Werbung

»Ein Unding, ja einfach nur Mumpitz«

Hamburger Mieterverein kritisiert das Vorhaben von Rot-Grün, Wohnraum an den Hauptverkehrsstraßen zu schaffen

  • Von Volker Stahl, Hamburg
  • Lesedauer: 3 Min.

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Es kommt nicht oft vor, dass ein schlichter Bürgerschaftsantrag zur Stadtentwicklung einen so starken Wirbel verursacht wie die Drucksache 21/10507. Darin fordern Abgeordnete der SPD und der Grünen: »Potenziale entlang der Magistralen identifizieren und planerisch vorbereiten.« Auf den ersten Blick ein vernünftiger, an den Senat gerichteter Vorschlag zum Wohnungsbau in der wachsenden Stadt. Dem haben - bis auf die AfD - alle Fraktionen in der Hamburgischen Bürgerschaft zugestimmt. Doch nun wird die Allparteien-Koalition von der harschen Kritik des Mietervereins überrascht.

Kernpunkt des federführend vom grünen Stadtentwicklungsexperten Olaf Duge eingebrachten Antrags ist das Vorantreiben des Wohnungsbaus an den vier- bis sechsspurigen Hauptstraßen. Auf der Basis von Erhebungen im Bezirk Altona könnten allein dort entlang der Magistralen 20 000 Wohnungen entstehen. »Hamburg hat ein Dutzend solcher Magistralen«, sagte Duge in der Bürgerschaft. »Die Stadt muss die Potenziale identifizieren und die Eigentümer zur Modernisierung oder zum Verkauf drängen.« Er schlug vor, an den Magistralen höher zu bauen und dort große Parkplätze mit Wohnungen zu überbauen. Duge erhofft sich durch diese Maßnahmen die Schaffung von neuen 100 000 Wohnungen im kommenden Jahrzehnt.

Die wünscht sich der Mieterverein auch - aber an anderer Stelle: »Ausgerechnet Parteien, die Schritttempo, Einbahnstraßen und Tempo-30-Zonen fordern, setzen sich jetzt dafür ein, dass Menschen dort wohnen sollen, wo sie stark mit Dreck, Lärm und Emissionen belastet werden«, kritisiert Siegmund Chychla, Vorsitzender des Mietervereins zu Hamburg, scharf. »Erst haben sie die Autos aus ihrem Quartier verbannt, sodass die Verkehrsbelastung an den Hauptstraßen erhöht wurde. Nun sagen die gleichen Politiker: Bei uns ist es schön, unser Quartier verträgt keinen Zuzug mehr und die anderen sollen an den Hauptstraßen wohnen.« Das sei nicht nur ein Widerspruch, sondern schlicht »ein Unding, ja einfach nur Mumpitz«, wettert der Mietervereinschef: »Es soll bitteschön einer dieser Politiker vortreten und sagen, dass er an einer Magistrale leben wolle.«

Der Vorschlag, dort Wohnungen zu bauen, sei das Ergebnis der »Ratlosigkeit der Politik«, so Chychla weiter: »Man hat es versäumt - wie beim Planen von Gewerbegebieten seit hundert Jahren geschehen - auch Wohnungsbauland-Bevorratung zu betreiben.« Der aktuelle Vorstoß der Allparteien-Koalition sei deshalb nicht mehr als ein aus Verzweiflung geborener »Schnellschuss«. Wohnungsbau soll jetzt dort stattfinden, wo keiner etwas dagegen habe und mit keinem Gegenwind zu rechnen sei.

Chychla ist zwar dafür, dass die Magistralen »urbanisiert« werden, aber anders. Wie - das erläutert er anhand eines Beispiels: »Vorbildlich ist die Bebauung am viel befahrenen Steindamm in St. Georg, wo an der Ecke zur Stiftstraße ein Büroriegel und nach hinten hinaus phantastische, nach Süden ausgerichtete Wohnungen geschaffen wurden.« Sinnvoll sei es auch, in Altona an der Osdorfer und Rissener Landstraße Streifen von hundert Metern zu schaffen und dort Grundstücke zusammenzulegen. Im ersten Riegel könnten sich Gewerbe und Dienstleistungsbetriebe ansiedeln, im Areal dahinter durch Veränderung der Bauplanung Geschosswohnungsbau entstehen.

Reichlich neuer Wohnraum könnte auch dadurch entstehen, dass gewerblich genutzte Objekte wieder dem Wohnen zugeführt werden, macht Chychla einen weiteren Vorschlag zur Beseitigung der Wohnungsnot. »Viele Werbeagenturen, Ärzte, Steuerberater und Rechtsanwälte haben ihre Praxen und Büros in guten Lagen in normalen Wohnungen. Berlin hat gezeigt, wie man gewerblich genutzte Wohnungen wieder ihrem eigentlichen Zweck zuführt.« Die Schritte: Erst müsste die Gewerbenutzung von den Eigentümern angezeigt werden. Wer nicht mitmacht, handelt ordnungswidrig. Anschließend legt die Stadt Übergangsfristen für die Beendigung der Zweckentfremdung fest.

Nach Schätzung des Mietervereins könnten so bis zu 30 000 Objekte dem Wohnungsmarkt zugeführt werden, ohne dass ein einziger Quadratmeter Boden versiegelt wird, sagt Chychla: »Die Stadt hat genug Potenzial für Bau neuer Wohnungen, man muss es nur intelligent ausschöpfen.«

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!