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Hölle, Gott und Teufel

Festival »Impuls« in Halle: »Luther - Ein Oratorium« von Christoph Hein und Oscar Strasnoy

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Luther-Oratorium? Solches hatten wir doch gerade. Ralf Hoyer und Kerstin Hensel nannten das ihre frech »Wachet recht auf!!«. Ungebärdig, komisch, tief berührend, streitbar ihre Version. Sie ist in Versen angelegt, kompositorisch-technisch modern gestaltet, mit großen Solopartien vokal wie instrumental versehen, aufgeführt von erstklassigen Musikern und Sängern. Eine tolle Unternehmung. Sie kam im Dom zu Halberstadt und an anderen Orten zur Aufführung.

Nun wieder eines. Das geriet ganz anders. Auch seine Stellung im Gefüge des Reformationsjubiläums ist anders. Also der Rahmen, in dem es erschien. »Luther - Ein Oratorium« von Christoph Hein und Oscar Strasnoy kam in der Georg-Friedrich-Händel-Halle in Halle an der Saale zur Uraufführung.

Halle, nur noch geringe Zeit die Hauptstadt der Luther-Ehrung, bot noch einmal alles auf, um der ohnehin schon totgefeierten Figur Ausdruck und Sinn zu verleihen. Reden von Honoratioren leiteten die Veranstaltung ein. Kompakt über die Bühne verteilt die Staatskapelle Halle unter Dirigent Michael Wendeberg, vorn abwechselnd postiert sechs Sängerinnen und Sänger, auf der »Empore I« der Engel, rechts sitzen und stehen eher gedrängt Damen und Herren des Ernst-Senff-Chores Berlin, den Steffen Schubert einstudierte.

Ohrenfällig die Vergangenheitsbezüge der Komposition. J. S. Bach ist materieller Gewährsmann. Oscar Strasnoy, russisch-argentinischer Herkunft, Schüler von solchen Größen wie Gerard Grisey und Hans Zender, hat seiner Partitur Etliches aus Bachs Fundus einverleibt. Nicht direkt. Wörtliche Zitate kommen ganz selten. Vieles ist stilistisch, intonatorisch nachempfunden und schöpft aus Luther’schen Liedern, Chorälen, Orgelstücken und Arien. Überdies schafft Strasnoy eindrucksvolle eigenständige Stücke in Gestalt von Intermedien. An Bach sich hinauf- oder abzuarbeiten, welch Künstler, ob groß oder klein, tat das nicht.

Bach war Lutheraner bis zu den Haarwurzeln. Sein ganzes Werk ist ohne den Reformator nicht zu denken. Der Barockriese folgt dem Meister nicht nur in dessen Gottverehrung, sondern in sämtlichen Dimensionen seines Denkens und Trachtens, seiner Gebote und Verbote, ob es sich um Buße und Reue, Himmel und Hölle, Gott und Teufel handelt. Das führt so weit, dass sogar die Judenchöre »Keuziget ihn!« in der Johannespassion ganz dem Lutherischen Antijudaismus folgen.

Kein Thema für den Komponisten. Goldrichtig die kompositorische Aufrichtung von Bach-Materialien für die Zwecke seines Oratoriums. Wichtig sodann die Art, die Parts der Figuren je charakteristisch zu instrumentieren und auch stimmlich voneinander abzusetzen. Sehr deutlich bringt sich Papst Leo X. (Johannes Euler), mit Kaiser Karl V. (Ralf Lucas) hauptsächlicher Gegenspieler Luthers, um alle Eigenarten kantablen Singens. Countertenor Euler, weiß beschuht, weißhäutig, weiß im Gesicht und auf der Glatze, singt hier bis hinauf zu den grellen Werten der Extremlage. Wieder anders die Partie des Engels, dessen Stimme mal steigt, mal fällt, der von oben singt und Luther’sche Aktionen poetisiert, deutet, kommentiert.

In jeder Nuance eindringlich, was sich hier Sopranistin Josephine Renelt aus dem Munde ringt. Als »Heldentenor«, was immer das meint, komponierte Strasnoy die Rolle des Luther. So recht will das nicht heraus bei Tenor Michael Pflumm. Seine Stimme bleibt zurück hinter dem auch stimmgewaltigen Riesen an Denk- und Entscheidungskraft, dem glänzenden Redner und Manipulator, dem Mann, der nur zum Schein den Gottglauben über den Glauben an das Geld stellte, der die Fürsten liebte und die Abgabenlast der Bauern guthieß, der Thomas Müntzer den Galgen wünschte, weil der den Aufstand wider das Plündertum der Fürsten probte.

Daneben Luther und die Erfindung des Buchdrucks durch Gutenberg, Fanal der Massenkommunikation und von Luther hervorragend ausgenutzt. All dies gefasst in dem hochinstruktiven Libretto von Christoph Hein. Schade, dass er den Komplex Luther und Fugger nur anreißt. Dieter Forte wusste die ökonomischen Beziehungen, die Luther zu dem hohen Geldhause pflegte, in seinem Stück »Luther und Müntzer« (1969) sehr plastisch zu beschreiben.

Hein gliedert acht Zeitabschnitte, von Rom und Wittenberg 1517 bis zum Reichstag zu Speyer 1529. Perioden von Kämpfen wider den römischen Klerus und das Kaisertum, des Schmiedens von Bündnissen mit dem Adel, Zeiten des Verrats an den Schäfchen, die seine Thesen in der Luft zerrissen oder sich gläubig diesen anverwandelten. Ihren Ort hat auch die eigene praktische Lebenswirklichkeit. Seine Ehefrau, die Nonne Katharina von Bora (Henriette Gödde), hat ihre Rolle.

Heins Text wirkt bisweilen, als wäre er für episches Theater gemacht; für eines, das von Songs und Chören lebt und die nachhaltigsten Stellen an den Anfängen und Enden von Szenen hat. Der Nachteil für Strasnoy: Über weite Strecken muss er sich mit allzu einfachen Begleitmodellen begnügen. Musik als Tragegerüst des Textes. In langen Teilen regiert der Viervierteltakt, nicht selten ausgeführt durch Streicher im Pizzikato. Problem auch die Rolle des Chores. Der kommt immer aus derselben Ecke und wirkt eher wie aus einem Guss denn wie ein vielfach geteilter Corpus, der Reichsstände, Honoratioren, Bürger, Nonnen und Engel repräsentiert.

Das Oratorium endet, als stünde die Welt im Krieg. Der Halbchor der Reichsstände ruft: »Tötet die Ketzer im Namen des Herrn, schlachtet die Ungläubigen!« Darauf der Chor der Engel: »Und nicht aufhören wird dieser Krieg, nach den dreißig Jahren zieht er über die Welt und wird sich den Erdkreis unterwerfen.« Ins Gegenteil verkehrt ist das »Gloria« am Ende. Es ist ein Requiem.

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