Sommer im Amt. Wie sind die ersten Eindrücke?

Sochaux ist eine Institution des französischen Fußballs. Der Verein ist tief in der Umgebung verwurzelt. Jahrzehntelang war er der Klub der Peugeot-Arbeiter, der Autokonzern spielte eine Mäzenenrolle. Seit dem Abstieg in die zweite Liga 2014 gehört der Klub einem chinesischen Investor (der FC Sochaux-Montbéliard war damals der erste Fußballverein Europas, der komplett von Chinesen übernommen wurde, d.R.). Die Leidenschaft ist aber weiterhin groß. Eben ein typischer Traditionsverein.

Lastet an solchen Orten manchmal zu viel Druck auf den Trainern?

Genau wie in Kaiserslautern, Nürnberg oder Bochum wird manchmal zu oft an die Vereinshistorie erinnert. Es gibt Ziele, deren Erfüllung zu schnell erwartet wird. Auch unser Wiederaufstieg. Das wird schwer (Sochaux ist nach elf Spieltagen 15.). Es wird wohl am Ende der Saison nicht reichen. Ich rede alle drei Wochen mit den Ultras und sage ihnen, dass wir sicher nicht absteigen werden, aber auch nicht stark genug für den Aufstieg sind. Es braucht ein starkes Projekt und dafür muss man sich Zeit nehmen. Mindestens zwei oder drei Jahre.

Haben Sie auch mal Zeit, Frankreich zu genießen?

Nein, und das ist ein Problem. Unser Beruf bringt viel Stress mit sich, Trainer sind zu 100 Prozent auf Fußball konzentriert. Das ist zu viel. Wir sollten häufiger ins Theater oder ins Kino, durch die Natur spazieren. Aber es gibt immer ein Video zu analysieren, ein Treffen zu vereinbaren. Dadurch fehlt die Zeit, Kraft zu tanken.

Wie kann man die Spielphilosophie französischer Trainer beschreiben?

Durch die Globalisierung gibt es keinen französischen, deutschen oder englischen Fußball mehr. Spieler und Trainer orientieren sich heute international. Ich brachte ja auch meine Erfahrungen aus Hoffenheim und Salzburg mit nach Sochaux. Mir geht es um eine Kombination aus Teamgeist und Trainerplan. Ein guter Zusammenhalt begünstigt eine gute Taktik. Dafür arbeite ich täglich.

Sochaux ist für gute Nachwuchsarbeit bekannt. Ist das eine französische Besonderheit?

Die Franzosen haben jedenfalls früh verstanden, wie wichtig die Ausbildung ist. Nicht nur spielerisch, denn mit 15 wird quasi schon trainiert wie bei den Profis. Auf Persönlichkeit und Teamgeist wird aber genauso viel Wert gelegt wie auf eine gute Kopfballtechnik. Davon haben wir uns in Deutschland inspirieren lassen.

Sie sind derzeit der einzige deutsche Profitrainer in Frankreich und erst der dritte nach Franz Beckenbauer und Rohr. Warum ist das so?

Das Hauptproblem ist die Sprache. Ein guter Trainer muss die Landessprache kennen, sonst passt es nicht. Beckenbauer war eine Ausnahme. Wir erleben die gleiche Situation aber auch in Deutschland, wo kaum Franzosen trainieren. Außer Willy Sagnol und Valérien Ismaël, die sehr gut Deutsch sprechen.

Immerhin spielen viele Franzosen in Deutschland, das Gegenteil gilt nicht. Mit Ausnahme von zwei Spielern in Sochaux. Kann Frankreichs Liga eine gute zweite Chance sein?

Tatsächlich kamen unser Verteidiger Patrick Kapp (20) aus Hoffenheim und der Mittelfeldspieler Mart Ristl (21) aus Stuttgart. Dorthin hatte ich gute Kontakte, und sie passten dort nicht zum Kader. Das Niveau ist deswegen aber nicht niedriger. Zur Zeit arbeiten sie noch an ihrer Integration. Beide sind hochmotiviert. Man braucht viel Mut, um so jung ins Ausland zu ziehen.

Wollen Sie mal in die Bundesliga oder lieber in Frankreich bleiben?

Ich sage immer: Mein Traumteam ist das Team, das ich zur Zeit trainiere. Das ist gerade Sochaux, und meine Arbeit hier ist noch nicht fertig.

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