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Missmutiger Musterschüler

Das Wirtschaftswachstum Tschechiens ist Spitze in der EU, die Arbeitslosenquote niedrig. Dennoch wächst die Unzufriedenheit

  • Von Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 3 Min.

Karl Marx war hier, Kaiser Franz Josef und auch Maxim Gorki kurte schon im Bäderdreieck rund um Karlovy Vary. Doch die berühmten und einst mondänen Kurstädte Karlsbad, Marienbad und Franzensbad locken heute hauptsächlich mit niedrigen Preisen Kundschaft an und hätten daher kaum Entwicklungspotenzial, heißt es in einem Strategiepapier der tschechischen Regierung. Kurz vor der Wahl legte die gescheiterte Mitte-Links-Koalition von Ministerpräsident Bohuslav Sobotka ein Konjunkturprogramm für schwächelnde Grenzregionen wie das Bäderdreieck auf. Mit rund 42 Milliarden Kronen, umgerechnet mehr als 1,6 Milliarden Euro - ein Fünftel davon aus EU-Töpfen - soll nun der wirtschaftliche Rückstand aufgeholt und die Wirtschaftsstruktur modernisiert werden.

Im »Rest« der Tschechischen Republik brummt der Wirtschaftsmotor. Unter den früheren realsozialistischen Staaten dürfte das Land mittlerweile die Nase vorn haben. »Tschechiens Wirtschaft geht es gut, mit einem prognostizierten Wachstum von 3,1 Prozent in 2017 gehört das Land zu den dynamischsten Volkswirtschaften Europas«, schreibt Germany Trade & Invest (GTAI), die Wirtschaftsförderungsgesellschaft der Bundesrepublik. Die Arbeitslosenquote liegt in diesem und im nächsten Jahr voraussichtlich bei gerade einmal 2,9 Prozent, die niedrigste Quote in der EU.

»Das ist natürlich grundsätzlich ausgesprochen positiv«, sagt Gerit Schulze von GTAI in Prag. »Gleichzeitig bedeutet diese niedrige Quote, dass Fachkräfte rar sind, die Personalausgaben steigen und die Lohnkostenvorteile sinken.« Tschechien müsse deshalb die Wertschöpfung in der Industrieproduktion deutlich ausbauen. Das wird schwierig. Wie Deutschland ist Tschechien ein Autoland, gilt allerdings nur als verlängerte Werkbank des westlichen Nachbarn. So gehört die Traditionsmarke »Skoda« längst zum VW-Konzern aus Wolfsburg. Wegen der starken Verflechtung mit der deutschen Wirtschaft ist das Konzept »Industrie 4.0« hier ein Vorbild, berichtet Schulze.

Deutschland ist der wichtigste Handelspartner für Tschechien. Umgekehrt bieten die 10,5 Millionen Tschechen einen bedeutenden Absatzmarkt: Bei deutschen Ausfuhren rangiert das mitteleuropäische Land auf Platz 12 von 239 Handelspartnern. »Tschechien ist für den Hamburger Hafen einer der wichtigsten Märkte in Mitteleuropa und wir sind stolz darauf, dass der Hamburger Hafen auch der bedeutendste Hafen Tschechiens ist«, betont Vladimir Dobos, Leiter der Repräsentanz des Hamburger Hafens in Prag, den gegenseitigen Nutzen.

Das Wachstum ist Spitze in der EU, Einkommen und Beschäftigung liegen im Plus, die Leistungsbilanz stimmt, die Schulden des Staates sind vergleichsweise niedrig und der Staatshaushalt liegt sogar im Plus. Tschechien würde so spielend die Euro-Kriterien erfüllen. Wirtschaft, Notenbank und Politik halten allerdings die eigene Krone für vorteilhafter.

Trotz der günstigen Wirtschaftsdaten gehen die GTAI-Experten von einem Wahlsieg der rechtslastigen »Aktion unzufriedener Bürger« des Milliardärs Andrej Babiš aus. Zur Unzufriedenheit dürften wirtschaftliche Themen beitragen. Die Investitionen sind vergleichsweise gering. Die Infrastruktur weist Lücken auf. Für Missstimmung sorgt der starke Einfluss in dem traditionsreichen Industrieland von ausländischen Konzernen. Bei den Direktinvestitionen liegen Niederlande und Österreich - von dort sind es vor allem Banken - sogar noch vor dem Handelsriesen Deutschland. Die »Ausländer« zahlen jedoch nur ein Drittel der Löhne, die in ihren Heimatländern üblich sind. Und außerdem fließen Milliarden an Dividenden aus Tschechien ab.

Auch wenn die Konjunktur nach oben zeigt, wie weit der Weg dorthin noch ist, belegt ein Vergleich mit dem benachbarten Bayern. Das BIP pro Kopf beträgt dort über 44 000 Euro - in Tschechien liegt die Wirtschaftsleistung gerade mal bei 16 500 Euro. Ein Fall für Marx.

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