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Erotischer Einrichtungsgegenstand

St. Vincent

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Zu behaupten, dass die aus Texas stammende New Yorker Künstlerin Annie Clark alias St. Vincent zu Extravaganz und Selbstinszenierung neigt, wäre eine Untertreibung. Dass sie sich weigert, dem Klischee der harmlose Weisen trällernden und dabei verliebt guckenden Hupfdohle zu entsprechen, und sich herausnimmt, wie etwa Prince, David Bowie, Kate Bush oder David Byrne (Talking Heads), mit denen sie in jüngster Zeit penetrant wiederholt verglichen wurde, eine eigene vieldeutige Kunstpersona zu entwickeln, nehmen ihr Medienvetreter zuweilen übel: So wurde sie von männlichen Kritikern etwa als »Intelligenzija-It-Girl« (»Spiegel«) abgetan oder - noch einen Zacken gönnerhafter - als einstiges »Alternative-Music-Girl«, das »zum Popstar wuchs«, aber immerhin »kein hirntotes Tanzbarbie« ist (»Der Standard«).

Das grellbunte Cover-Artwork ihres neuen Albums »Masseduction« (»Verführung der Massen«) zeigt eben dies, eine Art superartifizielles Sexbarbie, das aussieht wie fotografiert von einem bekoksten Penthouse-Fotografen der 80er Jahre: die Rückansicht einer sich nach vorne beugenden, mutmaßlich weiblichen Person vor knallrotem Hintergrund. Man sieht ihren in knallengen und leuchtend pinken Leggings steckenden Hintern und ihre Beine, dem Betrachter entgegengereckt. Die Füße stecken in glänzenden roten Stilettoes, der Oberkörper ist in einen Body mit Leopardenmuster eingeschnürt.

Einerseits könnte man also sagen, das Coverfoto verweist auf die Frau als verfügbare Ware, Fetischobjekt und erotischen Einrichtungsgegenstand. Andererseits könnte man sagen, das Coverfoto verweist auf weibliche Selbstermächtigung und die Aneignung, Neucodierung oder Ironisierung männlicher Weiblichkeitsprojektionen. Oder man könnte sagen: Das ist Pop, Parodie, Zitat, freies Spiel mit Ästhetiken und Moden der 50er Jahre bis heute, geile Postpostmoderne. Oder man könnte sagen: Das ist cleveres Marketing. Alles also nicht so einfach.

Auf »Masseduction« besingt St. Vincent eine Welt voller Egoisten in einer enthirnten Konsum-, Konkurrenz- und Leistungsgesellschaft, deren Insassen permanent damit beschäftigt sind, den Tod zu verdrängen, also uns alle. Es geht um Liebe, Sex, Schmerz, Macht, Lüge, Hass, Selbstmord. In nervös-vertrackten Elektropophymnen erklingen dann Textzeilen wie: »Mass Seduction / I can’t turn off what turns me on / Mass Destruction / I can’t turn off what turns me on.« Und selten hat man eine so anrührende Liebeserklärung an die verlorene Freundin und Liebhaberin gehört wie die in der Klavierballade »New York«: »You’re the only motherfucker in the city who can handle me.«

St. Vincent: »Masseduction« (Caroline / Universal)

Konzert: 26.10., Huxley’s, Berlin

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