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Kurze Vollzeit für alle, die wollen

IG-Metall-Bezirksleiter Olivier Höbel über berechtigte Ansprüche und die Chance auf die 35-Stunden-Woche im Osten

  • Von Ines Wallrodt
  • Lesedauer: 5 Min.

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Die Forderungen der IG Metall für die anstehende Tarifrunde stehen fest. Die Arbeitgeber geben sich entsetzt: Bis zu 50 Tage Urlaub fordere die Gewerkschaft. Das wäre ja mal was.

Von mehr Urlaub ist nirgendwo die Rede. Wir fordern eine mögliche Arbeitszeitverkürzung für besonders belastete Arbeiten, insbesondere Schichtarbeit, und in besonderen Lebenslagen, wenn zum Beispiel die Pflege der Eltern organisiert werden muss. Diese »kurze Vollzeit«, wie wir das nennen, soll auch finanziell vom Arbeitgeber abgefedert werden. Was stimmt, ist, dass Arbeitnehmer, die zum Teil nur zwei Wochenenden im Monat frei haben oder sechs Tage hintereinander arbeiten, mehr Ausgleichstage zum Erholen bekommen sollen. Darüber hinaus sagen wir: Teilzeit soll nicht zur Teilzeitfalle werden. Deshalb soll eine individuelle Verkürzung auf 28 Stunden ohne Entgeltausgleich eine neue moderne Wahlmöglichkeit eröffnen.

Verknüpft mit den geforderten sechs Prozent mehr Lohn bringt die Arbeitgeberseite Ihre Forderungen auf die Formel: mehr Geld für weniger Arbeit. Das trifft es doch eigentlich.

Mehr Geld für hohe Flexibilität und sehr gute Arbeit - das passt besser. Unsere Forderungen sind alle gut begründet. Die Umsatzzahlen sind bestens, und auch der wirtschaftliche Ausblick ist gut. Da ist es doch nur angemessen, dass die Arbeitnehmer, die diese Ergebnisse erwirtschaften, davon etwas abbekommen.

Sind sechs Prozent für die durch die Dieselkrise gebeutelte Autoindustrie wirklich verkraftbar?

Der Automobilindustrie geht es trotz Dieselkrise nicht schlecht. Die Absatzzahlen sind stabil. Die Gewinne sprudeln. Zudem ist die Metall- und Elektroindustrie weit mehr als nur die Automobilindustrie.

Die Arbeitgeber erklären, dass für die meisten Arbeitszeitwünsche der Beschäftigten schon heute eine passende Lösung gefunden würde.

Das wissen wir anders. Im Frühjahr haben wir mit einer Beschäftigtenbefragung - 50 000 im Bezirk, 680 000 bundesweit - die Meinung der Kolleginnen und Kollegen eingeholt. Unsere Forderungen wurden in den Betrieben intensiv diskutiert und von den regionalen Tarifkommissionen beschlossen. Die Arbeitgeber scheinen nicht zu wissen, wie ihre Mitarbeiter ticken.

Arbeitszeitverkürzung verschärft den Fachkräftemangel, warnen die Arbeitgeber auch.

Das ist frech. Seit Jahren haben die Arbeitgeber selbst die Ausbildung sträflich vernachlässigt. Sie haben sich darauf ausgeruht, dass nach den massiven Umbrüchen in den 90er Jahren genug Arbeitslose auf einen Job warteten. Aber das hat sich in den letzten Jahren drastisch geändert. Der Fachkräftemangel ist selbst verschuldet.

Wie wollen Sie verhindern, dass die Absenkung der Arbeitszeit der einen nicht zu mehr Arbeit bei den verbliebenen anderen führt?

Das ist in der Tat ein wichtiger Punkt. Die Frage der Personalbemessung müssen wir tariflich angehen, aber sie muss auch vor Ort von den Betriebsräten und den Belegschaften selbstbewusst beantwortet werden. Es darf jedenfalls nicht so sein, dass diejenigen, die ihr gutes Recht in Anspruch nehmen, von den Kollegen böse angeschaut werden, weil deren Arbeit bei ihnen hängen bleibt.

Dieses Problem hätten Sie nicht, wenn Sie Arbeitszeitverkürzung für alle fordern würden.

Das stimmt nicht. Auch bei kollektiver Arbeitszeitverkürzung stellt sich die Frage des Personalausgleichs. Wenn das Arbeitsvolumen gleich bleibt und verkürzt gearbeitet wird, müssen Neueinstellungen her.

Unabhängig davon stellt sich die Frage, ob die Zeit nicht reif wäre für die 30-Stunden-Woche?

Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass die realen Arbeitszeiten höher liegen als die tariflich vereinbarten. Sie haben sich bei 39 oder 40 Stunden pro Woche eingependelt. Der verbreitete Wunsch sind aber weiterhin 35 Stunden. Deshalb gilt es, in Ost wie West die 35 als Normalarbeitszeit durchzusetzen, mit zusätzlichen individuellen Wahlmöglichkeiten nach unten. Gegen die Exzesse der Flexibilität wollen wir besser geregelte Arbeitszeiten im Sinne der Arbeitnehmer. Die Beschäftigten wollen mehr Verfügungsrechte über ihre Arbeitszeit bekommen. Nicht nur die Vorgesetzten sollen anordnen können.

Die letzte große Auseinandersetzung um die Einführung der 35-Stunden-Woche in Ostdeutschland endete mit einer Niederlage. Was hat sich seit 2003 verbessert, dass Sie die Angleichung jetzt angehen wollen?

Für die Stahlbranche wurde damals durchaus die 35-Stunden-Woche erkämpft. Aber in der Metall- und Elek-troindustrie haben wir das Ziel nicht erreicht. Inzwischen haben sich die Zeiten geändert. Es gibt nicht mehr die große Zahl an Arbeitslosen, zudem wurde damals gerade die Agenda 2010 eingeführt, was zu Verunsicherung führte. Große Automobilwerke wie in Leipzig existierten noch gar nicht. Und gerade hier ist die Meinung der Belegschaft ganz klar: Warum sollen wir auf unsere Lebenszeit gerechnet rund zwei Jahre länger arbeiten als die Kollegen im Westen? Wir sind genauso produktiv.

Dennoch ist der Organisationsgrad weiterhin schlechter als im Westen.

Seit 2003 haben wir neue Mitglieder gewonnen. Heute gibt es viele jüngere Kollegen, die den Nackenschlag der Deindustrialisierung in den 90er Jahren nicht einstecken mussten, die gut ausgebildet und selbstbewusst sind. Tarif- und Mitbestimmungsbindung sind im Osten schlechter. Ihre Herstellung darf aber nicht allein den Gewerkschaften zugeschoben werden, sondern ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Sie wollen nun eine »ernsthafte Verhandlungsverpflichtung für einen Prozess der Angleichung« erstreiten. Klingt eher vorsichtig. Warum fordern Sie nicht: Angleichung sofort?

Die 35 im Westen ist auch nicht an einem Tag erkämpft worden. Wir haben uns in dieser Tarifbewegung viel vorgenommen. Dazu gehört, dass wir einen Einstieg in Verhandlungen über die Einführung der 35 Stunden im Osten haben wollen.

Wann soll es keinen Unterschied mehr geben?

Wir können uns die Angleichung in einem Modell unterschiedlicher Geschwindigkeiten vorstellen. Je nach betrieblicher Leistungskraft gehen einige voran, andere folgen etwas später. Aber das wäre auch erst der zweite Schritt. Erst einmal müssen wir dazu kommen, dass sich die Arbeitgeber überhaupt auf solche Gespräche einlassen.

Inwiefern könnten westdeutsche Belegschaften den Osten dabei unterstützen?

Ich war sehr dankbar, dass sämtliche Tarifkommissionen in Westdeutschland die Angleichung ebenfalls in ihre Forderungen aufgenommen haben. Das ist eine solidarische Geste.

Die Angleichung wird also nicht hinten runter fallen?

Es wird keinen Abschluss geben, ohne dass wir hier eine verbindliche Vereinbarung bekommen.

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