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Wo Leipzig schon die Nase vorn hat

RB Leipzig trifft am Mittwoch im Pokal und am Samstag in der Liga auf das aktuelle Maß der Dinge: Bayern München

  • Von Frank Hellmann
  • Lesedauer: 4 Min.

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Schnelllebigkeit gehört zum Profifußball. Ein Spruch, gestern über die Lippen gegangen, ist heute schon veraltet. Bei RB Leipzig haben sie nur geschmunzelt, als Uli Hoeneß in der vergangenen Saison meinte, er müsse mal erklären, warum der Aufsteiger zeitweise vor dem FC Bayern gestanden habe. Die Himmelsstürmer mit dem Bullenlogo auf der Brust würden nämlich »auf der Couch die Beine hochlegen«, so der Münchner Meinungsmacher, während sich seine Vielspieler für den deutschen Fußball auf internationaler Bühne abrackern würden. Wiederholt hat das Oberhaupt die These nie mehr. Sie wäre inzwischen auch grundfalsch.

Beide Teams haben derzeit dieselbe Zahl von Pflichtspielen absolviert, den Supercup nicht eingerechnet: neun in der Bundesliga, drei in der Champions League, eine im DFB-Pokal. Nun treffen der sächsische Emporkömmling und der bayrische Branchenprimus binnen vier Tagen zweimal aufeinander: erst am Mittwoch (20.45 Uhr/ARD) in Leipzig im DFB-Pokal und dann Samstag (18.30 Uhr) in der Bundesliga in München.

Dem Herausforderer eröffnen sich mehr Chancen als dem Platzhirsch, der sich am letzten Spieltag der Saison 2016/2017 über einen 5:4-Last-Minute-Sieg am Sportforum verräterisch ausgelassen gefreut hatte. Im Mai ging es darum, die bestehenden Machtverhältnisse zu untermauern. Im Oktober gilt es bereits, das taktische Überholmanöver abzuwehren.

Die Indizien sind erdrückend, dass das strategisch und marketingtechnisch höchst professionell errichtete Red-Bull-Gebilde zumindest in Teilbereichen besser arbeitet als das Bayern-Konstrukt. Etwa beim Scouting, der Nachwuchsförderung und Kaderplanung. Angesehene Bundesliga-Manager bejahen einen Leipziger Vorsprung auf diesen Gebieten uneingeschränkt - aber ungern öffentlich. Max Eberl, Sportchef bei Borussia Mönchengladbach mit bayrischen Wurzeln, sagte nun im Sky-Fußballtalk bei Jörg Wontorra: »Leipzig ist für den FC Bayern und Borussia Dortmund ein großer Herausforderer. Sie bekommen alle Spieler gut und frisch auf den Platz. Leipzig kann den Bayern in dieser Saison sehr gefährlich werden.« Nur das Wort Wachablösung fiel noch nicht.

Mit den Brausemillionen konnte der Vizemeister alle Leistungsträger halten und neue holen. Und dass der herausragende Naby Keita 2018 zum FC Liverpool geht, bringt 70 Millionen Euro ein. Noch bei Red Bull Salzburg soll Keita zweimal dem deutschen Rekordmeister angeboten worden sein, doch die Münchner glaubten nicht, dass ein herausragender Dampfmacher aus der österreichischen Bundesliga ihnen weiterhilft. Eine fatale Fehleinschätzung.

Auch ein anderes Beispiel demonstriert Münchner Schlafmützigkeit: Während sich im Sommer Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge ausführlich über den von Paris St. Germain ausgelösten Transferwahnsinn beklagte, hatte Leipzigs Sportchef Ralf Rangnick längst dessen überzähliges Sturmtalent Jean-Kevin Augustin gelockt. Für vergleichsweise günstige 13 Millionen Euro. Einen ähnlichen Preis kostete der portugiesische Trickser Bruma. Beide zählen in der Liga zu den interessantesten Unterhaltungskünstlern, die auch den Bayern Knoten in die behäbigen Beine spielen könnten. Nicht umsonst hat Rückkehrer Jupp Heynckes viel Lob für die Leipziger übrig, deren Arbeit »kompetent und innovativ« sei. »Da steckt eine klare Strategie dahinter.«

Erstaunlich, wie sich die Neuzugänge dort passgenau in die Philosophie fügen. 23,3 Jahre betrug jüngst das Durchschnittsalter der Startelf gegen Stuttgart - die der Münchner war in Hamburg fast vier Jahre älter. Nicht nur beim FCB-Starensemble, sondern auch bei der RB-Rasselbande wird nach Kräften rotiert. Timo Werner, Naby Keita und Emil Forsberg wurden beim Arbeitssieg am Samstag ausgewechselt, fünf weitere Stammspieler pausierten. Rangnick hat dem Aufgebot mehr Breite und Tiefe gegeben - das war der erste Plan für diese Spielzeit.

Rangnick hält die Fäden fester in der Hand als je zuvor, auch wenn der Vorstandsvorsitzende Oliver Mintzlaff gerade sein Profil schärft, ohne dafür Kampfansagen aufzutischen. »Ich sage sicherlich nicht, dass wir 2025 Bayern als Nummer eins ablösen wollen. Da wäre völliger Populismus.« Und der frühere Leichtathlet würde Rangnick nie in fußballerischen Grundsatzfragen anzweifeln.

Dagegen schien zuletzt an der Säbener Straße nicht ganz klar, ob Vorstandschef Rummenigge oder Aufsichtsrat Hoeneß die Richtung vorgeben. Die Ebene unter den Alphatieren wurde neu besetzt. Michael Reschke, der Technische Direktor, ging zum VfB Stuttgart. Als Sportdirektor erschien überraschend Hasan Salihamidzic, der als Berufsanfänger bekannte, den international gejagten Monegassen Thomas Lemar gar nicht zu kennen. Ist »Brazzo« derjenige, der in einem sich rasant verändernden Markt eine innovative Transferpolitik einleitet? Zweifel sind erlaubt.

In Leipzig, wo die Entscheidungswege kürzer sind, wird diese offenkundige Schwäche nicht thematisiert. Im Gegenteil. Mintzlaff bleibt dabei: Die Benchmark sei Bayern. Mit einem Vielfachen an Umsatz und Mitarbeitern, mit globaler Strahlkraft und großer Geschichte. »Der FC Bayern ist eine Klasse für sich, mit einem Topkader mit zahlreichen Weltklassespielern.« Mag alles noch stimmen. Aber unschlagbar ist der Gegner nicht mehr. Erst recht nicht heute für RB Leipzig.

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