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Letzte Zeugen kommen zu Wort

Jüdisches Museum begann neue Gesprächsreihe mit Schoah-Überlebenden

  • Von Jérôme Lombard
  • Lesedauer: 3 Min.

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»Die Situation in dem Zugwaggon werde ich niemals vergessen«, sagt Henry Wuga. »Kinder mit fünf, sechs, sieben Jahren, die noch niemals von ihren Eltern getrennt waren, saßen dicht gedrängt beieinander. Viele weinten bitterlich. Es war schrecklich.«

Henry Wuga wurde mit einem Kindertransport aus Berlin über die Niederlande nach Großbritannien geschickt. Dank der von der britischen Regierung initiierten Rettungsaktion entkam er zusammen mit 10 000 anderen, zumeist jüdischen Kindern der nationalsozialistischen Todesmaschinerie. Als er im Mai 1939 in der englischen Hafenstadt Harwich ankam, war er fünfzehn Jahre alt.

Zusammen mit seiner Frau Ingrid und seinen beiden Töchtern war der 93-jährige Henry Wuga am Montag eigens aus Glasgow in die W.-Michael-Blumenthal-Akademie des Jüdischen Museums gekommen, um über seine Erfahrungen von Migration und Exil zu berichten. Das Gespräch mit dem Zeitzeugen aus Schottland war der Auftakt einer neuen Reihe unter dem Titel »Zeitzeugen im Gespräch. Erfahrungen und Schicksale deutscher Juden im Nationalsozialismus«.

Damit soll die vom Jüdischen Museum seit vielen Jahren erfolgreich umgesetzte Zusammenarbeit mit Schulklassen und Zeitzeugen einem breiteren Publikum zugänglich gemacht werden. Das Besondere an dem Format: Alle sechs Zeitzeugen, die im Rahmen der Reihe sprechen werden, sind Stifter des Museums. Das heißt, dass sie einen großen Teil ihrer persönlichen Erinnerungsstücke dem Jüdischen Museum vermacht haben. Unter ihnen ist auch die Berliner Schoah-Überlebende Margot Friedländer.

»Wir sind dankbar für die wertvollen persönlichen Kontakte mit unseren Stiftern. Der direkte Kontakt und lebendige Austausch mit diesen Schoah-Überlebenden ist vor allem für die jüngere Generation von großer Bedeutung«, sagte Peter Schäfer, Direktor des Jüdischen Museums.

Das öffentliche Interesse war zum Auftakt der Gesprächsreihe groß. Henry Wuga sagte, dass es ihm nicht leicht falle, über die Vergangenheit zu sprechen. »Die Geschichte darf niemals in Vergessenheit geraten. Ich spreche über mein Leben, damit so etwas nie wieder passiert«, sagte der Zeitzeuge. In seiner Heimat in Glasgow geht er regelmäßig in Schulklassen. Seit 2009 kommt Wuga auch mindestens einmal im Jahr nach Berlin, um vor Kindern und Jugendlichen zu sprechen.

Henry wurde 1924 als Heinz Martin Wuga in Nürnberg geboren. Seine Mutter war jüdisch, sein Vater stammte aus einer katholischen Familie. Erzogen wurde er streng jüdisch, wie er erzählte. Seine Eltern ahnten früh, welches Unheil der Nationalsozialismus über Deutschland bringen würde. Das Bemühen um ein Familienvisum für die USA blieb jedoch erfolglos. Als Wuga 14 Jahre alt war, nahm seine Mutter ihn aus der Schule und schickte ihn als Kochlehrling in das koschere Hotel »Tannhäuser« nach Baden-Baden.

An die damaligen Worte seiner Mutter kann er sich bis heute erinnern: »Du wirst auswandern und musst dir in der Fremde dein Leben verdienen.« Und da die Leute überall auf der Welt gerne essen würden, sei Koch doch ein idealer Beruf.

Nach der Reichspogromnacht vom 9. November 1938 musste Wuga seine Ausbildung abbrechen. Da seine Mutter eine Cousine in Glasgow hatte, konnte sie für ihn einen Platz auf dem Kindertransport organisieren. In Schottland konnte er seine Kochausbildung fortführen. 1947 holte er seine Mutter, die im Versteck überlebt hatte, zu sich. Wuga blieb in Glasgow und eröffnete nach einer Karriere als Chef de Cuisine im Grand Hotel seinen eigenen koscheren Catering-Service. Für sein Engagement für verwundete britische Soldaten wurde er von Königin Elizabeth II. mit dem Verdienstorden ausgezeichnet. »Für einen Flüchtling wie mich war das eine riesengroße Ehre«, sagt er.

Vorbild für die aktuelle Gesprächsreihe sind die monatlich vom Museum organisierten Workshops. Seit 2004 haben rund 100 Zeitzeugen ihre Erfahrungen an mehr als 800 Schüler und Lehrer weitergegeben.

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