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Macht über das Licht

Graham Moore: In »Die letzten Tage der Nacht« dreht sich alles um die Glühbirne

  • Von Lilian-Astrid Geese
  • Lesedauer: 4 Min.

Film oder Roman? Dieses spannende Buch ist beides. In »Die letzten Tage der Nacht« beweist Graham Moore ein weiteres Mal, dass die Filmbiographie sein Genre ist. Wir erinnern uns gern an sein Oscar-prämiertes Drehbuch für »The Imitation Game - Ein streng geheimes Leben« über den britischen Mathematiker, Kryptoanalytiker und Informatiker Alan Turing, dessen facettenreiche Lebensgeschichte Moore sehr frei und gekonnt nacherzählte. Nun taucht der US-amerikanische Autor erneut in die Welt der Naturwissenschaften ein.

In seinem jüngsten Werk begegnen uns der geniale, aber eitle Erfinder Thomas Edison, dessen ewiger Gegenspieler, der smarte Geschäftsmann und kreative Techniker George Westinghouse und der nicht weniger visionäre Eigenbrötler Nikola Tesla - Männer, ohne die sich die Welt heute langsamer drehen würde. Ihr Streit - es geht vor allem um das 1879 erteilte US-Patent für die Glühbirne und die zum Ende des 19. Jahrhunderts noch offene Frage: Gleichstrom (Edison) oder Wechselstrom (Westinghouse)? - ist der Hintergrund, vor dem Intrigen gesponnen, Wertedebatten geführt und philosophische Fragen erörtert werden.

In diesen Kampf der Giganten gerät der junge Provinzanwalt Paul Cravath; auch er wird von Moore auf der Grundlage einer echten Figur im realen Gerichtsfall Edison versus Westinghouse konstruiert. Überraschend für ihn und seine Mitabsolventen der juristischen Fakultät der Columbia Law School erhält er das Mandat des Industriemagnaten Westinghouse, das vielleicht größte Genie seiner Zeit - Edison war Inhaber von 1093 Patenten allein in den USA, wozu nicht zuletzt sein innovatives Modell technologischer Entwicklung in Teamarbeit beigetragen hatte - mit zahllosen Klagen zu überziehen. Am Ende werden es 312 Prozesse und ein Streitwert von einer Milliarde US-Dollar sein. In einer sich rapide modernisierenden, von ambitionierten, skrupellosen und egomanen Geistesgrößen beherrschten Welt versucht Cravath, die Wahrheit zu verteidigen, soweit sich diese überhaupt aufdecken lässt. Nebenbei betreut er seine einzige andere Klientin: Die junge, geheimnisvolle Sängerin Agnes Huntington wird nach einer Tournee durch die amerikanische Provinz von einem zwielichtigen Impresario erpresst. Wie Westinghouse entscheidet auch sie sich für den unerfahrenen Rechtsneuling Cravath, gerade weil er frisch, unverbraucht und auch ziemlich naiv ist. Außer Agnes - und ihrer Mutter Fannie sowie der Gattin von Mr. Westinghouse, die aber beide Nebenfiguren bleiben - gibt es hier keine Frauen. Die obligatorische Liebesgeschichte - das Buch soll von Morton Tyldum verfilmt werden, und Kino ohne Romanze funktioniert nicht - spielt sich also zwischen dem aufrechten Paul und der smarten Agnes ab. Im Roman treibt dieser historisch belegte Schlenker die Handlung nicht wirklich voran, aber er stört auch nicht weiter.

Deutlich störender ist die lieblos wirkende Übersetzung. Die unverkennbaren Schwächen hölzerner und scheinbar nicht lektorierter Übertragungen fremdsprachiger Bestseller lassen die Leserin lieber zum Original greifen. Schade für die, die nicht über die entsprechenden Sprachkenntnisse verfügen. Und schade für die deutschen Verlage.

Davon abgesehen ist Graham Moores aktuelles Buch ein echter Thriller und das mit Abstand fesselndste Stück (fiktionalisierte) Wissenschaftsgeschichte, das ich seit Langem gelesen habe. Die Lektüre lässt sich überdies genüsslich hinausziehen: Man wird immer wieder dazu verführt, dies und jenes via Google oder Wikipedia nachzuschlagen. Das ist übrigens ein großer Vorteil der vom Feuilleton immer noch kritisch beäugten E-Books, bei denen kostenloses Mehrwissen ja immer nur einen Maus- oder Pad-Klick entfernt ist.

»Die letzten Tage der Nacht« sind eine dynamische Chronik des amerikanischen Weges in eine fortschrittliche, technikbasierte Moderne und eine Reflexion über die Frage, wie viel Verantwortung kluge Köpfe für den profunden Gesellschaftswandel tragen, den ihre Erfindungen bewirken.

»Wer die Elektrizität beherrscht, herrscht schließlich über die Sonne am Himmel«, sagt Thomas Edison, als er Paul Cravath seine Arbeit demonstriert. Dass diese Herrschaft nicht nur zur Mehrung des eigenen Wohlstands oder Renommees ausgeübt werden darf - darum geht es in diesem schönen Roman.

Graham Moore: Die letzten Tage der Nacht. Roman. Aus dem Amerikanischen von Kirsten Riesselmann. Eichborn, 463 S., geb., 22 €.

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