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Aufarbeitung des deutschen Atomkonflikts

Wissenschaftler aus Institutionen und Bewegung gründen offenes »Netzwerk Nukleares Gedächtnis«

  • Von Juliane Dickel
  • Lesedauer: 3 Min.

Als der Bundestag vor drei Jahren die Kommission zur Endlagersuche für Atommüll einrichtete, weigerten sich Anti-Atom-Aktivisten mitzuarbeiten. Sie fürchteten Vereinnahmung und kritisierten, dass es keinen Diskurs auf Augenhöhe und keine Aufarbeitung staatlicher Fehler und Gewalt gebe. Das Forschungszentrum für Umweltpolitik (FFU) der Freien Universität Berlin wollte diesen Forderungen nun nachkommen, denn auch die staatlich neu begonnene Endlagersuche werde immer wieder von der Polarisierung im Atomkonflikt eingeholt. Am Wochenende diskutierten 30 Vertreter von Forschungseinrichtungen, Politik und Anti-AKW-Bewegung über die Auseinandersetzung der letzten 40 Jahre rund um die Atomenergie in Deutschland. In dem Konflikt hatten sich Staat, Wirtschaft und Wissenschaft auf der einen und Bürger und Bewegung auf der anderen Seite gegenübergestanden.

Auch heute begegne man noch oft der Weigerung, die eigenen Positionen kritisch zu reflektieren, berichtete Jan-Henrik Meyer von der Universität Kopenhagen. Er ist Teil des europäischen Forschungsprojekts »Geschichte der Kernenergie und Gesellschaft«, das finanziert von der Europäischen Atomgemeinschaft (Euratom) die Geschichte der Kontroverse in 20 Staaten untersucht. »Es ist nicht nur ein polarisierter, sondern auch ein ganz stark emotionalisierter Konflikt - auf beiden Seiten«, so Meyer.

Um eine gemeinsame Aufarbeitung zu beginnen, wurde bei der Tagung das »Netzwerk Nukleares Gedächtnis« gegründet. Begleitend zur Endlagersuche sollen jetzt zwar professionelle Institutionen eine öffentliche Debatte organisieren, erklärt Achim Brunnengräber vom FFU, man tausche sich aber nicht mit den Akteuren von damals aus. »So werden Erfahrungen verschenkt, obwohl die Akteure zumindest sehr gut wissen, wie es nicht gemacht wird.«

Durch das Netzwerk öffne man Räume, um Erwartungen und Probleme aus der Zivilgesellschaft heraus zu formulieren. Als wichtiges gemeinsames Interesse wurde festgehalten, die Archivbestände zu sichern, die bei Initiativen bis Industrie lagerten. Längerfristig will man kooperative Forschungsprojekte entwickeln. Ein nächstes Treffen ist im Frühjahr geplant.

»Ich hoffe, dass so die Erfahrungen meiner Generation bewahrt werden für die, die nach uns kommen«, fasst Ulrike Donat ihre Motivation zusammen. Die Rechtsanwältin hat für die Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg die Gerichtsverfahren um Castor-Transporte begleitet. Das Problem, so Donat: »Weil der Atommüll so gefährlich ist, bräuchten wir eine gemeinsame Gestaltungsidee. Das haben wir wegen des großen Misstrauens aber nicht.«

Seitens der Anti-AKW-Gruppierungen waren überwiegend Vertreter des Gorleben Archivs anwesend, das die Auseinandersetzungen im Wendland aufarbeitet. Eine umfangreiche Arbeit wird aber nur möglich sein, wenn das Netzwerk breite Unterstützung in der Anti-Atom-Bewegung findet. Diese besteht aus vielen meist lokalen Initiativen um Atomstandorte, die alle spezifisches Wissen, Erfahrungen und kistenweise Dokumente haben. Ein Mammutprojekt, das Zeit, Personal, Methoden und Forschungsgelder benötigt.

Auf das Gesetz zur Endlagersuche hat das keinen Einfluss, da dieses seit Mai in Kraft ist. Möglich sind aber Lehren für den Umgang mit der Zivilgesellschaft im noch Jahrzehnte andauernden Endlagerungsprozess. Zumindest reden Wissenschaft und Widerstand heute nicht mehr gegeneinander, sondern miteinander. Und, so Brunnengräber: »Es gibt den Willen, an dem Prozess der Standortsuche produktiv mitzuarbeiten.« Wichtig wird aber ein gleichberechtigter Diskurs sein, in dem sich niemand vereinnahmt fühlt. Denn wie Asta von Oppen, Ratsfrau der Grünen in Gartow (Lüchow-Dannenberg) festhielt: »Für Akzeptanzforschung stehen wir nicht zur Verfügung.«

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