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Geheimnis eines Verschwindens

Andrew Wilson beschert und mit »Agathas Alibi« ein fulminantes Lesevergnügen

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 3 Min.

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Manche werden es für eine Erfindung des Autors halten, aber dieses Rätsel gibt es wirklich in Agatha Christies Biografie: Am Abend des 3. Dezember 1926 hat die damals schon berühmte Kriminalautorin ihr Haus verlassen, nachdem sie am Morgen mit ihrem Ehemann Archibald Christie in einen Streit über seine Affäre mit Nancy Neele geraten war. (Auch sie gab es wirklich, und Archie sollte sie zwei Jahre später heiraten.) Die Polizei wurde eingeschaltet, als Agathas Wagen am nächsten Morgen an einem See gefunden wurde. Hatte sie Selbstmord begangen? War sie ermordet worden? Und wenn, wie war sie geflüchtet?

Es folgte eine spektakuläre Suchaktion, über die sogar die »New York Times« berichtete. Auch Arthur Conan Doyle soll sich eingeschaltet haben. Dass Agatha Christie zehn Tage später in einem Hotel in Harrogate gefunden wurde, wo sie unter dem Namen Mrs. Neele abgestiegen war, ist ebenfalls eine Tatsache. Sie selbst hat ihr Verschwinden mit einem totalen Gedächtnisverlust erklärt.

Man kann das glauben oder nicht. Insofern ist Andrew Wilson nicht einmal der Erste, der sich von diesem Rätsel inspirieren ließ. 1978 hat es einen Roman zum Thema und 1979 sogar einen Film »Das Geheimnis der Agatha Christie« gegeben. Insofern bewegte sich Wilson auf bereits erschlossenem Terrain. Wobei er sich stärker als andere von den Werken der »Queen of Crime« inspirieren ließ, für die er nach eigenem Bekunden schon seit seinem elften Lebensjahr schwärmte. Eine landläufig plausible Version wäre ja gewesen, dass die Frau ihrem Mann Angst einjagen wollte, um ihn zurückzugewinnen. Vielleicht hat sie auch tatsächlich an Selbstmord gedacht, zumal kurz vorher ihre Mutter gestorben war, was ihre düstere Stimmung noch vertiefte. Stoff für einen psychologischen Roman - aber was Wilson hier vorlegt, ist ein fulminanter Krimi.

Angeregt, wie gesagt, von der Meisterin, deren 1926 veröffentlichter Roman »Alibi« ja sogar im Titel steckt. Auch Agathas Erpresser, so viel sei verraten, hat ihn gelesen und in dem Ich-Erzähler, Dr. Sheppard, sozusagen einen Bruder im Geiste gefunden. Zwar bleibt Andrew Wilson auf wohltuende Weise in der Atmosphäre der Zeit, aber er hat keinen klassischen Krimi nach dem Muster »Whodunit« verfasst. Von Anfang an weiß man um die Klemme, in die Agatha Christie geraten ist. Wie sie sich da herauswinden kann, ist die Frage.

Man kann sich bequem im Lesesessel zurücklehnen und die Spannung aus mehreren geschickt verflochtenen Handlungssträngen genießen, denn dass es ihr gelingen wird, daran besteht kein Zweifel. Als Ich-Erzählerin berichtet sie über den Lauf der Ereignisse. Beinahe wäre sie ja zur Mörderin geworden oder man hätte sie selbst nur tot aufgefunden. Zwei Frauen sterben, aber nicht von ihrer Hand. Und es gibt hier ebenso das Geflecht von persönlichen Beweggründen und Zufällen, mit denen Agatha Christie in ihren eigenen Romanen so lustvoll zu spielen verstand. Interessant besonders der durchaus sympathische Mr. Davison, der in Whitehall offenbar über beträchtliche Kompetenzen verfügt und sich die ganze Zeit schon wünschte, dass Agatha Christie ihr Talent dort einbringen würde. Ob Andrew Wilson sie uns bald gar als MI6-Agentin präsentiert?

Auf den letzten Seiten macht Davison ihr das Angebot einer Reise zu den Kanarischen Inseln, natürlich in Zusammenhang mit einer »heiklen Angelegenheit«. Agatha Christie ist am 27. Januar 1927 tatsächlich auf ein Schiff in Richtung Las Palmas gestiegen, aber ihren neuen Ehemann, den 14 Jahre jüngeren Archäologen Max Mallowan, hat sie in Irak kennengelernt.

Andrew Wilson: Agathas Alibi. Roman. Aus dem Amerikanischen von Michael Mundhenk. Pendo. 380 S., geb., 20 €.

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