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»Künstler machen keine Revolution«

Die Regisseurin Katrin Rothe spricht über ihren Film »1917 - Der wahre Oktober«, Mythen und die Rolle der Kunst

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Merkel tritt ihre vierte Amtszeit an. In Deutschland scheinen die Zeiten so unbewegt und nicht revolutionär wie nie. Wie kommen Sie 2017 dazu, einen Film über 1917 zu machen?

Ich bin in der DDR groß geworden. Als die Mauer fiel, war ich 18 - ein bedeutsames Alter. In der Zeit ist viel passiert und ich habe, vielleicht wie im Jahr 1917, erlebt, wie ein Umbruch stattfand. Wir haben gegen das verkrustete System in der DDR demonstriert, aber was dabei herausgekommen ist, ist nicht das, was wir und ich als Oppositionelle wollten. Da gab es eine Übernahme. 1917 ist auch so ein Beispiel dafür, wo etwas anderes dabei herausgekommen ist - eben auch wie beim Umbruch 1989/1990.

Ihr Film heißt »1917 - Der wahre Oktober«. Ist da ein Augenzwinkern dabei?

Im DDR-Schulunterricht haben wir viele Mythen über die angebliche »große sozialistische Oktoberrevolution« erzählt bekommen und mussten sie teilweise auswendig lernen. Im Westen und heute zum Jubiläum wird auch ganz viel Unsinn verbreitet. Die Geschichte ist genug ideologisiert worden von allen Seiten, und es sind viele Unwahrheiten verbreitet worden.

Von welchen Unwahrheiten sprechen Sie genau? Geht es Ihnen auch darum, Unwahrheiten über die Russische Revolution zu zerstreuen?

Es sind die vielen Kleinigkeiten, ein Zusammenspiel ganz vieler Faktoren. Es waren nicht nur ein Lenin, ein Trotzki oder auf der anderen Seite ein Kerenski. Es war eine Bewegung von einer Masse, die von sich heraus gekommen ist. Es waren auch nicht alles Bolschewiki, die da die Macht ergriffen haben, sondern auch andere Strömungen. Das wird gewöhnlich nicht gesehen.

Sie haben viel recherchiert und Originalquellen gelesen in Vorbereitung auf den Film. Wie hat das ihren Blick auf die Russische Revolution verändert?

Es gibt viele verschiedene Blickwinkel auf die Revolution. Etwa Sinaida Hippius, die Grande Dame der Petersburger Künstlersalons, war zwar für die Februarrevolution, aber gegen die Oktoberrevolution. Trotzdem zeigt ihre Chronik, wie der Oktoberumsturz immer näher rückt und an Zuspruch gewinnt. Was links, was rechts ist, ändert sich schnell. Der Maler und Kunstkritiker Alexander Benois wendet sich im Sommer 1917 gegen den Krieg und nähert sich der Position der Bolschewiki an. Maxim Gorki hingegen - und das hat mich überrascht - ist auf einmal, obwohl er sich eigentlich als Marxist begriff, für den Krieg. Man erwartet gradlinige Heldenerzählungen, aber die Wirklichkeit sieht anders aus. Ich lasse Künstler sprechen, statt einen Dokumentarfilm zu machen, wo der Sprecher im Guido-Knopp-Stil die »Wahrheit« verkündet.

Im Film verwenden Sie eine spezielle Technik des Legetrickfilms, die sie »2,5-D« nennen. Die Zeichentrickfiguren aus Papier, Pappe und Stoffen sind liebevoll gestaltet, wirken aber auch etwas, nun ja, verstaubt - wollen Sie mit der Technik die zeitliche Distanz zur Russischen Revolution zum Ausdruck bringen?

Es ist eine Technik, die ich schon lange entwickle. Beim Lesen hat man die Schriftstücke aus Papier vor sich, und die Idee ist, dass die Figuren, wie aus den Büchern, aus dem Papier herauskommen. Die zündende Idee für den Film geht auf die Materialkunst, die Collagen zurück, die in der Zeit des Dadaismus entstanden sind. Diese Ästhetik in der Zeit kurz vor und nach der Russischen Revolution hat mich inspiriert.

Kann die Perspektive der Künstler die Russische Revolution neu erklären?

Der Film will einerseits wissenschaftlich wahr sein, andererseits auch eine Geschichte erzählen, die man einfach versteht. Er ist vollgepackt mit sehr, sehr vielen Dingen, weil ich alle Seiten zeigen will. Hin und wieder musste ich aber auch die große Geschichte erzählen, den Rahmen. Das ist nicht nur aus der Kunst heraus zu verstehen.

Spielt die Kunst für die Revolution dann überhaupt eine Rolle?

Die Künstler machen keine Revolution. Sie sind keine Politiker und haben keine Waffen. Aber sie können eine Stimmung erzeugen.

Der Film wird am 26. Oktober, 19 Uhr, von Katrin Rothe in der Urania, An der Urania 17, vorgestellt.

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