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Damit die Angst nicht bleibt

Seit 25 Jahren unterstützt das Berliner »Zentrum ÜBERLEBEN« traumatisierte Flüchtlinge

  • Von Ulrike Henning
  • Lesedauer: 4 Min.

Das »Zentrum ÜBERLEBEN« wurde im Oktober 25. Hinter dem Namen steckt das ehemalige »Behandlungszentrum für Folteropfer e.V.«. Vor etwa einem Jahr gliederte der Verein seine eigentlichen Aktivitäten in eine gemeinnützige GmbH aus und wurde selbst einer von deren Trägern. Ursprünglich wurde die Einrichtung gegründet, um folterüberlebenden Frauen - vor allem Kurdinnen aus der Türkei - psychotherapeutisch zu helfen. Später kamen Frauen aus dem Kosovo hinzu, die ebenfalls Opfer staatlicher Gewalt geworden waren. Mit den Jahren wurden es immer mehr Herkunftsländer. Heute kommen die Klienten vor allem aus Syrien, Irak, Afghanistan und Eritrea.

1992 begann alles mit einer kleinen Behandlungseinheit im Berliner Klinikum Westend, die stetig wuchs. Seit 2005 gibt es ein Behandlungszentrum, das inzwischen durch eine ambulante Abteilung für Kinder und Jugendliche ergänzt wurde. Hier erhalten unbegleitete minderjährige Flüchtlinge oder ehemalige Kindersoldaten therapeutische Hilfe. Heute wird die seit 2003 bestehende Tagesklinik für Erwachsene wird in Kooperation mit der Charité betrieben.

Hier arbeiten unter anderem Psychiater und Allgemeinmediziner. Zum Einsatz kommen verschiedenste ergänzende Therapien von der Krankengymnastik über Psychotherapie, einzeln oder in der Gruppe, bis zu künstlerischen oder sportlichen Aktivitäten. Nicht zuletzt gibt es Deutschunterricht in kleinen Gruppen. Viele dieser Angebote sind auch für diejenigen offen, die nicht den ganzen Tag über Begleitung und Betreuung brauchen.

Die Aufgabe, den Traumatisierten die Sicherheit und die Möglichkeit für einen Neustart im Exil zu geben, erweist sich als äußerst komplex. Ein Teil der Betroffenen ist durch direkte staatliche Gewalt und Folter geschädigt. Andere Frauen, Männer und Kinder sind durch Kriegsfolgen und Gewalterlebnisse auf dem Fluchtweg psychisch angegriffen. Auch für sie steht das Zentrum offen. Für viele von ihnen ist in Deutschland alles fremd, angefangen von der Sprache, über die Unklarheit, wer ihnen helfen kann, bis zu den alltäglichen Lebensbedingungen. Hinzu kommt die Sorge um zurückgebliebene Angehörige.

»Alles zusammen führt oft zu einer Art sekundärer Traumatisierung«, berichtet Mercedes Hillen, die seit 2008 Geschäftsführerin und ärztliche Leiterin der Einrichtung ist. Die Internistin bedauert, dass sie und ihre Mitarbeiter nicht in allen Fällen helfen können, viele Bereiche des Zentrums seien »chronisch überbelegt.« 2016 betreute das Zentrum 584 Patienten, mit psychosozialen Angeboten wurden viele weitere Frauen und Männer erreicht. Laut Hillen hat die Begleitforschung ergeben, dass es vor allem wichtig ist, schnell mit einer Behandlung anzufangen, damit die meist diagnostizierten posttraumatischen Belastungsstörungen sich nicht verfestigen und weitere psychische Probleme nach sich ziehen.

Einen sehr großen Anteil der Arbeit nehmen jene Fragen ein, die die Gegenwart und Zukunft in Deutschland betreffen: Beratung zu rechtlichen Fragen, zum Verlauf des Asylverfahrens etwa, zur Wohnungs- und Arbeitssuche, zur Kinderbetreuung. Vor jedem Flüchtling liegt ein großes Pensum Arbeit, bis all dies geklärt ist. Bei manchen Problemen, zum Beispiel bei der Wohnungssuche, scheinen Lösungen reine Glückssache. »Aber eine psychische Krise kann nicht ausgestanden werden, wenn Menschen monatelang in Massenquartieren eingepfercht bleiben«, kritisiert Hillen.

Eigentlich handelt es sich bei den Klienten des Zentrums um besonders verletzliche Flüchtlinge, denen auch die EU besondere Unterstützung zusichert. Doch in der Praxis haben die Mitarbeiter des Zentrums mit den Folgen der »fehlgeleiteten Asyl- und Migrationspolitik in Deutschland« und der Abschottung der EU zu kämpfen, wie Hillen erzählt. Viele zusätzlich belastende Flucht- und Lebensbedingungen könnten durch politische Entscheidungen vermieden oder eingegrenzt werden, zum Beispiel wenn endlich die Abschiebungen nach Afghanistan gestoppt würden. Denn bei dem Land handele es sich eben nicht um ein sicheres Gebiet. Ein weiteres Problem: Die prekäre Finanzierung der erfahrenen Dolmetscher, die unter anderem für Psychotherapien unverzichtbar sind.

Das mittel- und langfristige Ziel des Zentrums ist eine Integration in jeglicher Hinsicht. Ohne eine berufliche Perspektive und Einbindung kann wirkungsvolle psychotherapeutische Hilfe nur schwer gelingen. So vermitteln Sozialarbeiter Praktika und Ausbildungsplätze, Schritt für Schritt kann das auch zu Jobs führen, bis jetzt vor allem in der Pflege - durch eine eigene Berufsfachschule - oder auch im Handel oder im technischen Bereich. Obwohl Hillen und ihre Mitarbeiter für viele der Aufgaben immer wieder finanzielle Lösungen oder zumindest zeitweilige Fördermittel erkämpft haben, ist das Zentrum weiterhin auf Spenden angewiesen.

Weitere Informationen im Internet unter www.ueberleben.org

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