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An der kurzen Leine

Mit Alexandra Popp und einer strengeren Bundestrainerin wollen die deutschen Fußballerinnen erfolgreicher sein

  • Von Frank Hellmann, Wiesbaden
  • Lesedauer: 4 Min.

Alexandra Popp hat die Europameisterschaft in den Niederlanden im Sommer notgedrungen nur aus der Zuschauerperspektive erlebt. Als die deutschen Fußballerinnen an einem verregneten Sonntagmorgen in Rotterdam das Viertelfinale gegen Dänemark auf erschreckend schwache Art und Weise verloren, saß die damals verletzte Angreiferin des VfL Wolfsburg fassungslos in der letzten Reihe auf der Haupttribüne. Die meisten anderen Spiele des Turniers hatte die 26-Jährige am Fernseher verfolgt. Und natürlich bekam sie dabei mit, dass sich auch bei dem Kontinentalturnier der Frauen das - schon bei der Männer-EM 2016 - zum Kult gewordene Überkopfklatschen mit den »Huh«-Rufen ausbreitete, wann immer Islands Fußballerinnen irgendwo vorspielten.

Nun trifft das deutsche Nationalteam am Freitag in Wiesbaden vor vermutlich knapp 4000 Zuschauern auf eben jene EM-Teilnehmerinnen, die in der Qualifikation zur Weltmeisterschaft in der Gruppe 5 mit Tschechien, Slowenien und den Färöer als der mit Abstand härteste Gegner gelten. Was würde Popp von der Wiederholung des beeindruckend lautstarken Rituals halten? »Können die Isländerinnen ja gerne machen - nachdem sie gegen uns verloren haben.« Spontane Antworten sind meist die besten.

Und doch schwingt in der Aussage mehr mit: großes Selbstbewusstsein und der unbedingte Wille, das Selbstverständnis der deutschen Fußballerinnen schleunigst wieder herzustellen. Gewiss, bei den Pflichtsiegen in der WM-Qualifikation im September gegen Slowenien (6:0) und Tschechien (1:0) sind die Olympiasiegerinnen zumindest den Ergebnissen nach in die Erfolgsspur zurückgekehrt - doch viele Mängel sind geblieben. Das fehlende Durchsetzungsvermögen, die letzte Konsequenz, der Kampfeswille gelten weiter als verbesserungsbedürftig. Selbst hat die im vergangenen Sommer zur Untätigkeit verdammte Leistungsträgerin Popp »die fehlende Entschlossenheit« kritisiert. Nicht nur einmal.

Es sind Eigenschaften, die die zweimalige deutsche Fußballerin des Jahres (2014, 2016) selbst verkörpert. Popp zählt mit den wieder berufenen Melanie Leupolz und Simone Laudehr (beide FC Bayern München) zu jenen Mentalitätsspielerinnen, die im Hinblick auf die Weltmeisterschaft 2019 in Frankreich dringend gebraucht werden. Oder wie Steffi Jones sagt: »Alex ist für uns wichtig als Leaderin, die die Mannschaft mit ihrer Leidenschaft und Präsenz mitreißen soll.« Den von der Bundestrainerin zugespielten Ball nimmt die Nummer elf gerne auf. »Es gibt keinen Grund, mich hintenan zu stellen, nur weil ich zwei, drei Monate raus war.«

Jones hatte hinter vorgehaltener Hand nicht nur einmal erwähnt, dass die kurz vor dem Start der Europameisterschaft wegen eines gerissenen Meniskus und gedehnten Außenbands ausgefallene Popp nicht ersetzt werden konnte. Doch im Nachgang ist das selbst Popp »zu einfach«. Die in Witten geborene Fußballerin räumt allerdings ein, dass die ihr zugeschriebenen Wesenszüge seltener geworden. »Es gibt nicht mehr so viele Charaktertypen«, sagt das Mitglied des Mannschaftsrats. Sie habe manchmal gedacht, »da muss doch mal einer auf den Putz hauen«. Popp würde sich wünschen, dass »man ein Zeichen setzt, damit es knallt - das muss ja nicht zwingend dem Gegner weh tun.«

Niederlagen nicht klaglos hinnehmen, sondern dagegen angehen: Das hat sie sich nach eigenem Bekunden von ihrem Vater Andreas (»Der konnte auch schon nicht verlieren«) abgeschaut. »Ich würde sagen, das ist mir angeboren.« Auch wenn Abwehrchefin Babett Peter von der wegen eines Jochbeinbruchs fehlenden Dzsenifer Marozsan die Kapitänsbinde tragen wird: Popp gilt als eine der wichtigsten Führungsspielerinnen auf dem Weg nach Frankreich. »Ich sehe mich in der Pflicht, die anderen mitzuziehen.«

Dafür darf der Umgang miteinander ruhig etwas ruppiger werden. Die 80-fache Nationalspielerin (35 Tore), die ihren Job als Tierpflegerin schweren Herzens aufgab, weil sie kaum noch richtig regenerieren konnte, bestätigt, dass Jones die lange Leine bereits erheblich gestrafft habe. Schon die Ansprachen seien verändert. »Es läuft anders ab, es gibt weniger Späßchen. Ich würde sagen, es ist alles fokussierter.« Ein Teil des Lernprozesses, den die unerfahrene sportliche Leitung nach einer umfassenden Analyse eingeleitet hat. Denn dass das Aushängeschild des deutschen Fußballs bei einem großen Frauenturnier so früh in die Zuschauerrolle versetzt wird, soll so schnell nicht wieder passieren.

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