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Halbe Sache mit ganzem Herzen

Engelbert Humperdincks »Hänsel und Gretel« an der Oper Stuttgart

Die Forderung »FreeKirill« steht über dem Eingang der Stuttgarter Oper. Und das ist kein Gag, der neugierig machen soll. Sondern ganz und gar ernst gemeint. Ebenso wie die T-Shirts, die mit dem Konterfei von Kirill Serebrennikow bedruckt und für 5 Euro zu haben sind. Was eigentlich als Fortsetzung des Erfolgs seiner Stuttgarter »Salome« geplant war, ist zu einem Hänsel-und-Gretel-Politikum geworden. Mit der Humperdinck-Oper hat das aber nichts zu tun.

Am 23. August wurde der Russe in Moskau unter Hausarrest gestellt. Samt Fußfessel und Kommunikationsverbot. Über die Vorwürfe der Veruntreuung von staatlichen Fördergeldern für eine Opernproduktion, die angeblich nicht stattgefunden hat, die aber inzwischen reichlich von Zuschauern und Rezensenten bezeugt wurde, ist hinreichend berichtet worden. Die Hoffnung, dass der Hausarrest rechtzeitig aufgehoben oder wenigstens nicht verlängert werden würde, hat sich nicht erfüllt. Ein paar Tage vor dem Premierentermin in Deutschland wurde der um weitere drei Monate sogar verlängert.

Offensichtlich trifft in Moskau eine Art Politik auf Kunst, die mit deren Freiheit, ihrer Experimentierfreude und mit dem Erbe der Narren-Frechheit-vor-Königsthronen ein Problem hat. Mit diversen Inszenierungen von Serebrennikow in Moskau etwa, von denen man in einer Ausstellung im Foyer einen optischen Eindruck gewinnt. Wobei auch das, was da beim »Goldenen Hahn« als bissige Parodie auf den Kreml über die Bühne gegangen zu sein scheint, hierzulande niemanden aus der Fassung bringen würde.

Aber in Russland ist ein Obskurantismus am Werk, der beängstigt. Da darf beispielsweise kein National-komponist (wie Tschaikowski) oder kein Startänzer (wie Rudolf Nurejew in der Choreografie von Kirill Serebrennikov!) schwul gewesen sein, weil das gegen ein absurdes einschlägiges Gesetz verstößt. Auch der gerade dekretierte Heiligenschein des letzten Zaren soll nicht durch einen Film infrage gestellt werden, der davon handelt, dass der auch nur ein Mensch war und eine Geliebte hatte.

Gegen all diesen Spuk der Geister der Vergangenheit mitten in der russischen Wirklichkeit ist jedes Hexenhaus läppisch. Man glaubt dem Intendanten Jossi Wieler und seiner Truppe aufs Wort, dass sie alle Hebel in Bewegung gesetzt haben, um Serebrennikow aus seinem Käfig zu holen. Der opernaffine baden-württembergische Landesvater Winfried Kretschmann sagt, dass selbst die Kanzlerin beteiligt war. Genützt hat es nichts. Vielleicht hätten sie ja deren Vorgänger einspannen sollen, der hat ja eh dauernd in Moskau zu tun.

Also wurde die Ausstattung eingelagert und verabredet, das Opernmärchen fertig zu inszenieren, wenn der Regisseur wieder frei ist. Gezeigt wurde jetzt der Film, den Serebrennikow im April in Ruanda und in Stuttgart gedreht hat. Dazu gab es die Musik mit dem Orchester auf der Bühne und die quasi die Situation des Zwischenstandes resümierenden Sänger. »Ein Märchen von Hoffnung und Not erzählt von Kirill Serebrennikow« steht oben drüber und auch »Musiktheater gestaltet vom Ensemble der Oper Stuttgart«. Genau das ist es auch, was als Zusammenspiel von Film und Musik zu sehen ist.

Die Kamera begleitet zwei Kinder in Afrika, die - passend zur Musik - das Grimm’sche Märchen zur Geschichte ihres Alltags machen. Es ist anrührend, mit welcher natürlichen Unbefangenheit sich David Niyomugabo und Ariane Gatesi vor der Kamera bewegen. Der Moment, wenn beide im Film in der Loge des Theaters auftauchen und genau das Gleiche wie wir auf der Bühne sehen, lässt einen nicht kalt. Nur warum die Beiden plötzlich auf dem Stuttgarter Flughafen mitten in unserer Alltagswelt landen und dort über alles staunen, was sie sehen, das ist dann doch ein sehr bemühter Kommentar zur Lage. Von dem, was die Erste und die Dritte Welt gegenwärtig miteinander verbindet, vor allem aber trennt, zeigt das nur eine Seite.

Gleichwohl. Auch die Protagonisten auf der Bühne sind von Diana Haller und Esther Dierkes und Georg Fritzsch in den Titelpartien bis zum Staatsorchester Stuttgart allesamt mit dem ganzen Herzen bei der halben Sache. »To be continued« ist auf dem Filmabspann zu lesen. Oper vor allem als Statement und als Teil eines politischen Diskurses. Wenn es hilft, dann auch das!

Nächste Vorstellungen: 26. Oktober, 4. November.

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