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Todesdrohung an die eigene Leber

Christoph Ruf über Fußball und Kultur als zwei Universen, die friedlich nebeneinander leben, doch sich manchmal berühren

  • Von Christoph Ruf
  • Lesedauer: 4 Min.

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Am vergangenen Freitag fand wieder einmal das Jahrestreffen der Deutschen Akademie für Fußballkultur in Nürnberg statt. Wobei man zugeben muss, dass der Name des Veranstalters durchaus selbstbewusst klingt. Man muss den meisten Menschen hierzulande ja noch erklären, dass Fußball und Kultur sich nicht automatisch ausschließen müssen. Und oft genug kann man die Zweifler ja auch verstehen. Spielerinterviews und Reporterfragen sind nun wirklich nicht immer dazu angetan, dass man sie in Schönschrift transkribiert und übers Bett hängt.

Bei der Akademie handelt es sich allerdings auch nicht um eine Versammlung alternder Professoren, die über die Rezeption der Abseitsregel im Jugendfußball des postmaterialistischen Zeitalters doziert. Sondern um mehr oder weniger normale Menschen von 30 bis 80 Jahren, die im Grunde nur eines eint: Sie reden, wenn sie über Fußball reden (also: immer), auch mal über andere Themen als die größten Aufreger der jeweils letzten gesehenen Partie. Und das aus gutem Grund. Denn es ist ja auch vollkommen lächerlich, sich über richtige oder falsche Abseitsentscheidungen aufzuregen, wenn man nur ein paar Seiten aus dem Buch »Football leaks« gelesen hat, in dem die Autoren Michael Wulzinger und Rafael Buschmann die monströsen Sauereien aufzählen, die den Weltfußball und seine Stars im Inneren zusammen zu halten scheinen.

Dass dieses Buch das wichtigste Buch der letzten Jahre war, ist offensichtlich. Es hat den entsprechenden Widerhall in der Öffentlichkeit bekommen. Und dass die beiden Autoren nun ganz oben auf der Shitlist all derer stehen, die den Fußball als gigantische Melkkuh sehen, ist das größte Lob, das man den beiden Spiegel-Redakteuren machen kann.

Dass die Juroren mehrheitlich ein anderes Buch zum Fußballbuch des Jahres gekürt haben, ist vor diesem Hintergrund nur logisch. Die »Football leaks« sind bereits im öffentlichen Bewusstsein - weit mehr als das Siegerbuch, eine Biografie, die auf knapp 500 Seiten das Leben von Helmut Schön nachzeichnet, einem Mann, der schon in den Sechzigern und Siebzigern Wert auf einen demokratischen Führungsstil legte und damit als Bundestrainer im damals stockreaktionären Deutschen Fußball Bund einer der wenigen Prominenten war, der nicht völlig aus der Zeit gefallen war. Es ist sicher nicht das einzig lesenswerte Buch, das einem dieser Tage im Buchhandel begegnet. Uwe Timm, Daniel Kehlmann und ein paar andere haben auch etwas zu bieten. Es muss wirklich nicht immer Fußball sein. Aber wenn man sich einmal vergegenwärtigt, wie viele Buchseiten man in der Zeit lesen könnte, in der man sich völlig unwichtige Fußballspiele und Nachbereitungen im »calcio parlato« anschaut, muss man unwillkürlich zum Bücherregal eilen. Zumal es von Bernd Beyer geschrieben wurde, einem stil- und faktensicheren Intellektuellen, dessen Bescheidenheit immer wieder überrascht. Dass sein Buch geehrt wurde, hat sein guter Freund Dietrich Schulze-Marmeling »Das Wunder von Bernd« genannt. Vielleicht auch im Wissen, dass es Menschen, die leise sprechen, schwerer haben. Der Zeitgeist verlangt Lautstärke als Selbstzweck. In diesem Sinne ist übrigens auch der Fußballspruch des Jahres 2017 eine gute Wahl gewesen. Er stammt aus der Fankurve des FC Schalke 04, die beim letzten Saisonspiel 2016/2017 allen Grund gehabt hätte, ihren Frust über eine Katastrophensaison in die übliche mit vielen Ausrufezeichen (»Danke für nichts!«) versehene Brachial-Rhetorik zu kleiden. Die Schalker Fans entschieden sich aber stattdessen auf ihrem Transparent für das Florett: »Wir danken der Mannschaft, dass sie uns auch in dieser Saison so zahlreich hinterher gereist ist.« Der Spruch gewann die Abstimmung schon im Halbfinale verdientermaßen klar und deutlich gegen ein Thomas-Tuchel-Bonmot, in das der Moderator, ein Germanist, schon sehr viel reininterpretieren musste, um nicht nur eine zweite, sondern mindestens auch eine dritte, vierte und fünfte Ebene in den Worten »Wenn schon konsequent, dann aber auch konsequent konsequent« zu sehen.

Der Fußballspruch des Jahres 2018 wird wohl wieder von einem Spieler oder Trainer kommen. Sehr gut gefallen hat mir allerdings auch das Lied, das die HSV-Fans nach der Niederlage in Mainz anstimmten und das die traurige Torquote eines ihrer Stürmer (26 Spiele, kein Treffer) thematisierte: »Heute woll’n wir trinken bis der Schipplock trifft«, skandierten sie. Eine Todesdrohung an die eigene Leber.

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