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Wie die Kleider des Kaisers

In der Deutschen Oper Berlin wurde Aribert Reimanns »L’Invisible« uraufgeführt

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Hilflos erscheinen die Gestalten Armer und Fremder, endlos ihr Warten und Schweigen. Hilflos die Vögel und Bienen, die fliegen, um zu leben, und um ihr Leben fliegen. Hilflos die Ameisen mit ihrer Geschäftigkeit, die ihnen zum Verhängnis wird. Derlei Symbolismen ersann der belgische Autor Maurice Maeterlinck (1862 - 1949).

In »L’intruse« (Der Eindringling) von 1890, Teil der »Trilogie lyrique« (1894), die Aribert Reimann selbst zu einem Libretto formte und komponierte, erspürt der blinde Großvater, scheint es, die Ankunft eines Fremden, der für die anwesenden Familienmitglieder allerdings unsichtbar bleibt. Es gibt keine Ankunft. Der Fremde existiert nur in eingebildeter, verzerrter Form. Die Mutter, aus deren Schoß ein Kind kam, ringt im Nebenraum mit dem Tod. Die steigende Furcht, der Fremde könnte bald eintreten, hält an, bis das Kind (instrumental) einen Schrei ausstößt, darauf kurioserweise ein Bub aus dem kippenden Wagen fällt. In dem Augenblick stirbt die Mutter. Nur eine horrible Geschichte? Sie ist mehr.

Aribert Reimann komponierte sie anschaulich und hintergründig und stellt sie in die Gegenwart. Was ist der Fremde anderes als das Hirngespinst bürgerlichen Wohllebens, das nichts duldet als sich selber und im Fremden Schwärze und Untergrabung sieht? Die Szene zeigt die Ressentiments der Reichen. Der Fremde ist wie die Kleider des Kaisers gar nicht da. Nur das Bild von ihm ist in den Köpfen, das Vorurteil.

Onkel, Ursula und ihre Schwestern folgen dem trügerischen Gespür des Großvaters. Der, blind, sieht Gespenster und bezieht Prügel dafür. Die blinden Seherinnen und Seher auf der antiken Bühne kamen anders daher. Sie kündeten von Unglück und Ende und gaben berechtigte Gründe hierfür an. Sie warnten. Es stimmt: Blinde fühlen bis in die Fingerspitzen, was noch hinter den Türen vorgeht. Ihr hoch entwickelter Hör- und Tastsinn kann erspüren, ob der Gast Freund ist oder Feind. In der Oper erwarten alle den Gast und singen ihr ängstlich Lied darauf, schelten den Großvater in kurzatmigen, stoßweiden Gesängen, geraten in Panik, beschimpfen wie der bissige Onkel die unschuldige schwarzhäutige Dienerin (Ronnita Miller). Der »Gast« aber, ob schwarz oder steinern, kommt nicht.

Der Moskauer Vasily Barkhatov, 1983 geboren, Regisseur des Auftragswerkes der Deutschen Oper, setzt die Familie ins fahle, kalte, bürgerliche Zimmer, dahinter ein weiteres, wohin das Warten der Figuren ausgreift. Im dritten auf dem Bett die Mutter, mehr unsichtbar als sichtbar. Stephen Bronk als Großvater mit Stock mimt den Blinden als steif hin- und herwankendes, widerwilliges »schwarzes Schaf«, dessen »Wahrheit« den Anwesenden die Hitze in die Kehle treibt. Reimann benutzt in dem Teil nur Streichinstrumente. Sie treten, alle Register und Spielarten ausschöpfend, einzeln und in Gruppen auf, eng angelehnt an die jeweiligen Gesangsparts.

Interessant und neu bei dieser Reimann-Oper: Jeder der drei Teile von »L’Invisible« hat ein eigenes Instrumentierungskonzept und in jedem singen fast alle der zehn Sängerinnen und Sänger zwar je andere, aber im Charakter ähnliche Parts. In allen figuriert etwa das Kind. Die Alten, wo immer sie auftreten, bleiben alt. Je anders fungieren genauso die drei Countertenöre (Tim Severloh, Matthew Shaw, Martin Wölfel). Als drei Dienerinnen der Königin verleihen sie dem Schlussteil »La mort de Tintagiles«, dem längsten der Oper, erhebliches Gewicht. Der zweite Teil - »Intérieur« - verwendet ausschließlich Holzbläser, die gewöhnlichen wie ganz tief spielende (Kontrabass-Klarinette und -fagott).

Durch die große Scheibe hindurch sehen der Alte (Stephen Bronk) und der Fremde (Thomas Blondelle) die Familie im abendlichen Tun. Die beiden, so schreibt der zweite Teil vor, sollen ihr die Nachricht vom Tod des Mädchens überbringen, dessen Leiche die beiden am Fluss gefunden haben. Sie zögern, während die Bläser fast ausschließlich die tiefen Lagen bedienen. Das Mädchen Marie (Rachel Harnisch) tritt hinzu und singt, die Dorfbewohner würden sich schon nähern, während Marthe - ihre Schwester (Annika Schlicht) - den Alten drängt, endlich das Haus zu informieren. Der überbringt die Nachricht. Nüchtern die Szenerie. Der Teil lebt hauptsächlich von der Bläsermusik. Dunkel gefärbt ist sie, toddurchtränkt.

In »La mort de Tintagiles« fällt der Monolog der Ygraine ins Gewicht. Reimann dazu im Programmheft: »Sie erzählt, dass zwei ihrer Brüder verschwunden sind und keiner weiß, wo sie sind. Auch heute verschwinden pausenlos Menschen, werden Menschen umgebracht, ohne dass der Auftraggeber bekannt wird. Im Stück kommt der Auftrag zwar von der alten Königin. Aber wir wissen nicht, ob es diese Frau überhaupt gibt. Das Mädchen hat sie jedenfalls nie gesehen.«

Hier liege zum ersten Mal ein realer Zeitbezug, so der Komponist. An dieser Stelle setzt das Orchester mit Schlagzeug massiv ein. Dann die Streicher. Donald Runnicles dirigierte vorbildlich das Hausorchester. Die unsichtbare alte Königin, der Erzählung nach machtlüstern, will alle Rivalen, darunter ihren Enkel Tintagiles, aus dem Weg räumen lassen. Die drei Dienerinnen (Countertenöre) gehen ihr dabei zur Hand. Ein teuflisches, gummi-schwarzes Trio, das in jähen Hochlagen sein Gift ausspritzt. Ygraine kann den Tod des Knaben nicht verhindern.

Nächste Vorstellungen am 22., 25. und 31. Oktober

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