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Schreien in Echtzeit

Christoph Ruf über Stadien des Grauens, wo der mediale Zeitgeist das Fußballerlebnis nicht besser macht

  • Von Christoph Ruf
  • Lesedauer: 4 Min.

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Was ist nur los mit mir? Ist es schon die 128. Folgeerscheinung der vor längerer Zeit selbst diagnostizierten Midlife-Crisis. Oder liegt es einfach nur an dem Buch, das ich gerade zu Ende gelesen habe? »Quality Land« von Marc-Uwe Kling. Ein Buch, das in fernen Zeiten spielt, in denen die Algorithmen wissen, was man will, braucht und kauft. Es ist ein Science-Fiction-Roman, der zuweilen ausgesprochen komisch ist, seinen Schrecken aber vor allem deshalb ausstrahlt, weil einem viele Beobachtungen gruselig gegenwärtig vorkommen. Die Drohne überm Garten ist bei Kling so banal wie es heute das Auto in der Garage ist.

Jedenfalls fiel mir natürlich schon vor Jahren im Urlaub, aber auch beim In-der-Stadt-Herumschlendern auf, dass die Zahl der Menschen exponentiell zunimmt, die das, was sie früher mit ihren eigenen Augen gesehen haben, nur noch filmen oder fotografieren. Der Blick auf die Bühne beim Gitarrensolo? Versperrt im Handywald. Der über den Grand Canyon? Nur noch möglich, wenn man sich ein kleines Sichtfenster zwischen den künstlich grinsenden Touris mit Selfiestick erkämpft hat. Die Schulvorführung des eigenen Kindes? Sie haben sich in die erste Reihe gesetzt, denn sie ahnten das Hindernis. Und Sie ahnen vielleicht auch, was man sich fragt, wenn man in einem Zeitalter groß geworden ist, in dem man noch mit Polaroidkameras fotografierte und mit Kassettenrekorder Musik hörte.

Wer zum Henker schaut sich nach der Rückkehr von Arizona nach Recklinghausen an, welch possierliche Bewegungen das 113. Eichhörnchen von links auf dem 114. Eichhörnchen-Filmchen des Urlaubs gemacht hat? Wer hört sich einen Konzertmitschnitt an, der aus dem Handy so klingt wie ein bremsender Bus? Wer riskiert Prügel vom eigenen Kind, wenn er die Tante mit dessen Flötentönen beim Adventskonzert nervt? Was also soll die ganze Filmerei?

Irgendwann fiel mir dann aber auf, dass der Fußball noch relativ Handy-immun ist, was meine Grundannahme stützt, dass viele Menschen vor allem noch deshalb ins Stadion gehen, weil sie mal 90 Minuten den Kopf freikriegen wollen. Natürlich gibt es auch in den deutschen Stadien die Unsitte, alle paar Minuten auf den Knochen in der linken Hand zu starren. Einen gewissen Bezug zum Fußball haben diese Übersprungshandlungen dann ja auch sogar. »Scheiße, Müller verletzt«, an den Kumpel im Büro zu schicken, ist nicht verwerflich. Und die Neugierde, ob der Lokalrivale beim Auswärtsspiel in 400 Kilometern Entfernung immer noch zurückliegt, die kann schon sehr bohren. So sehr, dass man keinesfalls warten will, bis der verschnarchte Stadionsprecher alle zehn Minuten die vermeintlich aktuellen, in Wahrheit aber schon fünfeinhalb Minuten alten Zwischenstände von den anderen Plätzen an die Anzeigetafel projiziert.

Natürlich ist also auch der Fußball mitten im medialen Zeitgeist, aber in einer Hinsicht, schien mir, war er immun. Handykameras haben die Leute in Hamburg, München oder Gelsenkirchen nicht vor der Nase, das Spiel wird noch mit dem Auge betrachtet. Der Schrei nach der vermeintlichen Fehlentscheidung kommt in Echtzeit, die Fehlentscheidung an sich ist nicht durch eine verwackelte Aufnahme dokumentiert, die man von Reihe 23, Platz 7 aus selbst angefertigt hat.

Nun habe ich allerdings einen Freund, der bei der Kategorisierung von Fußballvereinen weitgehend ähnlich tickt wie ich, gerne aber, wenn einer seiner wirklichen Lieblingsvereine gerade mal nicht spielt, zum VfL Wolfsburg fährt. Und dort sah er am vergangenen Wochenende: das Grauen. Nämlich Menschen, die den von Marc Arnold ge- und vertretenen Elfmeter filmten, hübsch gestylte Mädchen, die Richtung Eckfahne liefen und draufhielten, als sich dort Mario Gomez warm machte und dabei ein haarsträubendes Gekreische von sich gaben, das in der nicht eben als Hexenkessel bekannten Arena elend laut zu hören gewesen sein dürfte. Meinen Freund hat das alles schwer schockiert, ich kann das gut verstehen. Und er hat danach die Theorie entwickelt, dass die Selfiestickisierung der Liga in genau den Stadien beginnen wird, in denen die Menschen vor 20 Jahren noch nicht wussten, dass es in ihrer Stadt überhaupt einen Fußballverein gibt.

Aber jetzt noch mal eine ganz andere Frage: Wer wollte noch mal diesen Drei-Minuten-Film sehen, in dem Mario Gomez 15 Mal auf die Kamera zu- und 15 Mal von der Kamera wegläuft?

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