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Hiergeblieben

Carlos Gomes will alle Lenin-Denkmäler in Deutschland ausfindig machen. Von Christin Odoj

  • Lesedauer: 8 Min.

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Seine Nase ist zerbröckelt, das linke Ohrläppchen abgerissen und am Hinterkopf klafft eine tiefe Wunde, sodass man ins Innere seines Schädels sehen kann, wo sich Laub und Dreck versammelt haben. Immerhin sitzt die Krawatte noch tadellos und auch sonst scheint es ihm nicht allzu schlecht zu gehen. Lenin hat sich ins Grenzgebiet zwischen Wald und Zivilisation zurückgezogen, über ihm eine Krone aus Blättern, die aussieht wie hundert revolutionäre Ideen, die aus seinem Kopf geschossen kommen. Ein wunderschöner Herbsttag in Fürstenberg an der Havel, und Lenin hat sich ganz am Rande einer Reihenhaussiedlung versteckt, die früher einmal sowjetisches Militärgebiet war. Nachmittags sitzen die Menschen hier in ihren Gärten, trinken Kaffe, essen Kuchen, eine bürgerliche Katalogidylle, wenn da nur nicht der Oktoberrevolutionär einen kritischen Blick aus dem Gebüsch hinüberwerfen würde.

Carlos Gomes macht ein paar Fotos von dem Betonkopf, der seinen Sockel bereits eingebüßt hat und dreht kurze Videos. Gomes sammelt Lenin-Denkmäler, und dieses besucht er zum dritten Mal, um bald einen kleinen Clip seiner Streifzüge ins Internet stellen zu können. Sein Vorhaben ist kein freakiges Kunstprojekt für hippe Großstadtironiker mit Faible für Sowjetnostalgie, Gomes versteht seine Arbeit als Beitrag zur Kunsthistorie. Er hat sich vorgenommen, einen Katalog aller noch verbliebenen Lenin-Denkmäler und ihrer Geschichte in Deutschland zu recherchieren, die mit Ausnahme von Westberlin, alle auf dem Gebiet der ehemaligen DDR zu finden sind. Inzwischen ist er so weit, dass er stolz behauptet, alle gefunden zu haben.

Ihm geht es nicht um gut erschlossene Ausstellungsstücke in Museen, wie den berühmten Eislebener Lenin, der im Deutschen Historischen Museum zu finden ist, sondern Gomes fährt in entlegene Waldgebiete, streift durch verlassene Militärbaracken der Sowjetarmee, immer auf der Suche nach einem speziellen Mosaik, einer Büste, einer Gedenktafel oder einem Relief, von denen er gehört oder gelesen hat, deren Existenz in irgendeiner Akte verbrieft ist, aber keiner sagen kann, wo genau sie zu finden sind. Meistens haben örtliche Geschichtsvereine oder Spezialisten der Urban-Exploration-Szene schon dokumentarische Vorarbeit geleistet, aber eine Liste, die alle aktuellen Denkmäler versammelt, gab es nicht, bevor Gomes mit »Lenin is still around«, seinem Denkmalprojekt, begann. »Ich dachte mir, wenn du eine vollständige Liste willst, dann musst du sie selbst machen«, sagt er. Zwar listet ein Wikipedia-Artikel alle Gedenkstätten auf ehemaligem DDR-Gebiet auf, aber er sei veraltet, sagt Gomes und der Eintrag erzählt nicht, welche teils abenteuerlichen Geschichten hinter den historischen Überbleibseln stecken.

Alles begann, als er mit Freunden während eines Ausflugs zwei Lenin-Statuen in Wünsdorf-Waldstadt in Brandenburg entdeckte, früher Hauptquartier des sowjetischen Oberkommandos. Er fragt sich, ob es vom Lenin noch mehrere in Deutschland gibt, fängt an zu recherchieren und ist angesteckt vom Fieber, das jeder Wissenschaftler kennt, der mehr, alles, herausfinden will, was er finden kann. Am leichtesten sind die Denkmäler zu recherchieren, die in Städten und Dörfern errichtet wurden, sagt Gomes. Hier hat die Verwaltung in der DDR gut Buch geführt. Die Einträge musste er noch zusammenfügen, da manche Denkmäler auf mehreren Listen auftauchen, andere wiederum nur einmal notiert wurden. Schwierig seien die, die in keiner Liste zu finden sind, weil sie auf ehemaligem Militärgebiet der Sowjetarmee errichtet wurden, damals Sperrgebiet. »Von größeren Statuen weiß man, weil sie vor einem ehemaligen Offiziershaus stehen, aber manchmal haben die Soldaten vor kleineren Baracken auch eigenständig Statuen nach sowjetischem Vorbild nachgebaut«, sagt Gomes. Nach dem Abzug der Truppen Anfang der 1990er Jahre hat sich niemand um die Denkmäler gekümmert, seitdem holt sich die Natur zurück, was ihr gehört, wie in Fürstenberg. Meist seien die Menschen, denen er von seinem Projekt erzählt, sehr aufgeschlossen, versuchen ihm zu helfen, wo sie können. Ein Geschichtsverein aus Thüringen hat sogar noch Kontakt zu ehemaligen sowjetischen Soldaten, die Fotos der Denkmäler aus Russland schickten, manch ein Behördenmitarbeiter ist für ihn schon mal zu einer Gedenktafel gelaufen, um sie für ihn zu fotografieren, wenn er nicht selbst vor Ort sein konnte. Nur einmal habe er am Telefon ein verstörtes: »Ach du meine Güte« gehört, als er erzählte, was er macht.

Inzwischen ist Gomes mit dem Fahrrad in die Steinförder Straße in Fürstenberg geradelt. Er will eine weitere Lenin-Statue für sein Video besuchen. Vorbei an imposanten Villen, schicken Neubauprojekten, direkt am Röblinsee. Gomes fährt an einer Baulücke vorbei, wie man vermuten würde, und lehnt sein Fahrrad etwas weiter die Straße herunter an einen Zaun. Diskretion sollte sein, sagt Gomes. Er steigt die vermosten Treppen hinauf auf eine kleine Anhöhe, erst jetzt wird der Blick hinter den wild wuchernden Bäumen und Büschen frei auf eine verlassene Ruine, deren einstiger Glanz nur noch durch den abblätternden gelben Putz sichtbar ist. Das ehemalige Offizierskasino der Sowjetarmee in Fürstenberg. Die zweite Gardepanzerarmee der Sowjettruppen, insgesamt 25 000 Soldaten, zog nach dem Zweiten Weltkrieg in das einstige Beamtenkurheim für Diabetiker. Davor thront Lenin auf einem Sockel, blickt selbstbewusst auf den wilden Garten mit dem zerfallenen Springbrunnen, den sich ein Brennnesselfeld erobert hat. In der einen Hand eine zusammengefaltete Fahne, in der anderen wohl die Aprilthesen, so steht er da. Eine Schnecke bahnt sich ihren Weg an Lenins Hosenbein hinauf.

Als Gomes einmal um die riesige Gründerzeitvilla herumgelaufen ist, um zu sehen, ob sich seit seinem letzten Besuch etwas verändert hat, stehen plötzlich drei Menschen auf der Veranda vor dem Haupteingang. Gibt es jetzt Stress, darf er hier überhaupt sein? Eine Fürstenbergerin hat Besuch aus Osnabrück und zeigt ihren Freunden das Gelände. Den Lenin, sagt sie, würde sie gerne mit in ihren Garten nehmen, wenn es ginge. »Der sieht doch zauberhaft aus«, sagt sie. Ein Kulturdenkmal sei das und das es hier so vor sich hinvegetiere sehr geschichtsvergessen.

Carlos Gomes hört ihr aufmerksam zu, auch er hat vorhin gesagt, dass Geschichte nicht nur aus Relikten in Museen besteht, sondern auch der Raum in unseren Städten und unserer Umgebung sei. Es gehört für ihn dazu, dass wir sie uns erschließen, interpretieren und bewahren. »Für mich ist ein Abriss oder Verfall solcher Denkmäler eher etwas Gefährliches. Man kann die Geschichte nicht dadurch neu schreiben, dass man alles, was nicht passt, zerstört.« In Bonn geboren und in Lissabon aufgewachsen, habe er im Gegensatz zu seinen westdeutschen Freunden nie Berührungsängste mit der kommunistischen Idee und Bewegung gehabt. »Die Kommunisten in Portugal haben immer eine sehr konstruktive Rolle gespielt und sind auch im Parlament eine Ideologie von vielen.« Wenn in Deutschland über Lenin-Denkmäler gestritten wird, werde die Debatte sofort von radikalem Schwarz-Weiß-Denken bestimmt, was er sehr schade findet, sagt Gomes. Dabei haben viele Städte nach der Wiedervereinigung vor allem politisch und viel zu wenig kunsthistorisch argumentiert, wenn es um den Erhalt der gusseisernen Lenins ging. Heute, so sagt Gomes, kommen die politisch Gefährlichen nun wirklich aus einer anderen Ecke. Dabei aber ist die Erinnerungskultur gerade im Osten nicht unkompliziert. In Wittstock wurde dem Lenin der Kopf abgeschlagen, in Finsterwalde gibt es einen erbitterten Streit um den Denkmalschutzstatus eines Parks, den Bürgerhain, in dem ein Lenin-Relief steht, das dann saniert werden müsste, wenn der Park den Status erhält. Ebenso großen Ärger gibt es um eine Lenin-Plastik im Schweriner Stadtteil Großer Dreesch und den lange verschwundenen Potsdamer Lenin, der auch dort vor dem Haus der Offiziere stand.

Auf der anderen Seite hat es im Osten auch immer wieder beherzte Rettungsaktionen für Lenin gegeben. In Hellingen, einer kleinen Stadt in Südthüringen, kam der frisch gewählte Bürgermeister 2015 auf die Idee, das Lenin-Denkmal auf dem Schillerplatz, das dem Revolutionär 1970 zum 100. Geburtstag gewidmet wurde, abzureißen und stattdessen ein Monument zu errichten, das besser zum Platz passen würde. Zum Beispiel eins, das Friedrich Schiller gewidmet ist, wäre doch genau das Richtige für den Ort. Die Bürger allerdings wollten beim Geschichtsvertilgen nicht mitmachen und starteten eine Unterschriftenaktion, die ein Viertel der knapp 800 BewohnerInnen unterstützte. Lenin blieb. Auch in Bützow (Mecklenburg-Vorpommern) haben AnwohnerInnen sich 2010 dafür eingesetzt, dass der Straßenname Leninring samt Gedenktafel erhalten bleibt und in Nohra (Thüringen) fand Gomes bei seinem letzten Besuch rote Nelken an Lenins Statue, Plastik zwar, aber dafür halten sie länger. Sogar in Westberlin hat eine Lenin-Statue überlebt, die dem 2014 verstorbenen Umzugsunternehmer Klaus Zapf gehörte, der sie, so sagt eine der Legenden, mal als Sicherheit von einem russischen Unternehmer erhielt, der sie nie abholte. Inzwischen ist sie sogar mit zum neuen Firmensitz von Kreuzberg nach Neukölln umgezogen. Dort steht sie, inmitten eines Gewerbegebietes, von einem schönen, neu gestrichenen hellblauen Zaun umrandet. Lenin, mit der einen Hand am Mantelsaum, zeigt wie zum Trotz mit der anderen, in der er eine Schriftrolle hält, auf den Boden. Hier bin ich und hier bleibe ich.

Am 26. und 27. Oktober stellt Carlos Gomes die Ergebnisse seiner Spurensuche im Rahmen der Konferenz »Kommunismus unter Denkmalschutz? Denkmalpflege als historische Aufklärung« im Stadtgeschichtlichen Museum Spandau vor. Am 11. November eröffnet die Multimediaausstellung »Lenin is still around« in der Kunstgalerie »7 Mares«, Heimstraße 3, Berlin-Kreuzberg. Infos unter: www.leninisstillaround.com

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