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Poesie im Sommerkleid

Ein mediterraner Klangteppich und mehrfachbödige Texte: Der Leipziger Sänger Ralph Schüller spielt am kommenden Freitag im Zebrano-Theater

  • Von Mathias Schulze
  • Lesedauer: 4 Min.

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Unerhörtes, scheinbar Trotziges, Freundliches. Wer einmal in den musikalischen Kosmos des Leipziger Ralph Schüller, Jahrgang 1968, eingetaucht ist, schlüpft ermutigt wieder hervor. Da gibt es einen exotisch-globalen Boden, ein luftiges Sommerkleid-Klangbild, das sich durch alle Platten zieht. Mitten im lässig vibrierenden Sog, zwischen französischen Chansons und amerikanischem Folk, wurzelt eine Poesie, die zu Reisen in den eigenen Erinnerungsweltraum einlädt. Das Lied »Wiegen, Wickeln, Essen« beginnt beispielsweise so: »Ein Koffer voller Leben, viel zu schwer / Eine Bahnstation sieht den Zügen hinterher.« Schüllers Text sind kryptisch, unzeitgemäß, assoziativ, verschlüsselt.

Und dennoch, oder gerade deswegen, lassen seine Lieder konkrete Stimmungsbilder entstehen, die uns das allzu Bekannte neu und bunt erscheinen lassen. Stadt, Land, Kneipe, Resignation, Aufbruch, Natur, Geburt, Entscheidungen, Sterben. Im Grunde gibt es keine Einfärbung, keine Atmosphäre, keine Mentalität, die Schüller nicht durch seinen Verfremdungseffekt deutlicher macht.

Stärker wird bei ihm die Ambivalenz, satter werden die Widersprüche. Überall Bewegung, überall ein Beharren darauf, dass das Leben zwischen dem Entweder/Oder stattfindet. Wenn schon denken, dann dialektisch. In »Alle guten Geister« heißt es: »Schreibst an die Wände: Ich komme nach Haus / Schreibst an die Wände: Ich komme nicht mehr / Fällt dir dein Schatten ins schäumende Meer.«

Kleine Alltagsbeobachtungen, die großen Themen, alles bekommt durch den poetischen Schüller-Verstärker eine Plastizität, die der Rezipient genüsslich und federleicht mit dem eigenen Lebenspfaden füllen kann. So etwas kann man Identitätsarbeit nennen. Oder einfach nur intelligente Musik.

Oft gewinnen dabei die im besten Sinne schlichtesten Tätigkeiten die größte Bedeutung: Wiegen, Wickeln, Essen. Zwischendrin Wortkreationen und Refrains, die über den Tag hinaus im Ohr bleiben: »Wir schlafen uns glücklich alle Träume heraus.« (Weit mit dir). Schüller, der Meisterschüler.

Der gebürtige Suhler ist gelernter Elektromechaniker, schon zu DDR-Zeiten griff er zur Gitarre. Das Dichten ist heute immer noch ein notwendiges Mittel, um im Alltag nicht den utopischen Moment zu verlieren. Kunst als Selbstschutz, um während der Armeezeit, während der ganzen »Militärscheiße«, nicht zu verblöden. Die Inspirationen kamen von Bob Dylan, Pink Floyd, Gerhard Schöne oder Hans-Eckardt Wenzel.

Schüller greift in einem Leipziger Café zur Menthol-Zigarette und blinzelt den letzten Herbstsommerstrahlen hinterher: »Es wird oft nur davon geredet, dass DDR-Künstler ihre Botschaften zwischen den Zeilen verstecken mussten. Dabei ist das das Wesen der Poesie. Das wird dann nicht mehr gesagt.« Klar, er kennt die Eventisierung der Musik, die das Gemüt billig überwältigen will.

Entscheidend ist für Schüller, wie er dies nun kommentiert. Er kramt ein kabarettistisches Meisterstück von Jonny Buchardt aus dem Jahr 1973 hervor, stattgefunden hat es auf dem Kölner Karneval. Buchardt animierte mit Verve »Zicke-Zacke, Zicke-Zacke!« Die Massen schleuderten ihm ein »Heu, Heu, Heu« entgegen. Dann der Bruch, Buchardt brüllte »Sieg!«. Was folgte? Es fängt mit »H« an und hört mit »eil« auf. Schüller, der Witzbold: Immer will er dem Realitätsschock noch im Nacken sitzen, immer diese einnehmende Freundlichkeit, die spitzbübisch provozierend das Lebenswerte hochhält.

Sein aktuelles, und bislang stärkstes, Album »Sterne hoch« vereint Multiinstrumentalisten von 31 bis 75 Jahren: Gitarre, Mandoline, Mundharmonika, E-Piano, Akkordeon, Ukulele, Schlagzeug, Synthesizer, Metallophon und Saxofon. Die musikalische ist auch teils die eigene Familie. Und nebenher? Oder doch hauptsächlich? Alles eine Frage des Blickwinkels: Schüller arbeitet auch als Maler und Grafiker, Rhythmusideen lauern überall: Beim Radfahren, beim Kompromisse schließen, beim Funktionieren.

Oft ist es der Reim, der behilflich ist, einzelne Zeilenideen zum Ganzen zu führen: »Gelingt es mir, dann bekomme ich schon mal Gänsehaut und flüstere ein buddhistisches ›Danke‹ in den Nachthimmel.« Eigene Gedichte streut er hin und wieder in seine Live-Auftritte. Schüller lässt das Mediterrane in seine Lebensalben einziehen. Auf dem Album »Sterne hoch« singt er im Duett mit Danny Dziuk. Da haben sich zwei gefunden. Herzerwärmend schön.

Ralph Schüller und Danny Dzuik, 27. Oktober, 19.30 Uhr, Zebrano- Theater, Sonntagsstraße 8, Friedrichshain; www.ralphschueller.de

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