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Grimmigkeiten und geißelnder Spott

Das Deutsche Historische Museum zeigt die »Gier nach neuen Bildern. Flugblatt, Bilderbogen, Comicstrip«

  • Von Karlen Vesper
  • Lesedauer: 6 Min.

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Wie sich die Bilder gleichen. Politische Propaganda folgt zu allen Zeiten den gleichen Mustern. Der Gegner wird entweder zum Dämon, Teufel oder Menschenfresser verzerrt und überhöht oder als Wicht, Hampelmann, leichte Beute verharmlost und unterschätzt. Tatsächlich hat Otto von Bismarck für seinen König, der 1871 Kaiser über alle Deutschen werden sollte, drei Kriege geführt. Zum »Frühstück des Kosaken« (Sawtrak Kosaka): Der Russisch-Japanische Krieg endete mit einer schmählichen Niederlage des Zarenreiches und bescherte der Autokratie 1905 die erste Revolution.

Vor einigen Jahren war im Berliner Zeughaus Histotrienmalerei zu sehen. »Da hat es Klick gemacht«, offenbart Leonore Koschnik, Kuratorin einer neuen Sonderausstellungen des Deutschen Historischen Museums, der bereits vierten in diesem Jahr. Es geht im DHM expositionell scheinbar zu wie beim Semmelbacken. Jedenfalls sei seinerzeit die Idee geboren worden, nach Zeugnissen bildlicher Nachrichtenverbreitung vor der Erfindung der Pressefotografie zu stöbern, sich im eigenen Fundus und in Magazinen anderer Musentempel umzuschauen. »Wir konnten auch ein bischen einkaufen gehen«, freut sich Leonore Koschnik, die explizit den eigenen reichhaltigen Bestand würdigt. Dieser verdankt sich maßgeblich dem DHM-Vorgänger, dem DDR-Museum für Deutsche Geschichte. Wie der einstige Generaldirektor Kurt Wernicke dem »neuen deutschland« verriet, war schon Anfang der 1950er Jahre in Halle eine stattliche Privatsammlung zum Sujet erworben worden. Der gegenwärtige Herr im Schinkelbau, Raphael Gross, wiederum gesteht, dass er solche üppigen Bilderwelten, wie sie nun im I.M. Pei-Bau der Öffentlichkeit geboten werden, bis dato nirgends gesehen habe.

Die »Gier nach neuen Bildern« komplettiert die bis zum 1. Januar verlängerte Ausstellung »Die Erfindung der Pressefotografie«, dokumentiert den »Bildjournalismus« davor sowie künstlerische »Nachfahren« bis in die Gegenwart hinein.

Am Anfang war die Moritat, Bildergeschichten über Mord- und Totschlag und die Bestrafung der Delinquenten »zum Frohlocken« und zur »Belehrung« des Volkes. Die Ausstellung zeigt auch eine zeitgenössische Kommentierung der Hinrichtungen des jüdischen Geschäftsmannes Joseph Süß Oppenheimer am 4. Februar 1738 in Stuttgart, der nach dem Tode seines Herzogs allerlei irrsinniger Schandtaten bezichtigt wurde. Landauf, landab reisende Bänkelsänger berichteten anhand von Schautafeln über blutige Kriege oder menschliche Schicksalsschläge wie Missgeburten, Unfälle, Naturkatastrophen, begierig vom leseunkundigen Volk aufgesogen. Eine Augsburger »Erbärmliche Zeitung und Geschicht« informiert über den Einsturz der Illerbrücke 1604, bei der rund 250 Menschen ums Leben kamen. Ein »Schrei des Entsetzens« hallte am Sonntag, dem 14. Juni 1891, durch ganz Europa: »Ein Eisenbahnunglück, wie es so gräßlich die Neuzeit noch nicht gesehen«, hatte sich in Münchenstein im Schweizer Kanton Basel ereignet. Auf dem Bildbericht beobachten - im Gegensatz zum vorher zitierten - Massen von Schaulustigen, wie die unglückseligen Opfer im Fluss ertranken. Wollte der Zeichner Voyeurismus anklagen?

Es geht auch sehr politisch zu. 1791 wurde den Deutschen das Gruseln gelehrt - mit »Grimmigkeiten der rebellischen Neger«. Die Sklaven von Saint-Domingue, der reichsten Kolonie Frankreichs, hatten den Aufstand gewagt, inspiriert von der Großen Revolution der Franzosen, was diese ihnen jedoch verübelten. In rassistischem Bruderschluss empörten sich auch die Deutschen über den »Wüterich«, den Anführer der Aufständischen, der sich am 8. Oktober 1804 zum Kaiser von Haiti kürte. Die Ausstellung zeigt filigrane Porzellanfiguren eines Bilderhändlers und einer Bilderhändlerin sowie einer Menschengruppe um einen Guckkasten. Schade, dass ein solcher nicht im Original und zur Selbstbedienung ausgestellt ist. Darauf habe man aus konservatorischer Rücksicht verzichtet, antwortet Ko-Kurator Benjamin Moritzfeld. Eine Zeichnung von Jost Ammann »Der Kramer mit der newe Zeittung« (1589) preist an: »Ihr liebe gutte fromme Herren,/Die ihr hört Neuwe Zeittung gern./Hie bring ich euch ein gantzen Hauffen,/Die will ich euch als bar verkauffen.«

Waren die ersten Bilder- und Nachrichtenverkäufer noch als Hausierer unterwegs, übernahmen im 17. und 18. Jahrhundert Verlagshäuser das florierende Geschäft.

Großer Berühmtheit und Beliebtheit erfreute sich der »Neuruppiner Bilderbogen«. Sein Auflage sprengte schon 1832 die Millionengrenze. Unkolorierte Blätter kosteten drei Pfennige, kolorierte sechs, was sich Fabrikarbeiter und »Gesindel« leisten konnten. Der »Münchener Bilderbogen« hingegen war nur für die Betuchten. Die ältesten russischen Volksbilderbögen (Lubok) sind aus Kiew, aus den Jahren 1627 bis 1629, überliefert. Im Ersten Weltkrieg erlebte der Lubok nochmals eine Blüte. An die plakativen, grellfarbigen Lubki knüpften die Avantgardisten des Roten Oktobers an, wie die »Rosta-Fenster« belegen.

Den Holzschnitt löste sukzessive der teure, aber haltbarere Kupferstich ab, der wiederum durch die preiswertere, weitaus größere Stückzahlen, bis zu 3000 Exemplare, ausstoßende Lithographie ersetzt wurde. Zu den gegenständlichen Exponaten gehört eine Kupferdruckpresse aus Antwerpen. Aktuell mutet die Kupferstichfolge »Deß Friedens Lust - Deß Krieges Last« (1717) an, 16 Blätter von Martin Engelbrecht. Eine lithographische Serie von Julius Steinmetz zeigt Barrikadenszenen in Berlin 1848. Und man erfährt, dass die politische Karikatur sich von der britischen Insel, wo die Zensur zahmer war, auf das europäische Festland ausbreitete; hierfür steht ab 1735 der Name William Hogarth.

Die Ausstellung ist nicht stringent chronologisch aufgebaut. Sie gliedert sich in drei Abschnitte, farblich voneinander abgehoben: Exponate der Yellow Press, selbst wenn diese aus der Zeit vor der Geburt des so titulierten Boulevards stammen, finden sich im gelben Bereich, Provokation und Propaganda sind rot markiert und die humorvolle Unterhaltung blau (Schnaps gefällig?). Im ersten Bereich zuckt man angesichts überlebensgroßer »Helden«, Radfahrer und Radfahrerin, Fußballspieler und Athlet, unwillkürlich zusammen; sie wurden Anfang des 20. Jahrhunderts vom Weissenburger Verlag gedruckt, der sich auf die dekorative Ausgestaltung patriotischer Feiern, Vereinstreffen und Karnevalsfeste kapriziert hatte.

Zum Metier Propaganda und Satire gehört das im »Kampf um den rechten Glauben« geschaffene, bekannte Blatt von Lucas Cranach d. Ä. »Monstrum Romae« (1545), auf dem der Papst als Esel mit schuppigem Körper und Krallen eines Raubvogels dargestellt ist. Keck und knallbunt karikierte der »Kladderadatsch« 1905 die damaligen G 10: den US-Präsidenten Theodore Roosevelt mit Olivenzweig, den Zaren Nikolaus II., den japanischen Tennō, den französischen Präsidenten, die spanischen, britischen, belgischen und griechischen Könige, den Sultan des Osmanischen Reiches und den deutschen Kaiser. Großartig der geißelnde Spott von Otto Dix und Georg Grosz auf völkischen Ungeist und vaterländischen Popanz. Das Titelblatt der Zeitschrift »Die Pleite« des Malik-Verlages ruft im April 1919 aus: »Prost Noske - das Proletariat ist entwaffnet«; dazu von Grosz gezeichnete blutüberströmte Leichen. Die satirische Arbeiterzeitung »Knüppel« zeigt Karikaturen auf Hitler und Ludendorff aus der Feder des Ungarn Lászlo Dálos, der unter Pseudonym L. Griffel für diverse KP-Zeitungen arbeitete. Es fehlen nicht »Simplicissimus«, »Eulenspiegel«, »Titanic« und »Charlie Hebdo«.

Aufgenommen ist auch das NS-Schmähblatt »Brennessel«: Ein SA-Mann mäht mit einer Sichel wie Unkraut Kommunisten, Sozialdemokraten, Zentrumspolitiker hinweg. Auf das große Morden stimmte indes schon ein Dresdner Bilderbogen von 1894 unter dem Titel »Im 20. Jahrhundert« ein, er suggeriert einen kommender »Endkampf« zwischen Deutschtum und Judentum. Nach diesen beklemmenden Konfrontationen kann man im letzten Abschnitt aufatmen. Da sind Bilder- und Bastelbögen für Kinder zu sehen, die indes ebenso nicht unpolitisch sind, wie jene, die dereinst die Knaben auf den militärischen Drill und die Mädels auf Heim und Herd vorbereiten sollten. Ein Stuttgarter Bilderbogen begleitet den schwäbischen Michel auf Reisen. Man begegnet »Max und Moritz« von Wilhelm Busch auch in einer US-amerikanischen Version und dem legendären »Mosaik« aus der DDR. Übrigens, Sprechblasen gab es schon im 18. Jahrhundert. Das darf durchaus doppeldeutig verstanden werden.

Gier nach neuen Bildern. Flugblatt, Bilderbogen, Comicstrip. Bis 8. April 2018, täglich 10 - 18 Uhr, 8 €, ermäßigt 4 €, Katalog (Theiss, 255 S., geb., 29,95 €); am 7. November kostenloser Eintritt.

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