Was benebelt ihnen die Sinne?

Bis zur totalen Macht: Am Schauspiel Frankfurt am Main adaptiert Jan Bosse den Shakespeare-Klassiker »Richard III.«

  • Von Christian Baron
  • Lesedauer: 4 Min.

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Wäre da nicht in der Mitte des Bühnenraums dieses überdimensionierte Katzenklo, man könnte sich in einer Boxsporthalle wähnen. Zwei Zuschauertribünen stehen einander gegenüber, an den Außenseiten ragen ebenfalls bestuhlte Podeste empor. Alles ist ausgerichtet auf diesen einen Punkt, der einen flachen Kasten beherbergt. Dessen sich zum Haufen türmender Inhalt sieht aus wie besonders saugfähiges Streu. Als nach wenigen Minuten ein buckeliger Mann im viel zu großen und zu allem Überfluss auch noch mausgrauen Anzug unbeholfen anläuft und kopfüber in das Zeug hineinspringt, da zeigt sich, dass es sich wohl eher um fein zerriebenen Schotter handelt.

Dieser inkarnierte Kleinbürgerwitz ist nicht etwa ein Finanzbeamter. Er ist auch kein Gymnasiallehrer und erst recht kein CDU-Politiker. Nein, diese mit den tiefen Augenringen und der fahlen Haut bemitleidenswert aussehende Gestalt ist eine jener Shakespeare-Figuren, die so paradigmatisch geraten sind, dass sie uns auch heute noch so zeitgenössisch erscheinen: Richard III.. Regisseur Jan Bosse hat dieses Stück für das Schauspiel Frankfurt am Main ausgegraben. Wolfram Koch intrigiert und marodiert sich in der Titelrolle auf den Königsthron. Und, so viel sei schon jetzt verraten, er tut das so virtuos, dass seinen Mitspielenden nichts anderes bleibt, als sich mit dem Status als liebedienerisch ihren Text herunterbetende Statisten zu begnügen.

Warum dieses Stück dieser Tage wieder so häufig auf den Spielplänen der Theater auftaucht, das erklärt sich leicht: Landauf, landab betrachten sich die Schauspielhäuser als Bastionen der Meinungs- und Kunstfreiheit. Viele verteidigen in die Defensive geratene Werte, indem sie die Gegenseite in aktualisierten Versionen von Klassikern der Lächerlichkeit preisgeben. »Richard III.« eignet sich dafür hervorragend. Richard von Gloucester leidet darin unter Minderwertigkeitskomplexen. Er ist ein hässlicher, reicher, frauenverachtender Weißer und räumt bis zum Kleinkind kaltblütig jeden beiseite, der ihn auf dem Weg nach oben bewusst oder unbewusst blockieren könnte.

Parallelen zu Donald Trump und den anderen rechten Spießgesellen an den Machthebeln drängen sich da natürlich auf, und es ist jedem Theater auf Knien zu danken, das der Versuchung widersteht, dieses mehr als 400 Jahre alte Werk mit einer Botschaft neu aufzulegen, die das größte Problem dieser Welt in ein paar chauvinistischen Arschlöchern erblickt, deren Beseitigung diese Erde schlagartig in ein Schlaraffenland verwandeln würde.

Wie hat es Jan Bosse gemacht? Die ersten Minuten lassen Schlimmstes befürchten. Nachdem Richard seinen Kopf aus dem Kies gezogen hat, lässt er den Rüpel heraushängen und gibt punktgenau das Unschuldslamm, nachdem er Lady Anne (Katharina Bach) erst zur Witwe und ihr anschließend erfolglos den Hof gemacht hat. Er lässt seinen riesenhaften Schatten an die Wand projizieren und hält sich buchstäblich für den Größten. Kalkulierter Realitätsverlust à la Trump.

Diesem begnadeten Wolfram Koch ist es aber zu verdanken, dass Richard hier nicht wie der eindimensionale Mensch daherkommt. Vielmehr kann die zerrissene Seele gar nicht anders, als die eigene Widerwärtigkeit bis zur totalen Macht auszustellen. Die groteske Heiterkeit, diese enthusiastische Kraft, dieser unbedingte Wille zur Macht karikieren nicht nur den männlichen Herrscher an sich, sondern fragen auch nach der Verantwortung derer, die ihn sehenden Auges gewähren lassen: Was benebelt ihnen die Sinne? Oder sehen sie gerne weg, derweil sich ein Tyrann im Gewand des Arglosen einrichtet?

Nicht einmal Mechthild Großmann, die flüsternde Zuschauer trotz ihres Kostüms aufgrund der tiefen Stimme schnell als Polizeichefin aus dem Münsteraner Tatort erkennen, nicht einmal diese markante Frau also stellt sich in der Rolle der Königin Margaret dem irren Sohn entgegen. Vor ihr scheint dieser Richard noch gehörigen Respekt zu haben, denn die Tötungshemmung wirkt nur in ihrem Fall. Trotzdem kommt sie nicht über Beschimpfungsorgien gegen den ungeliebten Spross hinaus, sie sieht dessen Schicksal vorher und lässt es dennoch geschehen.

Wolfram Koch schenkt Richard in diesem beinahe vier Stunden währenden Großereignis von einem Theaterabend eine in dieser Figur lange nicht gesehene menschliche Tiefe. Wenn ihm nach einem weiteren Mord die in alle Richtungen wirbelnden Strähnen im Gesicht kleben, dann streicht er sie mit dem schwarzen Handschuh an seiner rechten Hand so sanft aus dem Blickfeld, dass nichts anderes mehr als fehlender Sanftmut im eigenen Leben ihn zu diesem übergeschnappten Idioten deformiert haben kann.

In den wegen ihrer schmerzenden Körperlichkeit so furiosen Rededuellen mit Lady Anne oder Königin Margaret wirkt jede Spuckfontäne aus dem Mund dieses Unholds wie ein verzweifelter Versuch, letzte Reste von Mitgefühl und Reue auf ewig aus sich herauszukatapultieren. Seine Arena ist und bleibt der Kieshaufenkasten. In dem waltet er, wie es ihm gefällt. Darin besteht der große Vorteil dieses Bühnenbildes von Stéphane Laimé, denn Richard kann die Leichen jedes Mal sofort im steinigen Erdboden versinken lassen und sich sodann triumphierend auf dem entstandenen Hügel in seiner imaginierten Herrlichkeit sonnen. Helge Schneider würde wahrscheinlich singen: »Katzeklo macht den richtigen König froh.«

Nächste Vorstellungen: 28. Oktober, 3. und 5. November

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